Share-Economy: Teilweise fraglich

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“Share-Economy” ist spätestens seit der diesjährigen Branchen-Leitmesse Cebit kein Fremdwort mehr. Aber fernab von Internetmarktplätzen für geteilte Autos und Bohrmaschinen, hat es die vielzitierte Ökonomie des Teilens in sich. Dann, wenn es um das Teilen von Informationen, Wissen oder kritischen Daten geht, verblasst die naiv anmutende Sharing-Debatte und muss sich den harten Fakten der Unternehmens-Realität stellen.

Sicher, Selbstlosigkeit, die der Share-Gedanke im ersten Moment vermittelt, steht dem Image der Anbieterunternehmen, zum Beispiel als attraktiver Arbeitgeber, gut zu Gesicht. Dieselben positiven Abstrahleffekte wirken, wenn ein Unternehmen propagiert, seine interne Kommunikation funktioniere nach dem Prinzip des Information-Sharing und des vernetzten, sozialen Austausches weit über die Firmengrenzen hinweg. Wie aber steht es um das selbstlose Miteinander, wenn ein Team durch geteiltes Wissen seinem Arbeitgeber zu einer großen Innovation verhilft?

Hier dient das Teilen klar einem kapitalistischen Zweck, Geld zu machen und mit Innovationen möglichst schneller als der Wettbewerb zu sein. Auch die Teammitglieder erwarten eine entsprechende Gegenleistung für ihre zündende Idee. Selbstlosigkeit Fehlanzeige. Denn wer sein Wissen teilt, weiß um dessen Wert und will belohnt werden.

Und je mehr der wirtschaftliche Erfolg von Ideengebern, kreativen Köpfen und geistigem Eigentum abhängt, desto stärker wird das Teilen im finanziellen und geschäftlichen Kontext stehen. Ohne Geld geht nichts. Mitarbeiter sollen schließlich global vernetzt in schlagkräftigen Teams effizient zusammenarbeiten, damit Produkt- oder Service-Innovationen noch schneller marktreif werden. Besonders wenn es um den Schutz des geistigen Eigentums geht, liegt Unternehmen nichts ferner als das Teilen.

Nicht ohne Grund, weiß Dr. Thomas Jansen, Partner bei der Wirtschaftskanzlei DLA Piper: “Gerade weil das Teilen von Informationen heute im Trend liegt und sehr transparent gehalten wird, kommt es immer häufiger zu unbewusstem Know-How-Abfluss.” Das verdeutlicht ein Vorfall, der unlängst auf seinem Schreibtisch landete. “Ein großer Technologiekonzern ging zu Finanzierungszwecken eine Kooperation mit einem asiatischen Konkurrenzunternehmen ein. Dieses wiederum erwarb Gesellschaftsanteile und erhielt Zugang zu patentierter Technologie. Über einen Zeitraum von zwei Jahren waren denn auch die asiatischen Mitarbeiter im deutschen Konzern beschäftigt. Wie sich im Nachhinein herausstellte, lang genug, um alles technische Know-How und sonstige Geschäftsgeheimnisse an deren Mutterkonzern weiterzuleiten. Allzu sorgloses Teilen bringt Unternehmen in die Klemme.

Um herauszufinden, was man besser nicht teilen sollte, hat der Cloud-Security-Anbieter Trendmicro kürzlich in einem fiktiven Praxistest eindrucksvoll nachgestellt. Bedrohungsforscher des Unternehmens erstellten an einer Pumpstation einer US-amerikanischen Kleinstadt ein Wasserdruck-Kontrollsystem, das über das Internet sichtbar war. Steuerungseinheiten für Wasserpumpen sowie die technischen Dokumente der Pumpstationen konnten online eingesehen werden. Das Ergebnis: bereits nach 18 Stunden kamen die ersten Attacken. Und innerhalb nur eines Monats verzeichnete das Unternehmen 39 Angriffe aus 14 Ländern. Schnell gerät geteiltes Wissen also in die falschen Hände und richtet großen Schaden an.

“Tatsächlich vom Know-How-Diebstahl bedroht sind heute Unternehmen, deren Wachstum stark vom Technologie- oder Wissensvorsprung abhängt. Wahrscheinlicher als ein Hackerangriff ist allerdings der Wissensklau durch eigene Mitarbeiter, zum Beispiel durch Überspielen von Datenträgern oder die Bestechung von Mitarbeitern zur Preisgabe von Informationen, weiß Thomas Jansen.

Die zentrale Frage für die wissensgetriebene Industrie darf daher nicht lauten: wir ermöglichen wir eine Arbeitskultur des Teilens? Sondern vielmehr: inwieweit sind Know-How-Schutz und die Share-Economy wirtschaftlich vereinbar? Unternehmen, die ihr geistiges Eigentum im Zuge des Sharing-Hypes zu großzügig verbreiten, riskieren am Ende nicht nur dessen Schutz, sondern schlimmer noch: sie schmälern die Wertschätzung ihres Wissens.

CeBIT 2013: Martin Kinne, Geschäftsführer Siemens Enterprise Communication

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