Juni-Rückblick: Hashtag

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Erstmalig ist heuer ein # mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. #aufschrei prangert im sozialen Netzwerk Sexismus an. Das ist verdienstvoll. Verdienstvoll wäre es auch, diese sozialen Netzwerke selbst einmal anzuprangern. Vielleicht ein Vorschlag fürs nächste Jahr.

Es war diese unschlagbare Kombination aus Hashtag und Rainer Brüderle, die diesen Monat für preiswürdig befunden wurde. Der Hashtag steht für die Moderne schlechthin – für Twitter. Und Facebook führt ihn jetzt auch ein.

Der FDP-Spitzenkandidat wiederum steht für jene Zeiten, als “Sex and Drugs and Rock’n Roll” noch “Wein, Weib und Gesang” hießen. Und eben deshalb bilden diese beiden Gegenpole wohl eine untrennbare dialektische Einheit: Rainer Brüderle spielte denn auch im Juni wieder eine tragende Rolle im User generated Content.

Vom “fröhlichen Weinberg” kommend – damit keine Missverständnisse entstehen: Dabei handelt es sich um ein Bühnenstück von Carl Zuckmayer – strauchelte die liberale Spitzenkraft vorige Woche und brach sich Arm und Bein.

Das verhalf dem deutschen Liedgut zu einem Revival im World Wide Web. An “Sieben Fässer” Wein von Roland Kaiser fühlte sich der Surfer Eberhard Freytag erinnert. Und Fred Feuerstein, so nannte der sich jedenfalls, kam die schöne alte Weise “Trink, trink, Brüderlein trink” in den Sinn. Einordnend muss hier angemerkt werden, dass es weh tut, wenn man sich einen oder gar mehrere Knochen bricht, und dass man deswegen über so was keine Witze reißen sollte – auch wenn sie noch so gut sind.

Aber nicht der “Probierschluck”, den Brüderle nach eigenem Bekunden bei der Weinprobe am Rande der Theateraufführung genommen hatte, löste die Preisverleihung an einen Hashtag aus, sondern die – wahrscheinlich mehreren – Gläser Weißwein, die er vor anderthalb Jahren intus hatte, als er eine Stern-Journalistin mit dem belästigte, was er für Charme hielt. Der Veröffentlichung dieser Geschichte folgte ein #aufschrei. Und der wurde diesen Monat mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet.

Ein Altchen also, am Ende des siebten Lebensjahrzehnts stehend, das offenkundig Alkohol- und Hormonpegel verwechselt, als Anlass für die Verleihung eines renommierten Journalistenpreises. Gibt es denn nichts Spektakuläreres aufzudecken? fragt man sich da doch. – Es gibt wohl nicht.

Wer etwa im schönsten Oberbayern, im Landkreis Rosenheim, vor ein paar Jahren schon einmal ausgiebig Drogen konsumiert hat – jene werden dort allerdings in Form von Bier und nicht von Wein offeriert – der konnte sich dabei im Rausch vorkommen wie auf Gulliver’s Reisen von Jonathan Swift (1667-1745): Überdimensionierte Golfbälle umgaben dort, in Bad Aibling, die Biergärten.

Das war allerdings keine Drogenphantasie. “Des is Echelon”, wusste damals jeder Einheimische, ein amerikanisch-britisches Spionage- und Überwachungs-Joint-Venture. In den Riesen-Golfbällen steckten Satellitenantennen. Das es so was gibt, ist also schon lange bekannt.

Aber diesen Juni hat ein Amerikaner Namens Edward Snowden auf die Nachfolge-Programme hingewiesen. Sie heißen britisch “Tempora” und amerikanisch “Prism”. Die Veröffentlichungen des Guardian und der Washington Post, die Snowdon informiert hat, legen nahe, dass alle großen Internet-Konzerne von A wie Apple über F wie Facebook bis hin zu Y wie Yahoo die NSA auf ihre Server zugreifen lassen.

Als “lawful and necessary” (rechtmäßig und notwendig) bezeichnet der NSA-Direktor James Clapper Prism. Und sein Präsident bestärkt ihn in dieser Auffassung. Die Internet-Konzerne wiederum betonen, sie gäben Nutzerdaten nur im rechtlich notwendigen Rahmen heraus.

Edward Snowden schließlich vertritt die Ansicht: “The public needs to know the kinds of things a government does in its name”. (Die Öffentlichkeit muss die Dinge erfahren, die eine Regierung in ihrem Namen unternimmt.)
– Und derartiges sollte eigentlich ja auch im Sinne dieser Regierung sein, so die Dinge, die sie unternimmt, rechtmäßig und notwendig sind. Denn um das Notwendige zu tun und das Gesetz zu schützen, wird sie schließlich gewählt. Und dafür, dass die Öffentlichkeit von der Erfüllung eines Regierungsauftrags erfährt, werden üblicher Weise sogar gut ausgestattete Presse-Ämter eingerichtet.

Aber Edward Snowden muss geahnt haben, dass seine guten Argumente nicht einleuchten. Er verließ Hawaii, das er ein Paradies nennt, wo zu leben, er als Privileg empfand, und begab sich auf die Flucht. Prompt wurde er denn auch von Datenspionen der Spionage angeklagt. – Es ist eine verkehrte Welt!

Und noch etwas Bemerkenswertes hat sich diesen Monat im Netz ereignet. Facebook-Nutzer, die ihr Mailadressbuch hochgeladen hatten und wieder herunterluden, bekamen es ergänzt um Daten aus anderen Adressbüchern.

Durch das Zusammenführen von Datensätzen aus verschiedenen Quellen werden gemeinhin persönliche Profile erstellt. Dass Internet-Konzerne damit ihr Geld verdienen, ist bekannt. So wie bekannt ist, dass alte Männer nach erhöhtem Alkoholkonsum leicht Benimmprobleme bekommen.

Im Netz sind gewaltige Datensammelstellen entstanden. Und jeder weiß es. Edward Snowden allerdings ist es zu danken, dass jetzt jeder wissen kann: Nicht nur unzählige Marketiers und Werber greifen darauf zu, sondern auch die NSA. Sollte es noch einer Warnung vor Datenkraken bedurft haben, Ed Snowden hat sie geliefert.

Man wünscht diesem mutigen Mann, dass er einen demokratischen Rechtsstaat findet, der ihm politisches Asyl gewährt. – Und dass ein Komitee des Grimme-Instituts nächstes Jahr dorthin reist, um ihm den Online-Award zu überreichen, das sollte sich eigentlich von selbst verstehen.

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