IRQ 13-10: Wiki oder Huffpost

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Die Medientage sind wieder diese Woche in München. So nennt sich das, wenn Journalisten über die Zukunft ihres Geschäfts sprechen. In einen Medien-, einen Infrastruktur-, einen Publishing-, einen Online- und einen Content-Gipfel gliedert sich der Kongress. Drunter geht’s offenbar nicht. Zur Beantwortung der entscheidenden Frage reicht allerdings auch ein Blick in die Zeitung.

Nichts ist so uninteressant wie die Zeitung von gestern, heißt’s immer. – Mag sein, aber die von vor einer Woche ist hochinteressant. Alles, was man über die Zukunft der Medien wissen muss, steht da drin, in einem Zweispalter, einer Meldung und einem Interview in der Werbebeilage.

Sie ist irgendwie liegen geblieben, die SZ vom letzten Freitag, neben der Badewanne. Da, wo alles liegt, was noch gelesen werden muss, weil’s doch schad’ d’rum wär’. Es hat schließlich Geld gekostet – im Unterschied zum Internet, wo alles umsonst ist.

Und deshalb sind auch die Zeitungen in der Krise. Auf Seite 47 kann man das wieder mal nachlesen: Die Financial Times stellt alle gedruckten Regionalausgaben ein.

Eigentlich ist das ja eine Nachricht von historischer Tragweite. Schließlich hat mit dem Wirtschaftsjournalismus das moderne Zeitungswesen überhaupt erst begonnen, als Paul Julius Reuter im vorvergangenen Jahrhundert anfing, geldwerte Neuigkeiten zu kabeln. Aber mehr als 13 Zeilen war der SZ-Redaktion diese Meldung nicht wert. Es gab halt schon viele dieser Art zuvor.

Wie’s weitergehen könnte, steht im Zweispalter darüber: “Die ‘Huffington Post’ startet in Deutschland”. – Man tut gut daran, diesen Artikel im warmen Badewasser zu lesen. Es würde einen sonst doch zu sehr frösteln.

“Sie fördere einen ‘neuen Journalismus'”, wird da Arianna Huffington zitiert. Die Gute. 300 Millionen Dollar hat sie damit in ihre Taschen ge- und befördert, als sie nach sechs Jahren ihr digitales Blatt an die Content-Mühle AOL verkauft hat.

Mittlerweile sind in der Huffpost auch Artikel über andere Profiteure des Internet erschienen, wie Jeffrey Preston Bezos seine Untergebenen zusammenfaltet etwa: “Bist du faul oder nur inkompetent?” Und wie sich bei der Produktion schicker Gadgets noch mehr Geld machen lässt als nur mit schlecht bezahlten Arbeitern: “Foxconn zwingt Studenten zur Arbeit”.

Sie hingegen zwinge niemanden, zitiert die SZ Arianna Huffington. Und das stimmt. Die 300 Millionen hat sie nur einstreichen können, weil Hunderte freiwillig ohne Bezahlung für ihre Publikation geschrieben haben, so wie Hunderte Halbwüchsiger sich regelmäßig freiwillig lächerlich machen, wenn Deutschland wieder einmal den Superstar sucht – aber selbstverständlich nie findet.

Das wäre denn also ein Szenario für die Zukunft der Informationsgesellschaft: Praktikanten, Amateure und Youngsters erledigen die Drecksarbeit, weil sie auf die Welt des Glamours und des Geldes hoffen, die nur deshalb existiert, weil sie das umsonst tun.

Apropos Glamour und Geld: Einen Dieter Bohlen hat die Huffpost im Unterschied zu RTL nicht. Dafür bloggen laut SZ “Boris Becker und Uschi Glas. Nach Meinung von Arianna Huffington zählen sie zu den ‘kreativsten Köpfen’ Deutschlands”. – So. Jetzt reicht’s. Die Zeitung kann zum Altpapier.

Das beigelegte SZ-Magazin – vom 11. Oktober – ist diesmal “Ein Frauenheft” sicherlich weniger aus emanzipatorischen Gründen als wegen der werbetreibenden Wirtschaft. Da spielt schließlich die Damen-Oberbekleidungsbranche eine maßgebliche Rolle. Anzeigen von Louis Vuitton, Boss, flair, Ludwig Beck und für die goldene ADAC-Kreditkarte – “Shopping-Queens haben gute Karten!” – blähen das inhaltlich dünne Heftchen auf den Umfang einer ambitionierten wissenschaftlichen Abhandlung auf. “Heute bin ich blond”, wirbt für einen angesagten Film.

Darum geht’s. – Aber als “redaktionelles Umfeld” reicht das natürlich nicht aus. Deshalb muss das Porträt einer Frau in Führungsposition in Blatt. Für die Werbewirtschaft ist die Führungsposition eine Art modisches Accessoire, das ihr lukrative Komplementär-Märkte erschließt. Deshalb interviewt ein Journalist Sue Gardner, die “Chefin” (!?) von Wikipedia.

Wieder droht einem, trotz des warmen Wassers zu frösteln. Da befasst man sich beruflich seit Jahren mit kaum etwas anderem als mit IT und kennt natürlich die beste Site im Web, aber nicht deren Chef? – Gut, da war oder ist dieser Jimi Wales. Aber dessen Erfolgsrezept besteht offenkundig gerade darin, nicht den Chef zu geben.

Wikipedia, das ist jene wunderbare Welt, worin sich Enthusiasten und Experten etwa über das Wesen des Wiener Donauturms streiten. – Na ja, sie tun das nicht immer sehr feinfühlig. Ausgedruckt würde die Debatte darüber, ob es sich dabei um einen Fernsehturm handelt oder nicht, mehrere Bände füllen.

Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Und die, die manchmal stinkstiefeln, tun das nicht mit Werbekunden oder einem Chef im Rücken. Anderthalb Millionen lesenwerte Artikel stehen allein in der deutschsprachigen Ausgabe, geschrieben von Leuten, denen es um die Sache geht. – So könnte die Medien-Zukunft doch auch aussehen.

Gut, manchmal tun bei Wikipedia auch PR-Schreiber mit. Aber denen schaut man schon auf die Finger, nicht irgendwelche Chefs oder eine Anzeigen-Abteilung – die’s überhaupt nicht gibt – sondern jene Leute, denen es um die Sache geht. Wikipedia finanziert sich durch die Spenden seiner Leser.

Wie also passt in diese prächtige Web-Publikation jene ominöse Chefin, die das der SZ beigelegte Louis-Vuitton-Werbe-Blättchen interviewt? – Überhaupt nicht! Und der Journalist ist auch trotz des degoutanten Umfelds seriös: “Zum Verständnis”, fügt er ein, Sue Gardner sei quasi nur die Chefin der Server-Administration. “Die Artikel selbst werden jedoch von denen geschrieben und korrigiert, die Lust darauf haben”.

Ok, auch das Hochglanz-Blättchen kann zum Altpapier. Aber die Lust zu schreiben, das isses doch!

Entweder entwickelt sich die Informationsgesellschaft in Richtung Huffpost oder in Richtung Wikipedia. Vielleicht sollte man ja doch mal spenden. – Damit das Gute siegt – wenigstens ein Mal.

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