Jahresrückblick: Mensch und Computer

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Achim Killer feiert sein silicon.de-Jubiläum ganz bescheiden, denn auch wenn das Internet theoretisch unendlich viel Platz für Texte liefert, hält es uns immer mehr dazu an, uns immer kürzer zu fassen und das hat inzwischen auch die politische Elite in Deutschland erfasst. Dennoch, es gibt ihn noch den Unterschied zwischen Mensch und Computer, weiß Achim Killer in seinem letzten Rückblick für das Jahr 2013.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat GroKo zum Wort des Jahres gewählt. Politiker verwenden es beim Twittern statt großer Koalition, weil’s kürzer ist und in eine SMS bloß 160 Zeichen passen [anm. d. red: in 8-Bit-Kodierungen 140 Zeichen].

Das gab’s ja schon mal, dass man sich aus technischen Gründen besonders kurz gefasst hat. Mitte des vergangenen Jahrhunderts war das. Damals wurden Jahreszahlen nur zweistellig kodiert, woraus dann Ende selbigen Jahrhunderts das Y2K-Problem erwuchs. Angeblich drohte die Welt stillzustehen, weil Mainframes eventuell das Jahr 2000 mit 1900 hätten verwechseln können.

Rückblickend mag man sich fragen, was schlimmer ist, verwirrte Mainframes (Großrechner) oder twitternde GroKos (Großkoalitionäre). „MfM!!! #Merkel für die #Maut! Juhu!“ zwitscherte Dorothee Bär (CSU) während der GroKo-Verhandlungen. Und Florian Pronold (SPD) antwortete: „@DoroBaer koa.freundl. Hinweis: Lesen bildet ;-)“. Mittlerweile aber sind die beiden sich wieder gut, weil Staatssekretäre im Verkehrs- – die Doro – beziehungsweise im Umweltministerium – der Flori.

Gute Chancen, zum Unwort des Jahres gekürt zu werden, hat wiederum das Supergrundrecht von Doros Parteifreund Hans-Peter Friedrich. Der ist sprachlich sehr viel besser drauf als seine stammelnden Kollegen auf Staatssekretärsebene. Grundrechtsverletzungen, so mag er sich gedacht haben, kommen doch viel gefälliger rüber, wenn man sie Supergrundrecht nennt. In der GroKo ist er jetzt statt Innen- Landwirtschaftsminister geworden, was sicherlich gut für die gewöhnlichen Grundrechte ist.

Das war also 2013: Wahlen und die NSA-Affäre. Und niedergeschlagen hat sich das im Wort und im wahrscheinlichen Unwort des Jahres. Beide sind der IT geschuldet. Ubiquitous Computing!

Macht die Computerei eigentlich noch vor irgendwas Halt? fagt man sich da doch. – Sie macht nicht!

Früher haben Supercomputerbauer sich mit so profanen Dingen wie der Berechnung von Nuklearexplosionen, der Proteinfaltung und der Klimaprognose für die nächsten hundert Jahre befasst. Heuer aber sind sie eine wirklich anspruchsvolle Aufgabe angegangen: die Simulation des menschlichen Gehirns. Human Brain Project nennt sich das.

Das ist beängstigend. – Nein, nicht, dass die sowas versuchen. Vielmehr die Vorstellung, dass man funktionieren könnte wie ein Computer.

Aber es ist wohl so: Die Hardware bereitet heutzutage ja kaum noch Probleme. Gut, der Rücken – IT-mäßgig gesprochen: der Backbone – der macht den meisten Arbeitsleuten etwas zu schaffen. Eine entsprechende Statistik haben diese Woche erst wieder die Betriebskrankenkassen veröffentlicht. Aber das ist wohl Preis für den aufrechten Gang, wozu der Mensch befähigt ist.

Ein herrliches Feature, wenn man es zu nutzen weiß. Dafür muss man halt bezahlen. Aber es ist seinen Preis wert. So gesehen, ist die menschliche Entwicklungsgeschichte ein echter Discounter.

Die Business-Applikationen sind meist auch hochperformant implementiert. Und sie skalieren im Lauf der Jahre immer besser.

Das liegt an einem kleinen Unterschied zwischen Mensch und Computer. Unsereins verändert seine – neuronale – Hardware, wenn er sie verwendet. Der Mensch ist ein selbstoptimierendes System, etwas, das IT-Firmen gerne versprechen, allerdings noch nie zustande gebracht haben.

Aber das Betriebssystem! Das menschliche Gemüt funktioniert, als sei’s in Redmond entwickelt worden: eine Vulnerability neben der anderen. Patches gibt’s dafür kaum. Mit Workarounds muss man sich behelfen. Und die Firewall kann man getrost vergessen.

Apropos: Es gibt da ja auch noch die andern, die, die Vulnerabitities gerne mit Hilfe von Exploits ausnutzen, die Bot-Herder. Das ist ein vielsagender Begriff aus der Computerei. Herder heißt Hirte. Und Bot kommt vom tschechischen robota, was mit Arbeit oder Frondienst übersetzt werden kann. Also eine Mischung aus guter Hirte und Sklaventreiber.

Jenseits der digitalen Welt nennt man sie Führungskräfte. Für die Leute am Command- and Control-Server nun hat sich 2013 ein bemerkenswerter Trend abgezeichnet: 70.000 Seiten findet Google mittlerweile schon zum Thema “Leadership 2.0”. – Ein 2.0er, den es nun wirklich nicht auch noch gebraucht hätte. Denn der Zombie weiß, dass ihm ein Upgrade da überhaupt nichts hilft.

Man hätte aber vielleicht… Na ja. “Hätte, hätte, Fahrradkette”, wie ein drolliger Politiker heuer gedichtet hat. Bei Youtube war er damit erfolgreich – über eine halbe Million Klicks – sonst eher weniger. Der Mann ist jetzt also auch Geschichte.

Überhaupt: Das Jahr ist gelaufen, der letzte Rückblick für heuer geschrieben. Das System taktet herunter, ein Legacy-System halt, ein komisches noch dazu: Ausgerechnet jetzt, beim Herunter-Takten, verlangt es nach Kühlung – Flüssigkeits-Kühlung.

PS: Liebe Leserin, lieber Leser,

was mir gerade noch beim Entkorken des Cabernet Sauvignon eingefallen ist: Mehr als ein Jahrzehnt lang sind wir mittlerweile schon über silicon.de verclustert. Sowas geht nur über ein solide implementiertes message passing. Also die Message: Fröhliches Updaten! Prächtig soll es werden, das 2014er Release.

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