Autoindustrie blickt mit Sorge auf Apple und Google

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Die Autoindustrie sorgt sich, die Kontrolle über das Infotainment-System im Auto zu verlieren. Mit CarPlay von Apple und Googles noch weitgehend unbekannter IVI-Lösung könnten die beiden Firmen bestimmen, welche Apps der Fahrer auf dem Bordcomputer verwenden kann. Auch die Frage zu wem die Kunden gehören, beschäftigt die Hersteller.

Auf der Telematics-Update-Konferenz in München hat sich die Autoindustrie mit Jubelstürmen über die Ankündigungen von Google und Apple, in den Bereich Vernetztes Auto einzusteigen, zurückgehalten. Analysten, App-Entwickler und Autohersteller machen sich Sorgen, dass die beiden Konzerne die Kontrolle über das Ökosystem im Auto übernehmen könnten. Ungeklärt ist zudem, zu wem die Kunden gehören. Sind es beispielsweise Android-Nutzer oder Toyota-Fahrer.

Aus iOS in the Car wird Apple CarPlay. Quelle: Apple
Aus iOS in the Car wird Apple CarPlay. Quelle: Apple

Dennoch sind sich die Hersteller bewusst, dass das In-Vehicle Infotainment (Informations- und Unterhaltungssystem fürs Auto, kurz IVI) intelligenter werden muss. Es reicht nicht mehr, dass sich darüber die Klimaanlage steuern und der Benzinverbrauch ablesen lässt. Der Fahrer soll darüber auch Streaming-Dienste nutzen, den günstigsten Benzinpreis oder den nächsten freien Parkplatz finden können.

Allerdings sind sich die meisten Analysten einig, dass Hersteller dafür auf eigene Systeme setzen müssen und auf Apples CarPlay oder Googles Lösung weitgehend verzichten sollten. Für Roger Lanctot, Associate Director bei Strategy Analytics liegen die Nachteile bei CarPlay im Kontrollverlust über das Ökosystem. Apple kann entscheiden welche Apps in den App Store aufgenommen werden und welche während der Fahrt genutzt werden können. Roger Giralt, Teamleiter des Centro Técnico bei Seat befürchtet zudem, dass die Hersteller keine eigenen Apps in CarPlay integrieren können.

Zudem sei die Sprachsteuerung Siri nicht speziell für Autos entwickelt worden. Im Gegensatz dazu führt Lanctot Nuance Dragon Drive an, das bereits bei BMW zum Einsatz kommt. Zudem gebe es keine Unterschiede mehr im Bordsystem. Ein Ferrari verfügt dann Lanctot zufolge über das gleiche Bordsystem wie ein VW Golf. Darüber hinaus müssten von Land zu Land unterschiedliche Fahrsicherheitsregeln berücksichtigt werden.

Aber der Analyst findet auch positives an CarPlay. Er hebt die natürliche Spracherkennung sowie die Verbindung zwischen Smartphone und Auto hervor. Die Smartphone-Integration ist für ihn, einem eingebetteten System zu bevorzugen. Dabei muss aber beachtet werden, dass nicht nur ein Mobilbetriebssystem oder ein Hersteller unterstützt werden. Die Zielgruppe könnte sonst künstlich verringert werden, denn Käufer würden sich an der Smartphone-Kompatibilität orientieren.

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Details über Googles IVI-Lösung sind noch nicht bekannt, aber Lanctot warnt davor, dass der Suchmaschinenkonzern hauptsächlich an der Erschließung neuer Werbemärkte interessiert sei.

Für Microsofts kürzlich vorgestelltes Windows for Cars hatte Lanctot nur drei Worte übrig: “Sag einfach Nein!”. Er sieht in dem an Windows 8 angelehnten IVI keine echte Alternative und bescheinigt ihm keinen großen Erfolg.

Windows in the Car (Screenshot: ZDNet.com)
Robert Lanctot glaubt nicht, dass Windows in the Car erfolgreich sein wird. (Screenshot: ZDNet.com)

Ein weiterer Nachteil bei der Verwendung von Apples oder Googles IVI-Lösung ist die ungeklärte Frage wem die Kunden beziehungsweise deren Daten gehören. Beide Konzerne haben großes Interesse daran, die Nutzer im eigenen Ökosystem zu behalten. Mark Pendergrast, Director of Product Management bei Inrix glaubt, dass das Auto für Apple und Google nur ein Accessoire für das Smartphone sei und damit die Einnahmen gesteigert werden sollen. Die Gefahr, dass Apple in den Automarkt einsteigt, sieht er hingegen nicht. Seiner Meinung nach sei der Absatzmarkt für ein iCar viel zu gering.

Die Unternehmen möchten Pendergrast zufolge daher die Kunden und deren Daten für sich beanspruchen. Das dürfte aber kaum im Interesse der Automobilhersteller sein. Immerhin wollen sie die eigene Marke stärken und sie nicht an die Technikkonzerne verlieren. Bevor die Frage nach den Kunden nicht geklärt sei, müssen die Hersteller vorsichtig in der Zusammenarbeit mit Google und Apple sein, so Pendergrast weiter.

Neben den Kontrollverlust an Apple und Google, biete eine Kooperation allerdings auch Vorteile, glaubt er. Beide Konzerne verfügen über eine enorme Kundenbasis und stets aktuelle Technik für IVI.

Bei der Entwicklung eines eigenen IVI für Vernetzte Autos müssen Hersteller aber beachten, dass es nicht in einem Jahr der aktuellen Technik hinterherhinkt. Ein neues Automodel bringen Hersteller etwa alle 5 bis 7 Jahre auf den Markt, erklärt Klaus Kremer, Director Business Development EMEA Enterprise Solutions bei ALK Technologies.

Innerhalb dieser Zeit kann sich die Technik enorm weiterentwickeln und Hersteller auf der Strecke bleiben. Als Beispiel führt Kremer Nokia an. “Vor sieben Jahren waren die Finnen Markführer im Handybereich. Heute spricht niemand mehr über Nokia, es sei denn er ist in einer Krisenstimmung”, sagt Kremer.

Wie ein Hersteller mit einem völlig eigenem Ökosystem Erfolg haben kann, zeigt Pendergrast zufolge Tesla. Von der Herstellung, über das IVI und dem Service bis zum Verkauf liegt alles in den Händen des Elektro-Sportwagen-Anbieters. Das Model S verfügt über einen 17 Zoll großen Touchbildschirm zur Steuerung des Bordcomputers, zudem hat Tesla die analogen Anzeigen wie Tachometer oder Drehzahlmesser durch Computerbildschirme ersetzt.

Sämtliche Daten aus dem Motorraum lassen sich darüber ablesen. Apps für Android und iOS ermöglichen die Steuerung von bis zu zwei Tesla-Fahrzeugen aus der Ferne. So lassen sich Routen berechnen, die Klimaanlage steuern und der Ladevorgang starten sowie überwachen. Auf einem großen Parkplatz oder in einer fremden Stadt zeigt die App auch die Position des Fahrzeugs an.

Tesla hat im Model S einen 17-Zoll-Touchscreen als Bordcomputer eingebaut. Anstelle des analogen Tachometers zeigt ein Computerdisplay dem Fahrer die wichtigsten Daten direkt an. (Bild: Andre Borbe)
Tesla hat im Model S einen 17-Zoll-Touchscreen als Bordcomputer eingebaut. Anstelle des analogen Tachometers zeigt ein Computerdisplay dem Fahrer die wichtigsten Daten direkt an. (Bild: Andre Borbe)
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