IRQ 14-05: Bill the Conqueror und Saint Steve

Enterprise

Charisma spricht man Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft gerne zu, vor allem jenen der IT-Branche. Unseren Kolumnisten Achim Killer, der mal wieder im Internet-Lexikon unterwegs war, erinnert das an die höfische Kultur vergangener Tage. Er sucht nach historischen Vorbildern für Bill, Steve, Larry und Mark.

Wenn man durch die Geschichtsabteilung von Wikipedia surft und sich so von König zu Kaiser und Gegenkaiser klickt, dann fällt einem auf, dass die Herrscher vergangener Zeiten oft ganz tolle Agnomina hatten. Beinamen wie “der Große”, der “Prächtige” und “der Starke”. Da wundert es einen doch, dass die Mächtigen von heute diese Tradition nicht längst aufgegriffen haben.

Bill heißt etwa der bis vor kurzem mächtigste Mann in der IT. Die Kurzform von William. Und auch in der Geschichte trugen viele diesen Namen. Der im angelsächsischen Bereich Bekannteste ist Wilhelm der Eroberer. Das würde doch passen. So wie der historische Normannenherzog Guillaume le Conquérant England eroberte, hat der moderne Bill nahezu alle Software-Märkte seinem Reich einverleibt.

Damit schafft man sich natürlich nicht nur Freunde, weshalb der Guillaume-William von 1066 auch noch Wilhelm der Bastard genannt wurde. So würde am William Henry Gates III natürlich nicht bezeichnen wollen.

Seinem Nachfolger verdankt die Welt Windows Vista und eine ehemalige IT-Führungsmacht, die völlig orientierungslos zwischen Desktop und Gadget umherirrt. Die angelsächsische Geschichte wiederum kennt den König AEthelred (978 – 1016), welcher den Beinamen “der Unberatene” erhielt.

Unter des modernen William’s Nachfolgern also verfällt dessen Reich mehr und mehr. Und die neue Führungsmacht wird ein Unternehmen, das den Reichsapfel im Wappen – heute Logo genannt – führt. Dessen legendärer Gründer hieß Steven. Und auch der Heilige Stephan (1000 – 1038) war ein Reichgründer und wird von den Magyaren immer noch so verehrt wie St. Steve von denen, die er mit sehr viel schickeren Dingen erfreut hat als einer Krone mit schrägem Kreuz oben.

Szent István wurde heiliggesprochen, weil er Ungarn energisch christianisiert hat. So ließ er etwa einem Rivalen die Augen ausstechen und Blei in die Ohren gießen ließ. Skeptiker schließen daraus, das der Wille zur Macht manchmal wichtiger für eine Kanonisation ist als Spiritualität.

Eine andere Macht, die Bill’s des Eroberers Reich zurückgedrängt hat, tat dies unter dem Motto “Don’t be evil”. Man könnte Lawrence Edward – kurz: Larry – deshalb das Agnomen geben, das Louis XV (1715 – 1774) einst trug: “der Vielgeliebte” – “le Bien-Aimé”. Später allerdings – die französische Revolution kündigte sich an – da machten seine Untertanen daraus: “le Mal-Aimé”. – Und auch der Surfer ist heute ja sehr viel aufgeklärter als früher.

An der Spitze der anderen World-(Wide-Web-)Macht – oder der führenden Web-2.0-Macht – steht einer der jüngsten Milliardäre. Dafür gibt es ebenfalls historische Parallelen. Im Jahr 900 wurde Ludwig das Kind zum ostfränkischen – heute würde man sagen: deutschen – König gekrönt.

Es war eine Zeit der Wirren. So wie heute im Web 2.0, wo das Volk oft keine der über Jahrhunderte entwickelten Hochsprachen mehr spricht, sondern sich mehr tierisch artikuliert: Es zwitschert. Vielleicht könnten sich Dick und Jack ja mit dem Beinamen des westfränkischen Königs Ludwig II (877 – 879) anfreunden. Den hieß man den Stammler. – Man sollte schon dazu stehen, womit man sein Geld verdient.

Trotzdem: Insgesamt funktioniert es wohl eher nicht, die IT-Großen mit den verbalen Insignien der Vergangenheit zu schmücken. Welchen Internet-Herrschern wollte man beispielsweise die Beinamen von einigen bedeutenden französischen Königen geben: Heinrich IV (1594 – 1610) der Gute, von Ludwig XI (1461 – 1483) der Kluge und Karl V (1364 – 1380) der Weise?

Nee, das geht nicht. Aber noch ein Selbstversuch: Vielleicht kann ja auch Unsereins in die Geschichte der IT eingehen. Nicht richtig, versteht sich. Aber möglicher Weise in ein Buch darüber, in Form eines kleinen Zitats mit Quellenangabe. Quasi als Fußnote.

Au ja. Das ist ein Gedanke, in dem man sich gerne suhlt. Welchen Beinamen könnte man sich also als IT-Schreiber verdienen, wenn man den Verlockungen der Hofberichterstattung, der gesponserten Artikel und der Schleichwerbung stets widersteht?

Wünschen würde man sich ja den des französischen Königs, der 1316 starb, weil er sich im Keller seines Schlosses verkühlt hatte. Dorthin war er gegangen, um große Mengen Weins zu trinken. Ludwig X, genannt “der Zänker”.

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