IRQ 14-08 – Copy and paste

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Vor 15 Jahren ging Napster online und löste einen wüsten Streit über das Verbreiten digitaler Kopien im Internet aus. Der hat die politische Landschaft verändert. Bekennende Freunde des Kopierens zogen in die Parlamente ein. Klammheimliche flogen raus. Und heute wird mehr kopiert denn je. Trotzdem: Alles lässt sich nicht reproduzieren, findet unser Kolumnist Achim Killer, schon gar nicht digital.

Die diplomatische Vertretung der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl ist jetzt prominent besetzt. Über Porno-Sites kann man sich endlich sachkundig und gepflegt unterhalten, ohne süffisante Blicke auf sich zu ziehen. Piraten sitzen im EU-Parlament. Und jenes wird wohl in der neuen Legislaturperiode ein einheitliches europäisches Datenschutzrecht beschließen.

Das Alles wäre so nicht möglich gewesen ohne die zentrale Kulturtechnik der Informationsgesellschaft: das Kopieren.

Ihre “Promotion zum Dr. phil” sei “gültig bis 2014” gewesen, schreibt die neue Vatikan-Botschafterin Annette Schavan. Das zeugt von einer doch sehr eigenwilligen Exegese des Promotionsrechts, nachdem das SchavanPlag Wiki dokumentiert hat, was seine Namensgeberin bei ihrer Doktorarbeit alles kopiert hat. Hätte sie nicht, würde sie jetzt nicht auf dem Vatikanischen Hügel arbeiten, sondern wohl noch in Berlin.

Dort hat sich Bundesjustizminister Heiko Maas Anfang des Jahres Redtube angeschaut und ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass Streaming-Videos kucken – egal wasfür welche – nicht illegal ist, weil dabei nichts unerlaubt kopiert wird. Ansonsten aber ist es schon sehr erregend, nachzuverfolgen, wie da ein paar dubiose Abmahnanwälte über Wochen hinweg die bundesdeutsche Justiz veräppelt haben.

Ihre Opfer bezichtigen Abmahnanwälte gerne des Raubkopierens und zeigen so, dass sie die lukrativste Vokabel ihres Wortschatzes aus keinem seriösen Wörterbuch, sondern aus den Werbebotschaften der Industrie kopiert haben. Surfer, die gerne Schöneres kopieren, nennen sich deshalb nach Seeräubern und gründen seit 2006 überall in Europa Piratenparteien.

Wenn’s gegen das Kopieren geht, ist die Sprache überhaupt schwülstig wie in einem Mantel- und Degenfilm. Seinen Kopierschutz nennt Microsoft seit XP “Windows genuine advantage”, als sei dieser Vorteil des Originals einer für den Nutzer und nicht in erster Linie für Microsoft.

Das Original etlicher Passagen aus der Gesetzesvorlage für das neue EU-Datenschutzrecht stammt übrigens auch von den einschlägigen US-Konzernen. Die Site Lobbyplag.eu dokumentiert, dass Europa-Abgeordnete sie teilweise wörtlich aus den Positionspapieren von Interessenverbänden kopiert haben.

Und natürlich haben auch die Piraten in Brüssel und Straßburg kopiert. Aber die können das halt. Die haben sich aus Papieren von Bürgerrechtsorganisationen wie European Digital Rights und Bits for Freedom bedient.

Eine “clear and plain language” haben die Parlamentspiraten etwa angemahnt, wenn jemand seine persönlichen Daten für Werbebriefe hergeben soll. Formuliert hat das European Digital Rights. Copy and paste und schon steht’s in der Vorlage für die europäische Datenschutz-Grundverordnung. – Klasse! Die Forderung, sich klar und deutlich auszudrücken – das ist doch mit das Klügste, was jemals kopiert worden ist!

Trotzdem: Gibt es irgendwas, das nicht kopiert wird, fragt man sich da doch, etwas, das einfach nicht kopiert werden kann.

Es ist schwierig…

Und während der Schreiber grübelt, kommt sie ins Arbeitszimmer. Sie lächelt. “Du arbeitest zu viel”, sagt sie sanft. “Mach doch Schluss für heute.”

Das ist es! Dieses Lächeln. Das ist einzigartig. Das gibt’s nur einmal auf der Welt. Und da ist er denn auch – der einzige wirkliche genuine Advantage.

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