Second-Hand-Hardware statt neuer Server

Es kann sich für Unternehmen durchaus auszahlen, nicht immer nur die neueste Hardware einzukaufen. Immer mehr Unternehmen entdecken diesen alternativen Beschaffungsweg für sich und senken so Kosten. Trotz Cloud-Computing erfreut sich der meist mittelständisch strukturierte Markt für Second-Hand-Hardware solider Wachstumszahlen, besonders bei besonderen Geräten kann sich dieses Konzept auszahlen.

Manchmal macht erst eine Gerichtsentscheidung ein Geschäftsmodell zukunftssicher. So beispielsweise die des Europäischen Gerichtshofes vom 3. Juli 2012 im Verfahren zwischen Oracle und Usedsoft (Aktenzeichen C-128/11). Entschieden wurde, dass ein Softwareanbieter dulden muss, dass eine Einmallizenz seiner Software vom rechtmäßigen Eigentümer weiterverkauft werden kann.

Der Richterspruch gilt selbstredend auch für die auf Servern, Speichern oder Routern gelieferte Software mit eigener Lizenz. Wichtig ist das für alle, die Hard- und Software aus zweiter Hand für ihre Infrastruktur in Betracht ziehen. Immerhin lassen sich so beim Einkauf Preisvorteile von bis zu 90 Prozent erzielen, die unter Umständen ganze Investitionszyklen nach hinten verschieben.

Am weitesten verbreitet ist die Second-Hand-Nutzung bei Netzwerkhardware von Cisco. Denn Ciscos Geräte sind teuer, professionell und haltbar gefertigt und stehen in vielen Netzen. Wenn sie beim ersten Anwender nach drei oder fünf, manchmal vielleicht auch mehr Jahren das Ende ihres Ersteinsatzes erreicht haben, sind sie nur selten Schrott, sondern noch gut einsatzfähig. Mike Sheldon, CEO und Präsident beim Second-Hand-Marktführer Curvature (früher: NHR) erklärt: “Wir schätzen den Umsatzanteil von Gebrauchtgeräten am Markt für Netzwerkhardware auf rund fünf Prozent, in Stückzahlen können es 15 bis 20 Prozent sein.”

Im Netzwerklabor werden die Geräte bis auf Port- und Schalterebene getestet – mit Leitungsgeschwindigkeiten bis derzeit 10 GBit/s. Quelle: Ariane Rüdiger
Im Netzwerklabor werden die Geräte bis auf Port- und Schalterebene getestet – mit Leitungsgeschwindigkeiten bis derzeit 10 GBit/s. Quelle: Ariane Rüdiger

Firmen wie das 300 Umsatzmillionen schwere Curvature, hauptsächlich aber kleine Mittelständler wie etwa Tecowin, ein Systemhaus aus Wanzleben, erkannten die Chancen des Second-Hand-Marktes und machten daraus ein Geschäftsmodell – oft kombiniert mit dem Verkauf fabrikneuer Ware. Einige Hundert solcher Unternehmen weltweit, die meisten davon mittelständisch strukturiert, haben sich in zwei auf Second-Hand-IT fokussierten Branchenverbänden zusammengeschlossen: der ASCDI (Association of Computer Dealers International) und der UNEDA (United Network Dealer Equipment Association). Auf der öffentlich einsehbaren Mitgliederliste von ASCDI findet man gut zwei Handvoll deutsche Unternehmen, die Mitgliederliste der UNEDA ist auf der Website nicht zu finden.

Die Branchenverbände haben Ethik-Codes und trugen so dazu bei, ein großes Problem zu lösen: Sie sortieren schrittweise aus, wer diese Ethik unterlief und statt mit Originalprodukten lieber mit billigen Nachbauten unter falschem Logo handelte. Heute kann man in der Regel davon ausgehen, dass Ware aus zweiter Hand, die bei Mitgliedern dieser Verbände gekauft wird, echt ist.

Eine weitere Quelle gebrauchter Geräte sind die großen Hersteller. Fast alle betreiben heute selbst Refurbishment – zumindest mit den Systemen, die sie von ihren Kunden zurücknehmen und im Rahmen dieser Rücknahmen auch mit Systemen anderer Fabrikate. Erstens macht sich das gut auf der grünen Leistungsbilanz, zweitens hält man dann die Kunden bei der Marke, auch wenn sie ein älteres System als Zweitnutzer verwenden. HP etwa unterhält in seinen zwei Refurbishing-Zentren Lager mit Geräten und Ersatzteilen aus mehr als zwei Jahrzehnten – Kunden können sogar komplette Rechenzentren aus Second-Hand-Hardware bestellen.

Aufarbeitung innen und außen

Gebrauchte Second-Hand-Geräte müssen gründlich renoviert werden. Im Amsterdamer Vorort Lijnden erledigen rund 30 Curvature-Mitarbeiter diese Aufgabe. Im kalifornischen Santa Barbara und in Shanghai stehen zwei weitere Zentren des Anbieters, die nach exakt denselben Prozessen arbeiten. Eingehende Hardware – rund 25 Prozent davon nagelneu, wenn etwa Distributoren ihr Lager räumen oder von Anwendern einfach zu viel eingekauft wurde – wird zunächst sorgfältig erfasst.

Bereits genutzte Systeme werden von allen alten Softwarebeständen, Daten und Konfigurationen gereinigt und anschließend rigorosen, gerätespezifischen Testroutinen unterworfen. Hier profitiert Curvature von seiner Erfahrung: 1986 gegründet, hat das Unternehmen seit 2005 mit TecWorkplace dabei ein selbst entwickeltes Spezialtool im Einsatz. Ingenieure mit Herstellerzertifikaten sind für die technische Prüfung des Wareneingangs, aber auch für die Konfiguration und die Prüfung der zum Kunden gehenden Ware zuständig.

TecWorkplace gibt ihnen für jeden Gerätetyp genau vor, welche Bauelemente darin stecken, welche Prüfroutinen wie durchlaufen werden müssen und so weiter. NSA-Sonden hat Curvature im eingekauften Equipment übrigens bisher nicht gefunden. Fehlerhafte, einfach austauschbare Module wie Lüfter oder Stromversorgung wechseln die Ingenieure aus, die Kernelektronik nicht. “Wir reparieren nichts”, sagt Sheldon, im Zweifel ist ein defektes Gerät Elektroschrott. Technisch intakte Systeme werden anschließend kosmetisch aufpoliert – bis hin zum neuen Anstrich. Dann landen sie im verkaufsfähigen Inventar.

Das wird eine Etage höher an den Kunden gebracht. Rund 7000 sind es weltweit, 2500 in Europa. Viele kommen aus dem öffentlichen Bereich mit seinen knappen Budgets oder sind technikaffin wie beispielsweise ISPs. Die Aufträge wandern in den Aufarbeitungsbereich mit dem Lager der verkaufsfertigen Geräte, wo man sich um ihre Zusammenstellung und Abwicklung kümmert: Die Gerätepakete werden wie gewünscht zusammengestellt, die einzelnen Systeme individuell mit Modulen bestückt, konfiguriert und wenn verlangt auch mit Software bespielt. “Wir liefern Grundgerät und Module bereits installiert, der Kunde kriegt nur eine Box, nicht mehrere, deren Inhalt er erst zusammenbauen muss”, erklärt Samim Hatipoglu, Supervisor Technical Assistance Center bei Curvature. Das Unternehmen vermittelt bei Bedarf auch neue Softwarelizenzen, wenn beispielsweise ein Gerät ein Upgrade erhalten soll.

Außerdem kommen, wenn nötig, Curvature-Eigenprodukte hinzu. “Wir bieten Komponenten wie optische Schnittstellen und DRAMs selbst an”, erklärt Sheldon. Hier nähmen die Originalhersteller ein mehrfaches ihres Einkaufspreises, um die Marge zu erhöhen. “Wir geben uns mit weniger zufrieden”, sagt der Manager. Schließlich misst ein Ingenieur das kundenspezifisch aufgebaute Gerät unter realen Lastbedingungen durch. Bei Netzsystemen sind derzeit 10 GBit/s Leitungsgeschwindigkeit darstellbar, Speicher und Server werden mit selbst entwickelten Linux-Benchmarks bombardiert. Die Messtechnik füllt Regale und wird alle drei Monate frisch kalibriert. Wenn Geräte alle Tests fehlerfrei absolviert haben, werden die Kundenpakete gepackt und Logistik-Dienstleistern übergeben.

Für Kunden besonders wichtig ist die Frage der Garantie. Für Second-Hand-Ware gewähren die Originalhersteller oft nur wenige Monate, dann muss für Support und Wartung kräftig berappt werden. Kleinere Second-Hand-Anbieter haben oft ein Jahr Garantie, die gegebenenfalls durch den Abschluss entsprechender Verträge verlängert werden kann. Curvature bietet lebenslange Garantie für seine Systeme an. Das Unternehmen will zukünftig auch bei Managed Services wachsen, wobei Curvature durch die drei Niederlassungen in USA, Europa und Asien bereits eine weltweite, zeitlich lückenlose Abdeckung realisieren kann.