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“Trägheit hilft nicht weiter” – Die Zukunft des Mainframe

Chris-OMalley_Compuware
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Niemand hat die Absicht, zu behaupten, dass der Mainframe eine ‘billige’ Plattform ist. Doch spricht man wie wir mit Chris O’Malley dem CEO der Compuware Corporation, dann ist es wohl in vielen Fällen deutlich teurer, den Mainframe nicht einzusetzen. Natürlich gibt es um die Plattform herum einige Probleme, doch die können – wenigstens zum Teil – mit Automatisierung und speziellen Software-Tools in den Griff bekommen werden.

Bei der Betrachtung der Server-Verkäufe, wie sie Gartner und IDC in regelmäßigen Abständen veröffentlichen, drängt sich schnell der Eindruck auf, dass Mainframe- und Unix-Systeme vom Aussterben bedroht sind.

Spricht man aber mit Verantwortlichen, zeichnen die ein gänzlich anderes Bild: Die Weltwirtschaft auf Mainframes. Davon ist zum Beispiel Douglas Balog, General Manager, bei IBMs Power Systems überzeugt. “Viele unserer Kunden verwenden Unix und Mainframes parallel.” Balog ist zudem davon überzeugt, dass Unternehmen mit bestimmten Ansprüchen stand heute nicht auf Mainframe und Unix verzichten können.

Die strategische Relevanz des Mainframes ist nicht der Hand zu weisen. Wer es dennoch tut, ignoriert vermutlich einige Fakten. Mainframe MIPS (Million Instructions Per Second) steigen weltweit an und werden in vorhersehbarer Zukunft weiter wachsen. Mehr als 220 Milliarden Zeilen an Mainframe-Anwendungscodes sind heute in Gebrauch und 5 Milliarden kommen jedes Jahr hinzu. Auch bei der installierten Basis kommen Neukunden hinzu. Dennoch, der Großteil der Mainframe-User sind Bestandskunden.

Die meisten Mainframe-Anwender haben Tausende an unentbehrlichen Anwendungen und 1.000.000 Zeilen Code, die intern entwickelt wurde und die geschäftskritischen Kernprozesse ihrer Organisation automatisieren. Über 1.15 Millionen CICS-Transaktionen werden jede Sekunde auf System z ausgeführt. Das ist mehr als alle Google-Suchanfragen, YouTube-Aufrufe, Facebook-Likes und Twitter-Tweets zusammen.

Tatsächlich gibt es keinen einzigen Shop über 100K MIPS, der in Betracht zieht, den Mainframe abzulösen, so heißt es von Compuware. Denn die Zuverlässigkeit, Sicherheit, Skalierbarkeit und Performance des Mainframe ist unübertroffen. ‘Big Iron’ bleibt das ‘Arbeitspferd’ für die meisten der Fortune 100 Unternehmen und die Öffentliche Hand.

silicon.de hat darüber mit Chris O’Malley, Chief Executive Officer der Compuware Corporation gesprochen.

 

silicon.de: Vergleichen wir die Situation vor 15 Jahren mit Stand heute. Was hat sich verändert? Wächst der Mainframe Workload und, wenn ja, warum?

Chris O’Malley: Zuallererst: Ja, Mainframe Workloads steigen ständig an. Trends wie Mobile und Analytics tragen dazu bei. Und mit den Fähigkeiten des neuen IBM z13 zieht der Mainframe neuen Workload an, wie beispielsweise hochperformante Analytics, die für hochwertige BI-Analysen und Reports genutzt werden.

Wir beobachten keinen Rückgang auf dem Mainframe-Markt. Im Gegenteil: die Plattform ist erneut im Fokus als schnelle, zuverlässige und sichere Antwort auf die gestiegenen mobilen und analytischen Anforderungen. Nehmen wir beispielsweise den Bankensektor. Wo die Kunden früher ihr ganzes Leben bei einem Bankhaus blieben, gibt es heute eine deutlich geringere Loyalität.

Chris O'Malley CEO von Compuware (Bild: Compuware)
Chris O’Malley CEO von Compuware: “Bei all den Marktphrasen könnte man leicht glauben, dass es mehr kostet ein Unternehmen auf Basis des Mainframes zu betreiben als auf Basis von verteilten Plattformen/Commodity-Servern, aber das ist nicht der Fall.”

 

Jede Bank steht im Wettbewerb und muss ein besonderes Servicelevel mit innovativen Anwendungen bieten. Deshalb wurde vor 20 Jahren das Online-Banking eingeführt und genau darum investieren Banken heute in mobile Apps und Widgets, mit denen die Kunden schnell und einfach ihre monatlichen Ausgaben überblicken können.

Vor ein paar Jahren war Mobile Banking noch ein Traum, nun ist es ein geschäftskritischer Wettbewerbsvorteil, dass diese Apps fehlerfrei und ohne Ausfallzeiten laufen. Die weltweiten Finanzinstitute verarbeiten Milliarden von täglichen Transaktionen und die Menge der zugehörigen Daten steigt dabei immens. Der Mainframe ist die einzige Plattform, die solche Datenvolumina verarbeiten kann.

silicon.de: Der Mainframe dürfte aber heute auch die teuerste Rechner-Plattform sein, zumindest was die Anschaffung betrifft!

Chris O’Malley: Die steigenden Workloads verursachen Kosten auf der Mainframe-Plattform. Die Mainframes sind zwar als kosten-effizient bekannt, aber das mehr an Workload verstärkt natürlich auch den Fokus auf die Kosten. Die Mainframe-Anwender legen großen Wert darauf, den Aufwand niedrig zu halten.

Genau diese Entwicklungen finden jetzt statt, während die Verantwortung für den Mainframe an eine neue Generation von IT-Professionals übergeht, die mit dem Mainframe nicht vertraut sind. Die erfahrenen Mainframer gehen in Rente und die hochwertigen Mainframe-Daten werden von einer neuen Generation von Entwicklern und Datenarchitekten betreut, die die  Plattform nicht gut beherrschen. Dieses geschäftskritische Problem hilft Compuware mit Topaz zu lösen.

silicon.de:  Was genau macht Topaz?

Chris O’Malley: Topaz ist eine Lösung zur einheitlichen Suche, Visualisierung und Bearbeitung von Mainframe- und Nicht-Mainframe-Daten. Damit können Entwickler, Datenarchitekten und andere IT-Profis, die keine Erfahrung mit dem Mainframe besitzen, dessen Daten auf intuitive Weise nutzen, um zum Beispiel Daten aus System z schnell und einfach für Mobile Apps, Big Data-Analysen und andere moderne Anwendungen einsetzen oder Testdaten aus unterschiedlichen Quellen zu sammeln.

Wichtige Funktionen sind die Visualisierung von Datenbeziehungen über verschiedene Plattformen, eine Benutzeroberfläche zur Bearbeitung von Daten unterschiedlicher Formate und die einfache Datei- und Datenübertragung.

silicon.de: Trotz solcher Tools bleibt die hohen Kosten der Plattform ein Thema …  

Chris O’Malley: Halten Sie sich vor Augen, dass Businessfunktionalitäten nicht existieren, um Kosten zu senken. Sie sind dafür da, Mehrwerte zu generieren. Und langfristig entstehen diese nicht durch schlichtes Wiederausgraben und Selbstgefälligkeit gegenüber Innovationen.

Bei all den Marktphrasen könnte man leicht glauben, dass es mehr kostet ein Unternehmen auf Basis des Mainframes zu betreiben als auf Basis von verteilten Plattformen/Commodity-Servern, aber das ist nicht der Fall. Um hierzu einen Vergleich zu liefern, der auf belastbaren Zahlen basiert, haben wir kürzlich einen Webcast mit dem Titel “The Surprising Economics of Mainframe Technology.” angeboten, der hier aufgezeichnet ist.

In der Übersicht haben wir einige der Fakten zusammengefasst, die Dr. Howard Rubin (Professor Emeritus of Computer Science at Hunter College of the City University of New York, MIT CISR Research Affiliate, Gartner Senior Advisor und ehemaliger Nolan Norton Research Fellow) und Ross Mauri (General Manager für z Systems bei IBM) präsentiert haben:

  • Während sich die Computing Power in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat, sind die Kosten in Server-basierten Unternehmen um 63 Prozent mehr gestiegen als in Mainframe-basierten Organisation.
  • Für jeden US-Dollar, der in IT-Infrastruktur investiert wird, verdienen Mainframe-Organisationen 10,55 US-Dollar, während Server-Organisationen nur 8,22 US-Dollar einnehmen.
  • Analysen in 15 Unternehmenszweigen zeigen, dass die durchschnittlichen IT-Kosten für Güter um 35 Prozent niedriger in Mainframe-Unternehmen sind. Die größten Unterschiede gab es dabei im Finanzbereich.
  • Mainframes machen 68 Prozent der Produktionsworkload aus, aber verursachen nur 6 Prozent der IT-Ausgaben.
  • Die Nebenkosten sind auf der Mainframe-Plattform deutlich niedriger. Verdoppeln sich die Mainframe-Kapazitäten, werden voraussichtlich keine zusätzlichen Mitarbeiter erforderlich sein.
  • Diese gesamtwirtschaftlichen Missverhältnisse zwischen Mainframe- und Commodity Servers- Organisationen gehen zukünftig noch weiter auseinander.

Damit soll aber nicht gesagt werden, dass der Mainframe preiswert zu betreiben ist. Die Digitalisierung führt zu intensiven Applikations-Workloads, die die Kosten von IBM z Systemen hochtreiben können. Das basiert meist auf sub-capacity Lizensierungen und rollierenden Vier-Stunden-Durchschnitts (R4HA rolling four-hour average) für die CPU- Nutzung.

In diesem Zusammenhang muss die Performance von Mainframe-basierten Anwendungen jederzeit gewährleistet sein, da diese einen großen Einfluss auf Web und Mobile Apps besitzt und somit auf die Außenwirkung beim Endkunden.

Compuware Strobe 5.2 macht es mehr als jede andere Lösung möglich, einerseits Lizenzkosten zu senken und andererseits die Leistungsfähigkeit der Anwendungen zu erhöhen.

silicon.de: Jetzt muss ich noch einmal nachhaken: An welchen Stellen setzt Strobe an?

Chris O’Malley: Mit Strobe können IT-Abteilungen genau lokalisieren, welche Schwächen in den Anwendungen exzessive CPU-Nutzung verursachen. Hardware- und Software-Kosten lassen sich so reduzieren, während die Kundenzufriedenheit trotzdem erhöht wird. Das gelingt auch in sehr komplexen IT-Umgebungen.

Darüber hinaus ist Strobe Teil der kürzlich geschlossenen Partnerschaft mit BMC. Ziel ist es die Effizienz von IBM z Systems-Installationen deutlich zu verbessern und die Betriebskosten (Opex) für Mainframes zu reduzieren.

Deutliche Einsparungen der Softwarekosten für IBM z Systems können die IT-Abteilungen auch durch durch Tuning jeder Anwendung, die den individuellen Verbrauch von Mainframe-Ressourcen reduziert und dadurch, dass der Workload dahingehend optimiert wird, dass die Peak Time in den LPARs reduziert wird.

silicon.de: Neben den Kosten ist ja auch der Fachkräftemangel ein beliebtes Thema beim Mainframe. Ist das nur ein Horrorszenario aus der x86-Welt, oder gibt es tatsächlich zu wenig Fachkräfte für den Mainframe?

Chris O’Malley: Das Problem ist sehr dringend. Vor allem weil es Zeit braucht bis junge Entwickler auf dem Mainframe geübt und kompetent werden. Bitte hier keine Missverständnisse: IT-Professionals, die gerade ihren Abschluss gemacht haben, können sehr gute Mainframe-Entwickler werden. Aber man muss sicherstellen, dass sie die richtigen Tools erhalten, um den Mainframe zu beherrschen. Es ist für sie nicht immer leicht mit Daten, Code und Anwendungen zu arbeiten, die in den letzten 50 Jahren angesammelt und erweitert wurden.

silicon.de: Wie kann man denn heute noch die Jungend dazu motivieren, Mainframe-Spezialisten zu werden?

Chris O’Malley: Ungünstigerweise hat bisher niemand in der Breite versucht, junge ITler für den Mainframe zu begeistern. Wir haben ihnen erzählt, dass sie reich werden können, wenn sie Mobile Code schreiben oder Data Scientisten werden. Aber wir haben ihnen nicht erzählt, dass niemand mehr irgendetwas bezahlen kann, wenn die Banksysteme irreparabel ausfallen. Und nein, Bitcoins sind hier keine Lösung.

Eine Lösung für Millennials ist es, die Verantwortung über die Mainframeanwendungen zu übernehmen und gut zu gestalten. Je eher, desto besser. Trotzdem ist es zweifelhaft, dass junge IT-Professionals, die sich für Anwendungsentwicklung interessieren, damit beginnen CICS und JCL zu studieren. Ebenso wenig werden sie vor grünen Bildschirmen sitzen wollen und durch 20 Jahre alte, obskure Handbücher navigieren. Sie beschäftigen sich mit Technologien grafisch und logisch statt linear und operational. Deswegen können sie den Mainframe nur betreiben und weiterführen, wenn man ihnen die richtigen Tools zur Anwendungsentwicklung an die Hand gibt. 

silicon.de: Was gilt es denn aus ihrer Sicht für die strategische Weiterentwicklung des Mainframes zu bedenken?

Chris O’Malley: Die Unternehmen haben bisher sehr viel in ihre Mainframe-Umgebungen investiert. Sie haben Mainframes mit außerordentlicher Performance, Skalierbarkeit und Zuverlässigkeit aufgebaut. Dazu haben sie eine anspruchsvolle Mainframe Applikations-Logik entwickelt, um ihr Geschäft nahtlos zu betreiben und höchste Kundenzufriedenheit zu liefern. Und, da sie ihre Anwendungen seit Jahren betreiben, haben sie Daten von unschätzbarem Wert angesammelt.

Genau diese Investitionen müssen geschützt und deutlich weiter entwickelt werden, um den Unternehmen nicht zu schaden. Der Bedarf an Performance, Skalierbarkeit und Zuverlässigkeit ist steigend, nicht abnehmend. Der Wert der im Mainframe angesiedelten Businesslogik und der Daten steigt ebenfalls.

Angesichts vieler kurzfristiger Ergebnisse, die IT-Verantwortliche liefern müssen, ist es verständlich, dass die Zukunft des Mainframes noch nicht die ernsthafte Aufmerksamkeit bekommt, die dem Thema zusteht. Aber die Zeit für die CIOs läuft. Der Generationswechsel hin zu Führungskräften, die mit Distributed Systemen, Mobility und dem Web aufgewachsen sind, ist im vollen Gange.

Trägheit hilft hier nicht weiter. Genau das Gegenteil sollte sein. IT-Verantwortliche müssen beiden Herausforderungen begegnen: Dem Mangel an Mainframe-Fachkräften und den Veränderungen, die rund um den Mainframe stattfinden. Wer heute nicht reagiert, wird sich voraussichtlich später in einer operativen Krise wiederfinden. Jetzt ist es Zeit, diese Krise abzufangen.

silicon.de: Herr O’Malley, wir danken für das Gespräch.  

Martin Schindler schreibt nicht nur über die SAPs und IBMs dieser Welt, sondern hat auch eine Schwäche für ungewöhnliche und unterhaltsame Themen aus der Welt der IT.

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