Fujitsu-CTO Joseph Reger: “Das Internet der Dinge wird immer wichtiger”

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Im Interview mit silicon.de erklärt Fujitsu-CTO Joseph Reger, was hinter der Cloud-Strategie des Unternehmens steht, an welchen Forschungsprojekten er gerade arbeitet – und warum das deutsche Zögern beim Internet der Dinge genau das richtige Vorgehen ist.

Unspektakulär, effizient – und ziemlich erfolgreich, so etwa ließe sich die Strategie von Fujitsu auf dem Markt beschreiben. Neue Produkte werden regelmäßig ohne Marketinggetöse auf den Markt gebracht. Erst kürzlich hat das Unternehmen seine Flash-Storage-Geräte aus der Eternus-Familie erneuert. Nach ähnlichem Muster organisiert Fujitsu Akquisitionen, die weitgehend geräuschlos über die Bühne gehen. Eine Pressemitteilung zum Thema, das war`s. Im November 2015 hatte Fujitsu so zum Beispiel den französischen Softwarespezialisten Usharesoft übernommen.

Ein bisschen mehr Rampenlicht und Spektakel gibt es nur einmal im Jahr, beim Fujitsu Forum in München. Wie jedes Jahr setzt Fujitsu auch diesmal (16. und 17. November, ICM München) auf die bewährte Mischung aus Vorträgen, Produktvorstellungen, Workshops und Podiumsdiskussionen. Ein zentrales Thema wird unter anderem der Deutschland-Start der Cloud-Computing-Plattform K5 sein. Sie soll den Aufbau von Cloud-Diensten erleichtern und beschleunigen. Außerdem soll K5 die Integration herkömmlicher IT-Umgebungen in Cloud-Systeme erleichtern. Die Cloud-Computing Plattform ist kein isoliertes Produkt, sondern Teil von Fujitsus Digital-Business-Plattform Meta Arc, die das Unternehmen schon vor Jahren vorgestellt hat.

Joseph Reger (Bild: Fujitsu)
“Die Komplexität von Cloud Computing sollte man nicht unterschätzen insbesondere, wenn unterschiedliche Cloud Services miteinander verbunden werden sollen”, meint Fujitsu-Topmanager Dr. Joseph Reger. (Foto:Fujitsu)

Interview: Fujitsu-Visionär Joseph Reger

Dieses und andere Themen diskutiert die silicon-Redaktion mit Fujitsus-CTO Dr. Josef Reger. Reger ist bei Fujitsu gewissermaßen der Mann fürs große Ganze. Er ist nämlich Chief Technology Officer (CTO) der Fujitsu Region EMEIA (Europe, Middle East, India, Africa) und seit August 2015 auch Fujitsu Fellow. Laut Fujitsu ist er “treibende Kraft” für die Portfolio- und Technologie-Strategie des IT-Riesen und “maßgeblich an der Entwicklung der Fujitsu Cloud Computing-Strategie” beteiligt.

Schon Regers Lebenslauf weckt Interesse. Er hat Theoretische Physik und Informatik studiert, war später als IT-Architekt bei IBM tätig und hat an Universitäten in Ungarn, Norwegen, den USA und Deutschland gelehrt.

Top-Manager, die es verstehen auf der großen Bühne mit Visionen zu faszinieren und sich gleichzeitig den Sinn für technische Details bewahrt haben, gibt es nicht allzu viele. Joseph Reger ist einer davon, der Mann fürs große Ganze, den aber dennoch auch die Details interessieren. Das wird im Interview schnell klar.

silicon.de: K 5 ist laut Fujitsu “die erste Cloud-Computing- Plattform, die eine nahtlose Integration traditioneller IT-Umgebungen in neue Cloud-basierte Technologien ermöglicht”. Klingt gut, aber sollten Unternehmen sich nicht komplett von der alten Hard-und Software trennen?

Joseph Reger: Auf einen Schlag komplett auf die Cloud umsteigen können die wenigsten Unternehmen. Denn bei vielen ist immer noch eine ganze Menge Legacy-Hardware und -Software im Einsatz. Das lässt sich meist nicht so ohne weiteres auf die Schnelle ersetzen. Außerdem wollen die allermeisten Unternehmen mit Hilfe eines Hybrid-Ansatzes eine, oft sehr lang dauern, Übergangsphase.

Joseph Reger (Bild: Fujitsu)
“Ich bin überzeugt, dass Fujitsu in Sachen “Responsible Business” weltweit zu den besten Unternehmen der Branche zählt.” Fujitsu-CTO Dr. Joseph Reger. (Foto:Fujitsu)

silicon.de: Sind kleine Firmen mit der Komplexität von modernen IT-Angeboten wie Cloud Computing nicht überfordert?

Joseph Reger: Die Komplexität von Cloud Computing sollte man nicht unterschätzen – insbesondere, wenn unterschiedliche Cloud Services und evtl. auch noch Altsysteme miteinander verbunden werden sollen. Speziell kleinere Unternehmen haben damit oft Probleme. Deshalb greifen viele auf SaaS (Software as a Service, Anm. der Red.) zurück. Dabei bekommen sie die fertigen Anwendungen geliefert und brauchen sich nicht mit der darunterliegenden Infrastruktur zu befassen. Allerdings müssen die verschiedenen Applikationen dann auch zusammenarbeiten und untereinander auch Daten austauschen können. Daher legen wir bei Fujitsu großen Wert darauf, dass wir mit unseren Angeboten Kunden dabei helfen, unterschiedliche Cloud-Modelle und Legacy-Software miteinander zu verbinden. Das ist Hybrid-IT in mehreren Dimensionen.

silicon.de: Wie funktioniert das?

Joseph Reger: Wir setzen beispielsweise Software wie UForge ein. Mit diesem Toolset lassen sich weite Teile der Migration von Anwendungen in die Cloud automatisieren. Andere Software-Lösungen wiederum unterstützen beim Gestalten der Schnittstellen und dem Datenaustausch zwischen den Programmen, wie unsere Cloud-Lösung RunMyProcess.

silicon.de: Cloud-Dienste gibt es bei vielen Anbietern. Was ist denn das Besondere bei Fujitsu?

Joseph Reger: Wir betrachten es als Alleinstellungsmerkmal, dass unsere Cloud Services auf OpenStack basieren. Damit wird beispielsweise die Kombination einer Private Cloud mit On-Premise-Systemen viel schneller und einfacher als mit anderen Cloud-Architekturen. (OpenStack ist eine Open-Source-Architektur zum Aufbau von Private oder Public Clouds. Fujitsu ist “Gold Member” der OpenStack Foundation und hat damit als zahlendes Mitglied auch Mitspracherechte bei der Weiterentwicklung von OpenStack. Weitere Gold Member sind Unternehmen wie Dell, Cisco, Huawei oder Symantec. Anm. der Red.)

Joseph Reger (Bild: Fujitsu)
“Früher oder später wird auch die Öffentliche Hand die vielfältigen Möglichkeiten der Big Data-Analyse nutzen”, sagt Fujitsu-CTO Dr. Joseph Reger. (Bild: Fujitsu)

silicon.de: Bringt die Digitalisierung der Geschäftsprozesse und der Einstieg in Cloud Computing wirklich mehr Produktivität? Braucht das jeder?

Joseph Reger: Es gibt sicherlich Unternehmen, die IT nur einsetzen, damit der Betrieb läuft. Hier sind teilweise auch seit Jahren unverändert laufende Spezialanwendungen lokal im Einsatz – etwa zur Maschinensteuerung. In einem derartigen Fall würde der Wechsel in die Cloud eventuell nur unnötigen Aufwand bedeuten. Bei solchen Unternehmen ist die IT nicht Teil der Wertschöpfungskette. Bei allen anderen aber, beispielsweise solchen, die große Datenmengen verarbeiten oder die eigenen Angebote durch die IT anreichern, ist die IT dagegen ein wesentlicher Bestandteil der Wertschöpfungskette. Genau dies ist das entscheidende Kriterium. Und bei diesen Unternehmen kann die Cloud in vielen Fällen wesentlich besser und flexibler unterstützen und die Produktivität oder die Effizienz steigern.

silicon.de: Was ist mit dem Internet of Things (IoT). Das ist bisher noch nicht so vorangekommen? Viel Hype um nichts?

Joseph Reger: Der Eindruck täuscht: IoT ist schon bei vielen Unternehmen ein wichtiger Faktor bei der Optimierung ihrer Prozesse oder gar dem Erschließen gänzlich neuer Angebote und Geschäftsmodelle. Da diese Unterstützung jedoch meist im Hintergrund abläuft, ist sie für den Konsumenten meist nicht sichtbar. Hier hat sich bereits viel getan und dieser Trend wird sich weiter fortsetzen: In den nächsten Jahren wird – insbesondere in der produzierenden Industrie – die Bedeutung des Internets der Dinge weiter massiv zunehmen.

silicon.de: Es gibt Bedenken wegen der Sicherheit, vor allem in Deutschland. Sind die Deutschen zu zögerlich?

Joseph Reger: Nein, diese Bedenken sind wohl begründet. Denken Sie an den Einsatz von IoT in der Industrieproduktion, wie gerade erwähnt, beispielweise bei großen Chemie-Anlagen. Da muss Sicherheit in jeder Bedeutung des Wortes an erster Stelle stehen. Deshalb ist ein höherer Grad an Aufmerksamkeit, wie hier in Deutschland zu beobachten, nicht nur sinnvoll, sondern dringend geboten. Hinzu kommt, dass das Internet der Dinge neue Sicherheitsmechanismen braucht. Herkömmliche IT-Sicherheitskonzepte stoßen hier an ihre Grenzen.

silicon.de: Sie sind bei Fujitsu als CTO (Chief Technology Officer) tätig, also eine Art Visionär der Technologie-Trends. Womit beschäftigen Sie sich zurzeit? Was wird in Zukunft spannend?
Joseph Reger: Viel Zeit verbringe ich derzeit mit Themen wie neuen Algorithmen und künstlicher Intelligenz. In diesem Bereich kommen große Veränderungen auf uns zu. Fujitsu wird dazu einen wesentlichen Beitrag leisten.

UForge (Grafik: Fujitsu)
Uforge ist eine Sammlung von Tools für Cloud-Anwender. Das App-Center hilft beispielsweise, Unternehmens-Apps in Hybrid-Clouds zu integrieren. Entwickelt wurde Uforge von dem französischen Unternehmen Usharesoft, das inzwischen von Fujitsu übernommen wurde. (Grafik: Fujitsu )

silicon.de: Könnten Techniken wie Big Data bzw. die Analyse großer Datenmengen eines Tages auch bei Politik und Behörden genutzt werden? Etwa, um Finanzkrisen und Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt frühzeitig zu erkennen.

Joseph Reger: Ja sicher, früher oder später wird auch die Öffentliche Hand die vielfältigen Möglichkeiten der Big Data-Analyse nutzen. Unternehmen sind hier schon weiter, doch das Thema rückt zunehmend in das Blickfeld der Politik. Allerdings muss der Datenschutz – wie immer beim Umgang mit Informationen – berücksichtigt werden. Da staatliche Institutionen naturgemäß über viele vertrauliche personenbezogene Daten verfügen, ist hier besondere Vorsicht angebracht. Hinzu kommt, dass insbesondere in föderalistischen Systemen Daten auf viele verschiedene Stellen verteilt sind, was derartige Vorhaben nicht unbedingt erleichtert.

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Joseph Reger: Wir bei Fujitsu fassen das unter dem Stichwort “Responsible Business” zusammen. Darunter fällt wesentlich mehr als beim sonst üblichen Begriff “Corporate Social Responsibility”. Für Fujitsu ist das verantwortungsvolle Handeln immer schon ein Thema. So war das Unternehmen beispielsweise einer der ersten Hersteller mit Green-IT-Produkten.

Heute prüfen wir jedoch nicht nur die Umweltverträglichkeit, sondern achten auch auf die ethische Seite des Geschäfts: Mit welchen Partnern arbeiten wir zusammen? Wie sind dort die Arbeitsbedingungen? Werden auch dort Umweltschutzauflagen eingehalten? In unserem eigenen Business achten wir darüber hinaus natürlich auf Aspekte wie Chancengleichheit für alle Beschäftigten. Ich bin überzeugt, dass Fujitsu in Sachen “Responsible Business” weltweit zu den besten Unternehmen der Branche zählt.