Brexit und Crossborder-Commerce: Perspektiven für den grenzüberschreitenden Handel

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Mit dem Abschied des Vereinigten Königreichs aus der EU verlässt der weltweit zweitgrößte E-Commerce-Markt das gemeinsame europäische Haus. Doch wo eine Tür zugeht, öffnen sich gleich mehrere andere. Schließlich bietet der grenzüberschreitende Handel weit mehr Optionen als nur den Weg über den Ärmelkanal.

900 Milliarden US-Dollar Bruttowarenwert. Diesen Höhenrausch soll der grenzüberschreitende E-Commerce laut Studie von DHL Express im Jahr 2020 erreichen. Dabei überzeugt er mit einer jährlichen Wachstumsrate von stolzen 25 Prozent. Das ist kein Wunder. Denn die Kunden im Online-Handel stehen dem Crossborder-Commerce insgesamt sehr offen gegenüber: Laut Umfrage von Pitney Bowes kauften 2015 besonders Kunden aus Singapur (89 Prozent), Australien (86 Prozent) und Hongkong (85 Prozent) mindestens einmal im Ausland online ein.

Michel Racat, der Autor dieses Gastbeitrags für silicon.de, ist CEO und Gründer von BeezUp. (Bild: BeezUp/Silvere Leprovost)
Michel Racat, der Autor dieses Gastbeitrags für silicon.de, ist CEO und Gründer von BeezUp. (Bild: BeezUp/Silvere Leprovost)

Die Deutschen wagten zu 56 Prozent den Weg über die Grenze. Während laut Forrester Research im gleichen Jahr der Crossborder-Sales insgesamt nur einen Anteil von 12 Prozent am weltweiten E-Commerce ausmachte, soll er gemäß DHL Express auf 22 Prozent im Jahr 2020 hochschnellen.

Doch trotz solch traumhafter Zahlen zögern viele Online-Händler noch, den eigenen Shop für ausländische Käufer zu öffnen. Brexit, Trump und andere internationale Turbulenzen mögen ihren Anteil daran haben. Doch als echte Erklärung reichen sie nicht aus. Der Grund für die Zurückhaltung ist viel banaler: Unkenntnis über die bestehenden Möglichkeiten. Doch macht das den Lösungsansatz auch ein Stück einfacher.

Was der Bauer nicht kennt…

Betreiber von Online-Shops, die ihren Wirkungskreis auf Europa oder sogar darüber hinaus erweitern möchten, sehen zunächst eine ganze Reihe an Schwierigkeiten: Sprachbarrieren, steuer-, zoll- und datenschutzrechtliche Fragen, die Anpassung der Datenfeeds, die Organisation der Logistik sowie die Aufgabe, einen länderspezifischen Kundenservice anbieten zu können.

Als einzelner Händler kann man hier schnell die Übersicht verlieren. Häufig treibt allein der Gedanke an die Wünsche der internationalen Kunden – als unbekanntes Wesen – vielen Händlern die Sorgenfalten ins Gesicht. Doch gestalten die Präferenzen der Kunden sich gar nicht so unterschiedlich.

E-Commerce (Bild: Shutterstock/cybrain)
Allein der Gedanke an die möglichen Wünsche internationaler Kunden – den unbekannten Wesen – treibt vielen Händlern Sorgenfalten ins Gesicht. (Bild: Shutterstock/cybrain)

So gibt es wesentliche Faktoren, die die Entscheidung für oder gegen einen Kauf aus dem Ausland beeinflussen: Laut einer Untersuchung von Radial sind dies zu 80 Prozent die Versandkosten, gefolgt von der Lieferzeit (64 Prozent) und schließlich dem Angebot flexibler Retourenoptionen (53 Prozent). Und auch den regionalen sowie kulturellen Eigenheiten, die es zweifelsfrei gibt, – beispielsweise bei den Payment-Optionen – kann ebenfalls begegnet werden.

Doch gerade kleine und mittlere Händler, deren Personaldecke eher dünn ist, sehen den möglicherweise auf sie zukommenden Aufwand schnell als Abschreckung. Denn auf den ersten Blick stehen Aufwand und Ertrag im krassen Missverhältnis. Derartige Unsicherheiten führen im Extremfall sogar dazu, dass einige Händler mittels Geoblocking Kunden aus dem Ausland direkt vom Kauf ausschließen.

Selbst ist der Händler

Die Herausforderungen des Crossborder-Commerce sind keine unbezwingbaren Hürden. Sich selbst an die Kette zu legen und/oder andere auszusperren, ist mitunter die schlechteste Option. Denn weshalb sollte ein Händler auf seinen eigenen Anteil an den von DHL Express prognostizierten 900 Milliarden Dollar bis 2020 verzichten? Allein der B2C-Bereich des grenzüberschreitenden Handels soll laut Forrester Research bis 2021 ein weltweites Volumen von rund 424 Milliarden Dollar erreichen.

Bei Verbrauchern beliebte Bezahlarten im Onlinehandel in Deutschland (Grafik: Bitkom)
Die bei Verbrauchern beliebten Bezahlarten im Onlinehandel in Deutschland sind anderswo nicht ebenso populär. Dienstleister helfen Online-Händlern mit der Vielfalt zurechtzukommen (Grafik: Bitkom)

Um sich ein Stück vom Kuchen zu sichern, sollten Online-Händler daher Services in Anspruch nehmen, die explizit für komplexere Vertriebswege und Transaktionen geschaffen wurden: International Fulfillment und Payment Service Provider heißen die Zauberworte hier. Eine ganze Reihe an Anbietern stellt heutzutage umfangreiche Lösungen zur Verfügung, mit denen auch kleine und mittlere Online-Händler profitabel Kunden außerhalb des Heimatlandes betreuen können.

Rundum sorglos über die Landesgrenzen hinweg

Wer Käufer in weiter Ferne erreichen will, der braucht ein möglichst engmaschiges und weit verzweigtes Lager- und Logistiknetz. Provider wie Amazon oder B2C Europe bieten neben den Grundbausteinen der Logistik zusätzlich auch individualisierte Lieferoptionen an, erledigen die Kommissionierung und übernehmen außerdem das Retourenmanagement. Bei einigen Fulfillment-Dienstleistern wird sogar ein Kundenservice in der jeweiligen Landessprache angeboten. Geht die Sendung außerhalb der EU, gehört selbst die Zollabfertigung zum Service.

Sowohl Lieferungen in den Riesenmarkt USA als auch in das boomende Asien werden so ganz einfach. Und der Handel wächst: Die Logistikexperten des Aircargo Club Deutschland (ACD) sehen aufgrund der zunehmenden Frachtströme zwischen Europa und Asien geradezu eine Wiederbelebung der historischen Seidenstraße.

Damit jedoch Kunden und Händler gleichermaßen profitieren, muss neben der Bestellung und Lieferung auch die Bezahlung der Waren möglichst fehlerfrei funktionieren. Die dafür notwendigen Lösungen bieten Payment Service Provider an. Hier stehen die verschiedenen Zahlungsmethoden und die Abwicklung des kompletten Zahlungsverkehrs im Fokus. Aber auch Zusatzoptionen wie eine Betrugsprävention, Risikoanalysen oder Kontoführungsservices gehören bei einigen Anbietern zum Programm.

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Wichtig dabei ist jedoch, dass der gewählte Anbieter über eine sogenannte BaFin-Lizenz verfügt. Denn jedweder Finanz- oder Zahlungsdienstleister, der Leistungen in der Bundesrepublik erbringen möchte, muss eine schriftliche Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) einholen. Ist dies nicht der Fall, macht sich in Deutschland nicht nur der Anbieter, sondern auch der Nutzer strafbar.

Die Nachfrage ist da – jetzt muss gehandelt werden

Die überragenden Wachstumszahlen im Online-Handel in den letzten Jahren zeigen ebenso wie die mittelfristigen Prognosen ganz deutlich, dass die Menschen gerne shoppen. Überzeugende Angebote, ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis, ordentliche Qualität, ein angenehmer Service und eine angemessene Lieferzeit sind für die meisten Kunden weltweit noch immer die wichtigsten Indikatoren bei der Kaufentscheidung. Und immer mehr Käufer sind bereit, global auf Shoppingtour zu gehen.

Mag das Vereinigte Königreich nun auf dem Weg aus der Union sein. Online-Shop-Betreibern in Europa bietet sich eine Vielzahl an Alternativen an, die sich mit den richtigen Tools und Services auch problemlos ergreifen lassen. Denn Shop-Betreiber, die auf den Crossborder-Zug aufspringen, können in großem Maße profitieren – genau wie die Kunden.

Und schließlich gehen mit dem Brexit nicht gleich die britischen Inseln unter. Selbst wenn zwischen Brüssel und London schlecht verhandelt werden sollte: Es wird Anbieter geben, die auch dafür die passenden Services parat halten werden, um einen erfolgreichen grenzüberschreitenden Handel zu ermöglichen.

Über den Autor

Michel Racat (Bild: BeezUP/Silvere Leprovost)

Michel Racat ist der CEO und Gründer von BeezUP. Er verfügt über eine umfassende Erfahrung und Expertise im Multi-Channel-Online-Marketing und der Platzierung von Produktkatalogen auf allen wichtigen E-Commerce-Plattformen. Darüber hinaus besitzt Racat breites Know-how in Bezug auf den internationalen E-Commerce-Markt und die Trends in diesem Bereich. In einem weiteren Beitrag für silicon.de hat er sich bereits zuvor mit den Brexit-Auswirkungen auf den Crossborder-Commerce beschäftigt.