Den Blockchain-Hype mit Bedacht genießen

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Die Blockchain-Technologie setzt den Trend der Dezentralisierung im digitalen Zeitalter fort und lässt Unternehmen von zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten träumen. Dabei geht oft unter, dass manche Aspekte noch nicht ausgereift sind. Richard Paul Hudson, Lead IT Consultant bei msg, erklärt, in welchen Szenarien der Hype gerechtfertigt ist und wo Bedenken angebracht sind.

Die 1991 erstmalig vorgestellte Blockchain ist eine – wie der Name schon sagt – Kette von aneinandergereihten Informationen. Diese sind in Blöcken zusammengefasst, für die jeweils ein Hashwert errechnet wird, der wiederum am Anfang des nächsten Blocks steht. Dadurch bedingt jeder Block den darauffolgenden und garantiert so die Integrität der Kette. Eine Besonderheit der Blockchain ist ihre dezentrale Beschaffenheit. Sie lagert auf Rechnern weltweit, was die Sicherheit vor Angriffen massiv erhöht.

Richard Paul Hudson (Bild: msg)
Richard Paul Hudson, der Autor dieses Gastbeitrags für silicon.de, ist Lead IT Consultant bei msg (Bild: msg)

Der Hype um die Blockchain begann 2009, als darauf basierend die Kryptowährung Bitcoin entstand. Hier fungiert die Blockchain als weltweit verteilte Datenbank zur Buchhaltung, die mit jeder Finanztransaktion erweitert wird. Per Peer-To-Peer Netzwerk ist sie für alle Nutzer gleichermaßen sichtbar, zugänglich und festgeschrieben. Das Bitcoin-Beispiel führte aller Welt die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie vor Augen und ließ zahlreiche Unternehmen und Industrien prüfen, inwieweit sich Blockchain für die jeweiligen Zwecke nutzen lässt.

Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten zeigt auch ein Fall aus den USA, wo sich ein Paar per Blockchain trauen ließ. Dieses Beispiel verdeutlicht einerseits die universellen Einsatzmöglichkeiten, andererseits stellt sich auch die Frage, ob eine Technik, die gerade scheinbar überall im Gespräch ist, auch tatsächlich eingesetzt werden muss. Denn bei aller Begeisterung gilt es immer abzuwägen, wo und in welchem Zusammenhang die Blockchain einen wirklichen Mehrwert verspricht und wo ihre Eigenschaften eher hinderlich oder unerwünscht sind.

Revolution des Finanzsektors

Bei Kryptowährungen ist kein Identitätskonstrukt vorgesehen. Bei Bitcoin beispielsweise beinhaltet jede Transaktion den geheimen privaten Schlüssel des Überweisenden und die Adresse des Empfängers, die aus seinem öffentlichen Schlüssel abgeleitet ist. Daher lassen sich die Geschäfte zwar unkompliziert tätigen, aber ohne verknüpfte Identitäten kann ein Besitz im realen Leben schlecht nachgewiesen werden.

Während beispielsweise Cyber-Kriminelle sich diesen Umstand zunutze machen und Ransomware-Zahlungen über Bitcoins abwickeln, sind bei anderen Abwicklungen die Identitäten der Käufer zwingend mitzuspeichern. Beim Hauskauf beispielsweise wird der Käufer auch öffentlich als Eigentümer verzeichnet sein und sich nicht allein auf einen kryptographischen Schlüssel verlassen wollen, der ihn im realen Leben nicht mit dem Besitz in Verbindung bringt.

Datenanalysemodell (Bild: Shutterstock/kentoh)

Soweit Blockchain auf eine Art und Weise eingesetzt wird, die den Identitätsbegriff mit einbezieht, wird sie hoch attraktiv für den Finanzsektor. Neben der hohen Sicherheit liegt das vor allem daran, dass ihre Struktur keinen “Single Point of Truth” für Transaktionen vorsieht. Auch Parteien, die sich gegenseitig nicht vertrauen, können Blockchain als gemeinsamen Datenspeicher verwenden und so Zahlungen direkt miteinander abwickeln. Dies erlaubt den Teilnehmern, den Mittelsmann zu eliminieren und Prozesse deutlich zu verschlanken.

Auf herkömmlichem Weg bedeutet zum Beispiel eine Auslandsüberweisung einen Aufwand von mehreren Tagen inklusive Papierarbeit und zwischengeschalteter Geldinstitute, ehe der Betrag anderswo auf einem Konto gutgeschrieben wird. Mit der Blockchain fallen diese Zwischenstationen weg, weshalb das Einsparpotenzial für Banken inzwischen auf einen zweistelligen Milliardenbereich geschätzt wird.

Intelligente Verträge

Während das Bitcoin-System einfache Überweisungen ermöglicht, sind bereits weitere auf Blockchain basierende Kryptowährungen wie Ethereum entstanden, die den Zahlungsverkehr um andere Kompetenzen erweitern. Smart Contracts gehören dabei zu den am meisten beachteten neuen Möglichkeiten, denn sie erlauben es, Verträge in die Datenkette mit einzuprogrammieren. Vorher festgelegte Bedingungen lösen automatisiert eine Entscheidung anhand festgelegter Faktoren aus. Vertragliche Abmachungen lassen sich also automatisiert überwachen und ausführen. Naheliegend sind hier Ereignisse, die Zahlungen veranlassen, was insbesondere bei Versicherungen auf großes Interesse stößt.

Vertrag (Bild: Shutterstock/24Novembers)

So vielfältig einsetzbar sich Smart Contracts hier darstellen, sollte dennoch genau entschieden werden, in welchem rechtlichen Rahmen sie genutzt werden. Da sie de facto klassische Verträge ersetzen sollen, stellt sich die Frage, inwieweit Programmierer rechtskräftige Dokumente erstellen dürfen.

Außerdem können Smart Contracts nur solche Vertragsklauseln abbilden, die sich mit Eventualitäten befassen, welche die Software unmittelbar beurteilen kann: Die Entscheidung, ob etwas für den Vertragspartner zumutbar ist oder nicht, wird ausschließlich ein Richter fällen können. Zudem erfordern unabhängig handlungsfähige Smart Contracts einen Ethereum-Account, der über eine ausreichende Menge der zugehörigen Währung Ether verfügt. Das bedeutet für Unternehmen, zunächst in eine finanzielle Vorleistung zu gehen und gegebenenfalls eine nicht unerhebliche Menge Geld virtuell zwischenzulagern.

Fazit: Vorsicht ist angebracht

Die Blockchain ist eine vergleichsweise junge Technologie und ihr scheint die Zukunft zu gehören. Ehe Unternehmen aber die mannigfaltigen Einsatzmöglichkeiten querbeet implementieren, sollten sie sich zunächst ein Bild davon machen, wo sie tatsächlich sinnvoll sind. Zu wählen sind Blockchain-Implementierungen, bei welchen die Nachteile der Kryptowährungen beseitigt sind. Zu diesen zählen Anonymität, die Bindung von Geldmengen und der Ablauf in einem rechtsfreien Raum. Unterdessen sollten die Vorteile bestehen bleiben, wie Unbestreitbarkeit, eingesparte Kosten und effizientere Abwicklungen.

Über den Autor

Richard Paul Hudson, der Autor dieses Gastbeitrags für silicon.de, ist Lead IT Consultant bei msg (Bild: msg)

Richard Paul Hudson ist Lead IT Consultant bei msg. Die unabhängige, inhabergeführte und international tätige Unternehmensgruppe unterstützt Firmen mit IT- und Branchenlösungen sowie strategischer Beratung. Im Mittelpunkt steht dabei das Zukunftsthema Digitalisierung. msg sieht sich hier mit Beratung und Unterstützung sowohl auf operativer als organisatorischer Ebene mit seinem Vorgehensmodell Digital Innovation Cycle als Wegbereiter in die digitale Zukunft.