Winfried Holz

Winfried Holz ist Chief Executive Officer (CEO) von Atos Deutschland. In zahlreichen Gremien engagiert er sich für den IT- und Wirtschaftsstandort Deutschland.

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30 Jahre btx: Scheitern als Glücksfall für die Wirtschaft

Wie Monopole, Grenzen, nationale Fragmentierung und andere Hürden eine vielversprechende Technologie verhindern können, zeigte eindrucksvoll das Beispiel btx, wie Blogger Winfried Holz aufzeigt. Schon vor etwa 30 Jahren hätte man in Deutschland die Vorteile des Internet nutzen können.

30 Jahre alt wäre das System in diesem Jahr geworden – Btx (Bildschirmtext), das “deutsche Internet”. Auf der Internationalen Funkausstellung (ifa) am 1. September 1983 erfolgte der Startschuss des von der Post initiierten Projektes in Deutschland.

Die damit angebotenen Services unterschieden sich kaum von dem, was heute im Internet realisiert wird: Online-Banking, Spiele, Informationsrecherchen oder Reisebuchungen und natürlich das bequeme Einkaufen vom Sofa aus wurden durch die neue Technik ermöglicht.

In zwei Punkten unterschied sich das System allerdings von der später erfolgreichen Internet-Technologie: Von einer nationalen Behörde ins Leben gerufen endete der Service von Btx mehr oder weniger an der Landesgrenze und scheiterte zudem an den Marktbedingungen der Monopolstellung der Deutschen Post.

Anfangs funktionierte das System über ein Btx-Terminal, das nur über die Post zu erwerben war. Als dieses sich als zu teuer erwies, bot die Post entsprechende Decoder für den Fernseher an und ermöglichte so zumindest theoretisch den meisten Haushalten den Zugang zum Online-System.

Der Erfolg blieb bekanntlich aus, 1989 waren grade einige hunderttausend Nutzer registriert – 3 Millionen waren bis dato geplant. Auch im Bereich Datenschutz verlor Btx schnell seine Unschuld. Der Chaos Computer Club hackte bereits 1984 den Zugang einer Bank und zeigte, wie einfach 134.000 D-Mark entwendet werden konnten. Im Jahr 2001 wurde Btx wieder abgestellt, nur Online-Banking war noch einige Jahre länger möglich.

Die Gründe für das Scheitern sind schnell aufgezählt: Aufgrund der Monopolstellung der Post waren die Gebühren für die Nutzer sehr hoch und besonders die optischen Möglichkeiten waren begrenzt. Da es auch sehr teuer war, als Anbieter vertreten zu sein, konnten sich Privatpersonen und viele Unternehmen nicht mit ihren Services präsentieren. Den Siegeszug des Internets ab den 90er Jahren konnte Btx daher nicht aufhalten.

Worldwide Web statt Btx – Blick nach vorne

Für die Wirtschaft in Deutschland und Europa ist das Scheitern von Btx alles in allem ein Glücksfall: Anstatt nostalgisch auf das “deutsche Internet” zurück zu schauen, sollten wir uns vorstellen, wie die Online-Wirtschaft aussähe, wäre das Konzept erfolgreich gewesen: In Deutschland würden Bürger und Unternehmen auf Btx zugreifen, in Frankreich auf Minitel, in Großbritannien vielleicht auf Viewdata.

Jedes Land in Europa hätte sein eigenes System mit unterschiedlichen Angeboten und technischen Anforderungen. Und sehr wahrscheinlich würde eine EU-Arbeitsgruppe bereits seit Jahren darüber verhandeln, wie sich die unterschiedlichen Systeme zu einem EU-System integrieren ließen – als Gegenmodell zu dem der Amerikaner.

Grenzübergreifende soziale Netzwerke? Undenkbar! Online-Kauf aus dem Ausland? Nur mit hohen Zusatzgebühren möglich! Neue Online-Geschäftsmodelle und Start-ups? Aufgrund der hohen Zugangshürden unrentabel!

Das Jubiläum der Btx-Einführung führt uns noch einmal eindringlich vor Augen, wie wichtig offene Standards, freier Netzzugang und grenzübergreifende Angebote für die IT-Branche und alle Industriesektoren sind.

Das “World Wide Web” konnte sich deshalb so rasant verbreiten, weil es weltweit konzipiert war und nicht an der Landesgrenze halt machte. IT ist global, nicht nur was den Zugriff auf Informationen, sondern auch die Leistungserbringung angeht: Wir können und müssen Ressourcen an den unterschiedlichsten Orten der Welt bereitstellen, um erfolgreiche Projekte zu realisieren – dem Internet sei Dank. Btx wäre dafür die falsche Technik gewesen.

  1. Als Neuselbstständiger im Jahre 1988 half mir BTX das Tor zur Welt zu einigermaßen “kostengünstigen” Tarifen zu öffnen. Die damalige Post war eine Monopolpest. Anruf nach Übersee zu 48 DM für 3 Minuten, Telefax war noch in den Kinderschuhen und die Verbindungen brachen laufend ab. Billigstgeräte fingen ab DM 3500 (ohne Wahltastatur) an. Gebrauchte Telexgeräte gab es erst ab DM 12.000. Welcher Anfänger konnte sich das leisten. Telex lief aber über BTX, war zwar teuer, aber unvergleichbar günstig im Vergleich zu einem Volltelexanschluß. Ausgedruckt wurde mit Nadeldruckern. Später kamen dann auch teure PC-Karten hinzu, die uns das Leben unvergleichlich erleichterten. Man kann BTX hinstellen wo man will, ich habe es seinerzeit als internationales Kommunikationsmittel gesegnet, weil es mir zu bezahlbaren Tarifen den Grundstein für mein Unternehmen zu legen geholfen hat!

  2. … der einzig grosse und entscheidende Unterschied war der, dass die Angebote KOSTENFREI genutzt werden konnten und noch können. Die Technik ist zweitrangig. IPv6 setzt sich immer noch nicht durch, obwohl bitter nötig.

  3. Man kann Bildschirmtext als gescheitert ansehen, da es die benötigten Benutzerzahlen nie erreicht hat. Sicher ist auch die Monopolstellung der Post ein Grund dafür gewesen, weil die Endgeräte unpraktisch und für den Normalbürger exorbitant teuer waren.
    Was man jedoch nicht vergessen sollte, ist, dass die Bundespost den Grundstein für das Internet in Deutschland gelegt hat, nicht nur wegen der ganz ähnlichen Angebote im BTX (Homeshopping, Telebanking, Nachrichten, Spiele u.v.m.), sondern auch und vielmehr wegen der damit einhergehenden Investitionen in die Netze, die bis heute fortbesteht.

    Deswegen würde ich Btx eher als Vorreiter, denn als potentieller Verhinderer des Internets betrachten.
    Im Gegensatz zum Btx war Minitel in Frankreich übrigens ein großer Erfolg beim Endbenutzer und zeigt den eigentlichen Fehler bei der Einführung hierzulande auf, nämlich vor allem die viel zu teuren Endgeräte.

    Die Bundespost hat damals versucht, übrigens mit Hilfe der große Technolgiekonzerne des Landes, einen völlig neuen Telekommunikationsdienst zu entwickeln, von der Infrastruktur über die Inhalte bis zu den Endgeräten. Daran ist man insgesamt vielleicht gescheitert, aber die Früchte dieser Bemühungen können heute dank Öffnung der Märkte und globaler Innovationen allerseits geerntet werden. Hierin besteht der eigentliche Glücksfall.