Oliver Tuszik

ist CEO und Vorstandsvorsitzender des IT-Dienstleisters Computacenter sowie Mitglied im Bitkom-Präsidium.

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Fachkräftezuzug und Integration – Plädoyer für eine sachliche Diskussion

Beim Thema Fachkräftemangel gibt es derzeit eine unschöne Melange aus sachlichen Argumenten auf der einen und Parteipolitik sowie Polemik auf der anderen Seite, sagt Oliver Tuszik, CEO von Computacenter Deutschland. Das stehe der Lösung des Problems im Weg.

An diesem Donnerstag berät die schwarz-gelbe Koalition über ein Gesamtkonzept zur Zuwanderung ausländischer Fachkräfte. Bei dem Treffen im Koalitionsausschuss sollen Konzepte zur Bekämpfung des Fachkräftemangels vorgelegt werden.

Der Initiative vorausgegangen ist ein offener Schlagabtausch zwischen allen politischen Parteien. Das Ergebnis: Eine unschöne Melange aus sachlichen Gründen für den Zuzug von Fachkräften auf der einen und Parteipolitik sowie Polemik auf der anderen Seite. Wer aber ohne Grund und aus Kalkül die Themen vermischt, verhindert eine sachliche Auseinandersetzung mit einer Herausforderung, die den Wirtschaftsstandort Deutschland bedroht. Denn unabhängig von der Integrationsdebatte haben wir einen Fachkräftemangel, mit dem wir umgehen und den wir lösen müssen.

Die dramatische Fachkräftelücke kostet die Gesellschaft jährlich Milliarden. So hat allein der bestehende Ingenieurmangel nach einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und des IW Köln im Krisenjahr 2009 zu einem Wertschöpfungsverlust in Höhe von 3,4 Milliarden Euro geführt. Stark betroffen ist auch die IT-Branche: So hat Computacenter seit Jahren durchgehend über hundert offene Stellen. Und gerade derzeit, wo die Wirtschaft wieder boomt, wird der Mangel an Fachkräften auch für uns zunehmend zu einem Wachstumshemmer.

Ob wir die Lücke durch Aus- und Weiterbildung oder durch Zuzug schließen, ist aus meiner Sicht keine Frage eines Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Wir müssen offen für ausländische Experten sein und ein klares Zeichen in ihre Richtung senden, dass wir ein modernes Land sind – dieses Signal muss insbesondere auch von einer innovativen Branche wie der IT ausgehen. Aber wir brauchen auch einen Fachkräftenachwuchs in und aus Deutschland. Denn alleine durch Zuzug lässt sich das Problem auf Dauer nicht lösen. Laut des Branchenverbands Bitkom gab es im Oktober in der IT 20.000 offene Stellen. In den vier Jahren Greencard kamen aber nur 17.931 IT-Experten nach Deutschland. Auch wenn die Gegenüberstellung der Zahlen nicht fair ist, da die Greencard vom Zusammenbruch der New Economy überschattet war, zeigt der Vergleich doch, dass wir uns nicht allein auf den Zuzug verlassen sollten.

Fraglich ist nämlich auch, ob Deutschland für Zuwanderer tatsächlich attraktiv ist: Wir haben andere gesellschaftliche Strukturen als die USA oder als Großbritannien, das seit der Kolonialzeit als Einwanderungsland gilt. Und es mangelt uns tatsächlich an einer “Willkommenskultur”, was beispielsweise bei der schwierigen Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse offensichtlich wird. Zudem macht auch die Sprache andere Standorte attraktiver. Ein Drittel der Greencard-Empfänger kamen aus Indien und natürlich gehen diese lieber ins englischsprachige Ausland, da sie sich dort ohne weiteres verständigen können. Das gilt aber auch für Experten aus anderen Ländern, von denen viele die Weltsprache Englisch in der Schule gelernt haben. Und man sollte auch nicht vernachlässigen, dass beispielsweise unsere Kunden deutschsprachige Ansprechpartner haben wollen. Und letztlich sind soziale Bindungen der Zuwanderer nicht zu unterschätzen. Natürlich gehen sie lieber in Länder, in denen sich bereits Familienangehörige oder Freunde wohlfühlen. Dass Deutschland für ausländische Experten nicht erste Wahl ist, zeigt sich auch daran, dass die meisten der 17.931 Greencard-Experten wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind.

  1. Fachkräftemangel?
    Hier mal ein kurzer, persönlicher Erfahrungsbericht –

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=6378

    Zugegebenermaßen eine Einzelmeinung – aber letztlich ist der Beitrag von Herrn Tuszic nichts anderes.

    Daneben sollte die Frage erlaubt sein, wie (wirtschaftlich) erfolgreich die (für Zuwanderer) angeblich so viel attraktiveren Länder momentan sind.

  2. Fachkräftemangel
    Aus meiner langjährigen Erfahrung, bei der ich bereits einige "Aufs-und-Abs" miterlebt habe, kann ich die Stellungnahme von Herrn Dr. Egg und Herrn Müller voll und ganz bestätigen, es gibt keinen Fachkräftemangel. Es gibt allenfalls einen Mangel in der Industrie, qualifizierte Kräfte angemessen zu beschäftigen, also auch zu einem angemessenen Preis. Aus der Sicht der Industrie kann ich das im Sinne der Wertschöpfung nachvollziehen. So gesehen ist das eine politisch gesellschaftliche Fragestellung:

    Nehmt die zur Verfügung stehenden gut ausgebildeten Fachkräfte und gebt ihnen ein faires betriebliches Umfeld. Gebt ihnen aber nicht das Gefühl, dass sie zu teuer und zu alt sind und eigentlich nicht mehr gebraucht werden.

    Gebt den jungen Fachkräften bzw. dem Nachwuchs eine Perspektive, so dass wieder mehr Anreize geschaffen werden, sich einer langen und guten Ausbildung zu unterziehen. Dann sollte aber auch nicht in gleichem Atemzug an dem Ausbildungsumfeld eingespart werden. Bildung ist in Deutschland der wesentlicher Rohstoff.

    Natürlich ist es in Ordnung, wenn wir Zureisungswilligen ebenfalls eine Perspektive geben und die Möglichkeiten der beruflichen und gesellschaftlichen Integration. Denn zurzeit ist Deutschland in der Tat auch für qualifizierte ausländische Fachkräfte nicht besonders interessant.