Winfried Holz

Winfried Holz ist Chief Executive Officer (CEO) von Atos Deutschland. In zahlreichen Gremien engagiert er sich für den IT- und Wirtschaftsstandort Deutschland.

InnovationWissenschaft

Industrial Data Space: Revolution mit deutschen Tugenden

Wir Deutschen können keine Revolution, davon scheint aber Winfried Holz ist Chief Executive Officer (CEO) von Atos Deutschland nicht überzeugt zu sein. Dabei schließen sich aus seiner Sicht, deutsche Tugenden und revolutionäre Tendenzen nicht gegenseitig aus.

So ist beispielsweise von Lenin die Aussage überliefert, dass die Deutschen erst eine Bahnsteigkarte kaufen, bevor sie einen Bahnhof besetzen. Was die Deutschen aber stattdessen angeblich können, ist es einen Verein zu gründen. Mit Satzung, Beitrags- und Tagesordnung fühlen wir uns einfach wohler als mit Chaos und unklaren Verhältnissen einer Revolution.

Jetzt stecken wir aber mitten in der – dritten digitalen – Revolution. Dass man selbst mit deutschen Tugenden darin erfolgreich sein kann, will die Industrial Data Space Initiative (IDS) der Fraunhofer-Gesellschaft und dem Bundeswirtschaftsministerium beweisen. Die IDS-Initiative ist eine wichtige Antwort auf die Frage, wie künftig Prozesse, Anwendungen und Lösungen für Industrie 4.0 aussehen sollen. Ihr Ziel ist nicht weniger als die Bereitstellung eines sicheren, internationalen Entwicklungsraumes für dieses wichtige Wachstumsthema.

Mehr Pragmatismus für die Industrie

Nun wird sich so mancher fragen: Schon wieder eine “Industrie 4.0”-Initiative? Haben wir mit der “Plattform Industrie 4.0” nicht bereits eine Arbeitsgruppe, die gerade erst auf der diesjährigen Hannover Messe ihre neue Organisation groß vorgestellt hat? Diese Plattform existiert bereits seit einigen Jahren und konzentriert sich auf die vielen organisatorischen und prozessualen Fragen, wie beispielsweise “Welche Standards brauchen wir und wer legt sie fest?” oder “Welche gesetzlichen Hemmnisse bestehen und wie muss eine internationale Zusammenarbeit organisiert sein?”

Dagegen hat sich die IDS-Initiative viel praktischere und konkretere Ziele gesetzt: Sie will einen sicheren, vernetzten Datenraum für die Entwicklung und Erprobung von datenzentrierten Geschäftsprozessen bereitstellen. Dieser Ansatz ist gut und – ehrlich gesagt – auch bitter nötig.

Die Digitalisierung der Produktions- und Geschäftsprozesse wertet Daten und Netzwerke mit Geschäftspartnern extrem auf. Denn einerseits brauchen wir in den Unternehmen möglichst alle heute und künftig verfügbaren Daten aus dem Produktlebenszyklus, aber andererseits haben wir diese Daten nicht vollständig unter eigener Kontrolle. Die Gründe dafür sind unter anderem komplexe Lieferketten und das Entstehen neuer Unternehmen, deren Mehrwert in der Bereitstellung und Bearbeitung dieser Daten liegt.

Die Zukunft gründet auf Daten

Aus diesen Daten und der Zusammenarbeit der Partner werden die neuen, digitalen Geschäftsmodelle wie beispielsweise vorausschauende Maschinenwartung oder neue Logistikservices entstehen. Je schneller dies in Deutschland und Europa geschieht, desto erfolgreicher werden wir die digitale Revolution meistern. Das größte Hindernis derzeit ist allerdings das fehlende Vertrauen in den sicheren und richtigen Umgang mit den Daten. Jede Woche werden neue erfolgreiche Hackerangriffe veröffentlicht, Unternehmen verlieren Kundendaten oder kooperieren mit Geheimdiensten, von denen man wiederum nicht weiß, was sie mit den Daten anstellen.

Wieso sollte ich also als erfolgreicher Unternehmer in Deutschland in dieser Situation meine Geschäftsabläufe digitalisieren und sie solchen Risiken aussetzen? IDS gibt die Antwort auf diese Bedenken: In einem sicheren, dezentralen, in seiner Struktur und seinen Abläufen transparenter Datenraum treffen sich definierte und zertifizierte Partner und erarbeiten ganz konkrete Applikationen und Prozesse, Zertifizierungen und Standards für Industrie 4.0-Projekte. Nicht mehr und nicht weniger will die Initiative in den nächsten Jahren erreichen – und das, wie in Deutschland üblich, als Verein. Wichtig ist, dass sich so viele Firmen wie möglich daran beteiligen.

Ambitioniert ist das Projekt in jedem Fall, aber es ist auch der einzig richtige Schritt auf dem Weg in der digitalen Revolution. Wir brauchen diesen geschützten Raum mit vertrauenswürdigen Partnern, um Daten bereitzustellen, Plattformen, Applikationen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wenn dieser Verein Erfolg hat – wovon ich überzeugt bin und wofür wir alle uns einsetzen sollten – dann haben wir den Beweis angetreten: Deutschland kann Revolution – und zwar mit deutschen Tugenden!