Winfried Holz

Winfried Holz ist Chief Executive Officer (CEO) von Atos Deutschland. In zahlreichen Gremien engagiert er sich für den IT- und Wirtschaftsstandort Deutschland.

EnterpriseÜbernahme

Internationale Akquisitionen sind gut – für alle

Übernahmen haben zu Unrecht einen schlechten Ruf, sagt silicon.de-Blogger Winfried Holz. Er plädiert dafür, nicht in nationalen Grenzen zu denken. In Wahrheit spiele es keine Rolle, ob ein Unternehmen von einem deutschen, einem europäischen, asiatischen oder amerikanischen Eigner geführt werde.

Zeichnet sich eine internationale Akquisition ab, dreht sich die öffentliche Diskussion hierzulande schnell um “nationale” Themen wie den Ausverkauf der fachlichen und wirtschaftlichen Kompetenz des Landes oder den Abzug wertvoller Arbeitsplätze. Rasch werden Stimmen laut, das übernehmende Unternehmen plane einen Angriff auf den gesamten Wirtschaftsstandort. Entscheidungen für M&A (Mergers & Acquisitions) werden aber nicht auf Basis nationaler oder politscher Interessen getroffen, sondern aus puren wirtschaftlichen Gründen – und häufiger als man glaubt sehr zum Vorteil des übernommenen Unternehmens. Richtig gemacht, etwa durch die gezielte Ergänzung oder Bündelung von Kompetenzen, werden Arbeitsplätze dadurch zukunftsfähig gemacht, was dem nationalen Standort zugute kommt.

Von jeher halten wir Deutsche emotional sehr an den großen deutschen Marken und Unternehmen fest. Doch spielt es wirklich eine Rolle, ob ein Unternehmen von einem deutschen, einem europäischen, asiatischen oder amerikanischen Eigner geführt wird? Geht es nicht vielmehr darum, eine gute Position am globalen Markt – und damit stabile Arbeitsplätze sicherzustellen? Vernünftiges Wirtschaften erfolgt heute auf globaler Ebene. Wir sollten also aufhören in nationalen Grenzen zu denken! Produktionszweige verschwinden nicht aus Deutschland, nur weil politische oder wirtschaftliche Entscheider eines anderen Landes das so wollten, sondern weil die Fertigung in anderen Regionen wirtschaftlich von größerem Vorteil ist.

Der Standort Deutschland gewinnt nicht durch einen hier eingetragenen Sitz der Firmenzentrale, sondern weil hier sehr viele, sehr gut ausgebildete Menschen leben, die auf dem Arbeitsmarkt zu Recht heiß begehrt sind. Zum anderen entwickeln wir hier im Land nach wie vor vielfältige Innovationen, mit denen neues Geschäft generiert wird.

Übernahmen fallen nicht vom Himmel, sondern sind immer von Wirtschaftlichkeit getrieben. Sei es, weil das übernehmende Unternehmen zusätzliche Kompetenzen und Portfolioerweiterungen oder den Zugang zu Kundengruppen und Marktsegmenten erwerben will. Sei es, weil das übernommene Unternehmen für den globalen Wettbewerb nicht groß oder wirtschaftlich stark genug ist. Oder weil sich sein Geschäftsmodell in den heutigen schnelllebigen Märkten überholt hat oder der Geschäftszweck eines Konzernteils nicht mehr zum Kerngeschäft der bisherigen Muttergesellschaft passt.

So oder so, das Ziel sollte immer die Stärkung des neuen, größeren Unternehmens sein, bei dem – und das ist nicht zu unterschätzen – die übernommenen Mitarbeiter mit ihren Kompetenzen eine bedeutende Rolle spielen. Ein Firmenzusammenschluss bietet die Chance einer neuen Größenordnung mit Skaleneffekten, einer höheren Produktivität und mehr Sichtbarkeit am Markt. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es also durchaus von Vorteil sein, übernommen zu werden. Schwache Unternehmen oder Firmenteile profitieren von neuen Investitionen. Sie haben einen wichtigen Anteil am Erfolg des neuen Unternehmens und erhalten eine höhere Wertschätzung als zuvor. Diese Zusammenhänge gilt es, zu erkennen und auch intern zu kommunizieren.

Denn den Mitarbeitern des übernommenen Unternehmens kommt eine erfolgskritische Rolle zu: Die Integration der Belegschaften entscheidet über Wohl und Wehe einer Übernahme. Wird sie nicht richtig gemanagt, entsteht unnötig Frustration und das gesamte Unterfangen ist zum Scheitern verurteilt. Eine Übernahme ist eben nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine sehr emotionale Angelegenheit: Die Mitarbeiter müssen sich oft mit neuen Vorgesetzten arrangieren sowie mit einer anderen Marke identifizieren. Die Rahmenbedingungen und Ziele für die Manager ändern sich. Hinzu kommt bei grenzüberschreitenden Übernahmen die Kluft zwischen den Unternehmenskulturen. All diese Fallstricke gilt es, zu beachten und ihre Auswirkungen durch ein frühzeitig aufgesetztes Integrations- und Change Management-Programm abzufedern.

Naturgemäß hat der Mensch Angst vor Veränderung. Im beruflichen Umfeld aber offenbart eine Veränderung durchaus großes Potenzial. Denn gerade aufgrund der wirtschaftlicheren Aufstellung ist es dem Unternehmen schnell wieder möglich, sichere und sogar neue Arbeitsplätze zu schaffen. Bei Atos beispielsweise haben wir nach der im letzten Jahr erfolgten Integration von Siemens IT Solutions and Services aktuell allein in Deutschland über 400 offene Stellen zu besetzen. Übernahmen sind also maßgeblicher Bestandteil für wirtschaftliche Stabilität – sowohl für Unternehmen und Mitarbeiter als auch für den Standort.