Jörg Mecke

ist Bereichsleiter Cloud Plattformen beim herstellerunabhängigen IT System- und Beratungshaus FRITZ & MACZIOL. Ein anderer Blickwinkel auf die Dinge ist bei ihm an der Tagesordnung.

EnterpriseVenture Capital

No Risk, no Fun – Die Abhängigkeit von guten Ideen

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Das Leben ist voller Risiken, beruflich wie privat. Ein Risiko wird aktuell immer wieder diskutiert und irgendwie die Lösung scheinbar schwierig: “the risk of vendor lock-in”, wie die internationale Literatur sagt. Ernstzunehmend: ja. Aber angsteinflößend? Definitiv nicht, meint silicon.de-Blogger Jörg Mecke in seinem aktuellen Stück.

Das “Risiko der Abhängigkeit von einem Hersteller” könnte man das “risk of vendor lock-in” nennen. Abhängigkeit von einem Hersteller, seinen Innovationszyklen und der Einhaltung der jeweiligen Roadmap, die häufig genug zeitlich unpräzise und unverbindlich ist. Je mehr in die Produkte eines Herstellers investiert wird, desto größer sind die Abhängigkeit und das Risiko. Es haben sich einige aufgemacht, dieses Risiko zu minimieren durch offene Standards und entsprechende Vorgehensweisen unter anderem die “Open Data Center Assoziation”.

Und es geht immer wieder um das Eine: Wenn ich mich an grundlegende Standards halte, kann ich zwischen zwei Herstellern wechseln, ohne elementare Zusatzkosten zu haben. So weit, so gut.

Ich wundere mich jedoch, dass eine solche Diskussion gerade jetzt aufkommt und seit gut einem Jahr geführt wird. Denn die Leben mit Abhängigkeiten sind wir in der IT doch schon jahrelang gewohnt:

• Wer eine SAP-Einführung bindet sich an SAP, hat ein “Vendor-Lock-In”. Bindungen von 15 oder mehr Jahren sind keine Seltenheit

• Wer eine Investition tätigt, hat eine “natürliches Vendor-Lock-In”, da die Investition genutzt werden soll, bis sie abgeschrieben ist, also je nach Ansatz 3 bis 5 Jahre in der IT.

• Wer für seine individuelle Infrastruktur die beste Lösung sucht, sucht nach innovativen, stabilen und/oder besonders skalierbaren Lösungen. Diese sind so neu, dass sie in keinen Standard passen oder so aufwändig entwickelt, dass der Hersteller die Proprietät nutzt, um Kosten zu amortisieren.

Das Vendor-Lock-In ist somit von vielen gewollt und bekannt; die Überraschung hält sich im überschaubaren Rahmen. Wenn die Hersteller der Software nicht immer wieder mit neuen Ideen auftrumpft, die sie selbstverständlich unabgestimmt mit dem Mitbewerber auf den Markt kommen, wird von den Analysten und Anwendergruppen „Innovationslosigkeit“ attestiert.

Was also tun? Die Virtualisierung war schon an vielen Punkten ein echter Segen. Und sie kann es auch hier: Wenn Netzwerk- und Storagevirtualisierung implementiert sind, kann der Wechsel der Hardware vereinfacht werden. Wenn die Desktops virtualisiert sind, ist das Endgerät belanglos.

Aber die Management-Software oder die Virtualisierungslösung auszutauschen, ist nicht frei von Aufwand. Der Vendor-lock-in ist vielleicht nicht vollständig vorhanden, aber die meist manuelle oder teilautomatisierte Übertragung von Konfigurationen und anschließende Funktionstests benötigen Zeit und Geld. So wie jeder Vendor-lock-in mit mehr oder weniger Zeit und Geld zu lösen ist.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass eine sorgfältige Auswahl der Lösung und eine herstellerneutrale Beratung unabdingbar ist. Und wer sich bindet und ein merkwürdiges Gefühl bei dem Restrisiko hat, dem sei mit Angela Merkel gesagt: “Die Situation ist alternativlos.”

  1. Sehr geehrter Herr Mecke, ein interessanter Beitrag, dem ich in einem Punkt zustimme:

    “So wie jeder Vendor-Lock-In mit mehr oder weniger Zeit und Geld zu lösen ist.”

    Und genau hierin besteht aus meiner Sicht eines der Kernprobleme von heutiger, propritärer Enterprise-Software. Die Anforderungen an Software-Produkte ändern sich aufgrund der sich permanent verändernden Business-Modelle der Unternehmen in einer rasanten Art und Weise. D.h., eine Entscheidung für das falsche Pferd kann in diesem Fall sehr kostspielig werden, denn 3-5 Jahre sind in der heutigen IT-Welt eine sehr lange Zeit. Deshalt gilt es aus meiner Sicht, den Vendor-Lock-In zu vermeiden. Dies ist jetzt aber keine Aufforderung, auf Enterprise-Software zu verzichten. Denn nur Enterprise-Software-Hersteller können die von den Kunden oftmals gewünschten Professional Services für eine schnelle Implenentierung sowie entsprechende Schulungs- und Support-Angebote bieten.

    Es ist vielmehr eine Aufforderung an die Hersteller von Enterprise-Software, offen über Ihre Roadmaps und die zukünftige Strategie Ihrer Produkte mit Ihren Kunden zu diskutieren, Interoperabilität zu ermöglichen und damit den Kundennutzen zu erhöhen sowie gleichzeitig das Risiko von Fehlinvestitionen auf Kundenseite zu reduzieren.

    Denn letztlich sollte es das Ziel der Enterprise-Software-Hersteller sein, zufriedene und treue Kunden zu haben. Und wie erreiche ich dieses Ziel besser, als sie mitbestimmen zu lassen und Ihnen die Freiheit zu geben, mein Podukt aus freim Willen und nicht aufgrund von Support-Agreements einzusetzen?

    Viele Grüße,

    Jörn Meyer

    1. Hallo Herr Meyer
      Das stimmt voll und ganz und ich denke, dieser Kommentar ergänzt meinen Beitrag: Interoperabilität ja, reine Verwendung von Standards nein, da nur proprietäre Systeme Innovation ermöglichen.
      Viele Grüße

      Jörg Mecke