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Status-Check Industrie 4.0: Wo steht die deutsche Industrie?

Die Hälfte der Unternehmen in Deutschland hat bereits IoT-Projekte im Rahmen ihrer Industrie 4.0- oder Digitalisierungsinitiativen umgesetzt, so eine Gartner-Studie mit 522 Befragten aus Unternehmen aller Größen und Branchen. Doch leben sie Industrie 4.0 tatsächlich schon oder stehen sie noch am Anfang der Entwicklung? Das Gartner CIO Summit, das im Mai 2017 in München [1] stattfand, gab hierzu neue Einblicke [2]:

Wo stehen die kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) und Großunternehmen in Deutschland bei der Umsetzung von Industrie 4.0?

Praktisch alle Unternehmen in Deutschland beschäftigen sich mit Industrie 4.0 und dem IoT (Internet of Things): [3] Nur drei Prozent der Unternehmen in Deutschland planen keine Aktivitäten bis Ende 2018. Der Fokus liegt bisher jedoch vor allem auf der Optimierung interner Abläufe und der Kostenreduzierung. Für externe Digitalisierungsvorhaben, bei denen die Zusammenarbeit mit Kunden, Lieferanten und Partnern im Mittelpunkt steht, setzen lediglich 22 Prozent IoT-Technologien ein. Bis Ende 2018 planen dies 58 Prozent der von Gartner Befragten, 13 Prozent üben noch Zurückhaltung.

Dabei haben viele Großunternehmen Industrie 4.0-Initiativen aufgesetzt und erste IoT-Projekte realisiert. Aber Industrie 4.0 wird auch durch international erfolgreiche deutsche Unternehmen aus dem Mittelstand geprägt und vorangetrieben. Sie gehen bei der Umsetzung häufig pragmatischer vor und arbeiten beispielsweise mit kleineren, agileren und flexibleren IoT-Lösungsanbietern und Start-ups zusammen. Kleine Firmen nehmen allerdings noch eine abwartende Haltung ein.

Welche Fehler machen die Unternehmen bei der Umsetzung von Industrie 4.0?

Viele Unternehmen und Organisationseinheiten verstecken sich allerdings noch in Silos und fokussieren sich auf interne Projekte, um mit Hilfe von IoT interne Prozesse effizienter zu gestalten beziehungsweise Kosten einzusparen. Sie nehmen Industrie 4.0 noch nicht als eine Zukunftsvision wahr, in der Unternehmen verschiedener Branchen global und über Wertschöpfungsketten hinweg in Ökosystemen – unterstützt durch digitale Technologien – zusammenarbeiten werden.

Autor dieses silicon.de-Blogs ist Alexander Höppe. Er ist als Research Director unter anderem auf die Themen IoT und Industrie 4.0 spezialisiert. (Bild: Gartner) [4]
Autor dieses silicon.de-Blogs ist Alexander Höppe. Er ist als Research Director unter anderem auf die Themen IoT und Industrie 4.0 spezialisiert. (Bild: Gartner)

Das Konsortium Plattform Industrie 4.0 hat daher zum Ziel, deutsche Unternehmen zu motivieren sich in internationalen Standardisierungsgremien wie dem Industrial Internet Consortium (IIC) zu engagieren.

Wichtig ist es allerdings, die richtige Balance zwischen der Definition von Standards – sicherlich im Umfeld Datensicherheit und Datenschutz essenziell – und pragmatischen Lösungen zu finden. Der Aufbau von Testumgebungen zum Beispiel kann auch kleineren Unternehmen den Eintritt in digitale Ökosysteme erleichtern.

Insgesamt behaupten zwar zahlreiche Unternehmen, Industrie 4.0 bereits “zu leben”. Der Blick auf die Praxis zeigt aber noch oft, dass die zugrundeliegenden IoT-Projekte nicht den erwarteten Nutzen bringen, da sie den Prototypstatus selten verlassen. Standards und Referenzarchitekturen können die Skalierung erleichtern – sofern deren Entwicklung aufgrund der Komplexität von Industrie 4.0 an sich und verschiedenster Standardisierungsgremien nicht zu langsam voranschreitet.

Gebremst wird die Umsetzung von Industrie 4.0 aber auch von der unzureichenden Abstimmung der oft technisch geprägten IoT-Projekte mit den Unternehmenszielen, von fehlenden Ressourcen und Skills, von Vorbehalten und Ängsten aufgrund der digitalen Disruption sowie von fehlender Innovationskultur aber auch schlichtweg mangelnder Kommunikation zwischen Fachbereichen und IT.

Wie können Unternehmen diese Hindernisse umgehen?

Gartners fünf Phasen umfassender “Digital Business Transformation”-Prozess startet mit einer so genannten “Digital Ambition” Phase, die genau diese Aspekte frühzeitig adressiert. Das Ziel ist es, eine abgestimmte Industrie 4.0-Roadmap aufzubauen. Diese stellt die Weichen für die zielgerichtete Durchführung der Phasen des nachfolgenden Kreislaufs:
Ambition – Design – Umfang – Anpassung

 

Gartners "Digital Business Transformation"-Prozess. (Bild: Gartner) Quelle: Gartner, June 2017 [5]
Gartners “Digital Business Transformation”-Prozess. (Bild: Gartner)
Quelle: Gartner, June 2017

Der CIO ist prädestiniert, diesen ersten Schritt zu gehen: Er kann mit Hilfe von Fachbereichsvertretern eine Vision für die Digitalisierung definieren und diese mit den Sponsoren (zumeist CEO und/oder CFO) abzustimmen, beispielsweise in Form eines frühen Workshops zur Digital Ambition. Diese Vision oder auch “Value Proposition” sollte Nutzenpotenziale aufzeigen, wichtige Kennzahlen definieren, erste Szenarien und Maßnahmenvorschläge enthalten und die Roadmap definieren.  

Welche Branchen sind Vorreiter und warum?

International liegt der Schwerpunkt von Industrie 4.0-Initiativen bei der Produktionsautomatisierung und -optimierung. Da der Maschinenbau und die Automobilindustrie Schlüsselbranchen in Deutschland sind, ist diese Tendenz hierzulande besonders ausgeprägt. Allerdings wird in Deutschland die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle oder intelligenter Produkte bisher noch weniger mit Industrie 4.0 in Verbindung gebracht als in anderen Ländern wie zum Beispiel den USA.

Fazit ist, dass die Industrie 4.0 Initiative primär durch fertigende Industrie geprägt wird, dass das Potenzial von Industrie 4.0 aber massiv steigt, wenn Unternehmen verschiedenster Branchen über Wertschöpfungsketten hinweg in digitalen Ökosystemen zusammenarbeiten. 

Autor dieses Blogs ist Alexander Höppe [6], Research Director bei Gartner.