Jörg Mecke

ist Bereichsleiter Cloud Plattformen beim herstellerunabhängigen IT System- und Beratungshaus FRITZ & MACZIOL. Ein anderer Blickwinkel auf die Dinge ist bei ihm an der Tagesordnung.

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Über Realitäten und hinkende Vergleiche

Silicon.de Blogger Jörg Mecke hat sich in den vergangenen Monaten viele Vorträge angehört und ist genervt von untauglichen Bildern. Zum Beispiel, wenn Cloud Computing mit Strom aus der Steckdose verglichen wird.

Was haben wir nicht alles für Vorträge gehört in den letzten Monaten: Auf Veranstaltungen, Roadshows, Messen und Kongressen. In perfekten Powerpoint-Präsentationen wurde uns näher gebracht, in welchen Technologien sich der IT-Affine von heute auskennen sollte und wo sich Investitionen lohnen. Da werden komplexe Argumentationen in Bilder und Metaphern gegossen, die schön sind – bekanntlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte.

Bilder, die mir bei beinahe allen Cloud-Vorträgen begegneten: “Beziehen doch Ihre IT wie Strom aus der Steckdose”. Oder: “Wozu brauchen sie ein Rechenzentrum? Sie produzieren doch auch keinen eigenen Strom.” Noch besser: “Wo das Rechenzentrum steht ist egal, sie wissen ja auch nicht, wo ihr Strom produziert wird.” Stimmt, ich weiß es nicht. Die meisten wissen es nicht. Das Problem ist nur, dass der Vergleich hinkt. Wer in Deutschland die Nutzung von (public) Cloud-Technologien mit Strom vergleicht, hat die Realität verkannt, denn Strom war noch nie so dezentral wie heute.

Erst vor kurzem erschien die Meldung, dass die Franzosen im kalten europäischen Winter nicht genügend Strom haben und somit in Deutschland zukaufen müssen. Den Deutschen hilft nämlich in solchen Situation die dezentrale Stromproduktion, die zu einem nicht unerheblichen Teil außerhalb der Kraftwerke durchgeführt wird. Photovoltaik, Windenergie und Kraft-Wärme-Kopplung machen ein Stromnetz verfügbarer und schützen tendenziell vor dem Blackout. Das hat beispielsweise eine Simulation bei Quarks & Co. im WDR ergeben.

Wer also diesen Vergleich zwischen dem “Strom” und der “Wolke” zieht, der irrt; der Vergleich hinkt, weil er einseitig die massive Zentralisierung der Ressourcen in einige wenige Rechenzentren zu forcieren versucht (“Public Cloud”). Dabei wird vergessen, dass die “Private Cloud” ebenso IT aus der Steckdose bietet, jedoch dezentral produziert und mit einer hohen Versorgungssicherheit.

Liebe Referenten: Sucht Euch neue Beispiele. Nicht immer sind Bilder die beste Wahl für die Darstellung komplexer Sachverhalte, nicht immer ist IT Technologie. In der Realität suchen doch alle nach dem Nutzen, nach dem Vorteil für sich – persönlich und als Unternehmen. Wer Themen erklären will, kann auch anders arbeiten. Mein Kollege Jörn Meyer beispielsweise hat aus Cloud ein Akronym gemacht, dass den Begriff verdeutlicht und passender ist: C-L-O-U-D – Change Localized Oversized Underperforming Datacenters.

Ein solcher Ansatz hinkt nicht, er ist vielmehr eine Motivation, in Cloud-Technologie zu investieren: In den Nutzen für das Unternehmen, in den Nutzen für jeden Bereich oder auch für viele Anwender. Dieser Nutzen ist dann auch nachweisbar, quantifizierbar und verrechenbar – neudeutsch: billable.

Was übrigens noch eine nette und sicherlich zukunftsträchtige Idee ist, wäre auch nach dem Nutzen abzurechnen: Nicht (nur) pro Benutzer, pro Zeiteinheit, pro Verbrauch an Rechnereinheit (CPU und RAM), sondern nach dem Vorteil, den die bereitgestellte Funktion oder der Geschäftsvorfall bietet. Diese Vorteile kann man als Prozesskosten beschreiben und dann einen Preis pro Debitor, einen Preis pro Rechnung, einen Preis pro produzierter Einheit kalkulieren. Und so bin ich viel weiter als beim Strom: Dann bezahle ich nicht die Energie, sondern meinen Nutzen von beispielsweise einer Stunde fernsehen. Ein interessanter Gedanke, der die betriebliche und private Kosten-/Nutzenrechnung verändern würde…

  1. Verknüpfung von Informationsverarbeitung und Geschäftsvorfällen
    Die Basis von Abrechnung ist die Leistungsmessung und das Reporting und diese wiederum baiseren auf den SLAs. Es gab schon vor Jahren den Ansatz IT-Leistungen nicht mehr zwingend an der IT zu messen sondern ein Shared Risk & Reward Modell zu etablieren. Stellen Sie sich vor die Vergütung richtet sich nicht nach der Verfügbarkeit des IT Systems zum Chck In sondern an der Länge der Schlange am Check in Schalter.
    Ganz vorne war hier die Fujitsu Services mit dem Ansatz Sense & Respond, welcher auch mehrfach im Kontext von Service und Help Desk Leistungen prämiert worden ist. Mehr zu diesem Ansatz z.B. hier: http://www.amazon.de/Sense-Respond-Journey-Customer-Purpose/dp/140394573X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1318239328&sr=8-1

    Cloud Computing bietet die Chance in diese Richtung einen neuen Anlauf zu wagen. Jörg Mecke kritisiert zu recht das Bild IT aus der Steckdose, da dieses Bild nur einen Teilaspekt darstellt aber gerne allumfassend für den Begriff Cloud angewendet wird. Grundsätzlich sind Bilder eine gute Idee. Hier mal der Ansatz Cloud anhand eines anderen Bildes zu erklären:

    http://clouddiscussions.wordpress.com/2011/09/26/enterprise-cloud-computing-explained-with-cars/
    http://clouddiscussions.wordpress.com/2011/09/28/enterprise-cloud-computing-explained-with-cars-%e2%80%93-part-2-%e2%80%93-private-clouds/

    Der Kardinalfehler bei den Bildern und Präsentationen, der mir begegnet ist, der Ansrpuch auf die eine und richtige Wahrheit. Wir müssen uns daran orientieren, welchen Herausforderungen die Kunden gegenüber stehen und nicht, welche Produkte wir glauben aktuell im Rechenzentrum finden zu müssen. Hierbei hilft es sich zu verdeutlichen, das ein Kunde in seinem Geschäft eher in Workloads/Geschäftsvorfällen als in IT Technologie denkt und somit schließt sich der Kreis zur vorgeschlagenen Abrechnung anhand dieser Meßkriterien.

  2. Da kommt mir doch eine Idee
    Es sei mir verziehen, das es etwas am Thema vorbei geht, muss es aber los werden:
    Zitat "…Dann bezahle ich nicht die Energie, sondern meinen Nutzen von beispielsweise einer Stunde fernsehen."
    Dann müsste ich doch bei diversen Vorabendserien,speziell in den Privaten, Geld zurückbekommen!

  3. Warum denn nicht?
    Hello,

    Ick finde es durchaus sinnvoll, Cloud Computing mit IT aus der Steckdose zu vergleichen, wenn es um Darstellung von Cloud Features wie Pay-per-Use oder On-Demand geht. So what? Vergleiche, the more simplified sie einen komplexen Sachverhalt darstellen sollen, hinken doch immer mehr oder weniger.

    Ich persönlich ziehe auch immer gerne als Analogie zu Cloud Computing den Vergleich zum Car Sharing, obwohl – wenn man kleinlich ist – auch dieser Vergleich an manchen Stellen hinken mag.

    Dennoch helfen solche einfachen Vergleiche, die Concepts des Cloud Computing zu verstehen. Sie helfen sogar mehr als Jorn Meyer’s Ansatz, finde ich. JM’s in das Wort "Cloud" hineininterpretierte Message ist zwar vom Ansatz her korrekt, aber sie kann nur von Menschen verstanden werden, die sich bereits mit IT beschäftigen.

    BTW, Deutschland sollte endlich mal mit diesen ständigen Cloud-Definitionen aufhören.

    Regards

    Pedro R Ward

    Maricopa Community Colleges
    Tempe, Arizona

  4. Benötigte Definition und Bilder
    Hallo Herr Ward,
    sie haben recht: Es ist auch meine Wahrnehmung, dass wir in Deutschland zu viel definieren, zu viele Bilder haben.
    Das Problem sind aus meiner Sicht zu viele Trittbrettfahrer, denn jeder IT-Dienstleister meint, er würde "Cloud-Computing" anbieten. Und was ist dann das Leistungsportfolio? "Ich virtualisiere ihre Server". Irgendwie am Thema vorbei.
    Ein gleiches Verständnis über Sinn und Nicht-Sinn, über Vor- und Nachteil, über Kosten und Nutzen fördert eine sachliche und zielführende Diskussion.
    Beste Grüße aus Deutschland
    Jörg Mecke