Dr. Clemens Plieth

ist Managing Director Service Delivery bei Pironet NDH Datacenter. Virtualisierung, Storage, Rechenzentren und Netzwerke sind seine Spezialgebiete.

CloudEnterprise

Vermisst wird: Die Cloud

0 0 1 Kommentar

Alle Welt redet von Cloud Computing – und so könnte man meinen, die Technologie sei bereits überall vorhanden. Das Gegenteil ist der Fall, meint silicon.de-Blogger Dr. Clemens Plieth. Denn bei genauerem Hinsehen fehlt die Cloud in unserem digitalen Leben an allen Ecken und Enden.

Es scheint, als ob die Cloud bereits überall angekommen ist. Mittlerweile erzählt sogar die Fernsehwerbung von den Vorzügen der Wolke: Urlaubsfotos sind von überall aus abrufbar, an jedem Ort können sich Nutzer mit all ihren Kontakten austauschen und unsere Bücherregale wandern ebenfalls in die Wolke. Das Problem: Noch funktioniert das alles nicht so richtig. Oder sind Sie in letzter Zeit in Ihr Auto eingestiegen und konnten ohne Probleme auf den gleichen Musikkatalog zugreifen, den Sie auch zu Hause haben? Eben. Und wie verteilen die meisten Menschen immer noch ihre digitalen Urlaubsfotos oder die Bilder vom Familien-Neuzugang? Per Cloud-Lösung, auf die alle zugreifen können, wohl nur die wenigsten. Hier ist die E-Mail immer noch das Werkzeug Nummer eins.

Doch wie ist der Status quo bei den Geschäftsanwendungen? Oftmals noch weniger auf der Höhe der Zeit. Obwohl die Tools seit Jahren bestehen, schicken sich die meisten Mitarbeiter unternehmensintern oder beim Austausch mit Kunden und Partnern immer noch Dateien von Präsentationen und Dokumenten zu. Ganz zu schweigen vom Datenwildwuchs in den digitalen Archiven vieler Firmen.

Chaotische digitale Identitäten

Im digitalen Leben, oder wie es vor mehr als zehn Jahren Apple-Mitbegründer Steve Jobs mit seiner Produktwelt “iLife” propagiert hat, sind wir noch längst nicht angekommen. Aber woran liegt das? Eigentlich sollte die Technik alles einfacher machen. In Teilen ist das der Fall. So können wir heutzutage an praktisch jedem Ort digitale Informationen zumindest einsehen, auf das Internet als Informationsquelle zugreifen und Termine viel einfacher vereinbaren, da wir nahezu überall erreichbar sind (was zugegebenermaßen Vor- und Nachteile haben kann). Trotz, oder gerade weil die Bedienung unserer digitalen Gadgets wie Digitalkamera oder Smartphones immer einfacherer geworden ist, herrscht bei den meisten Menschen aber mittlerweile ein digitales Tohuwabohu. Dateien lagern hier auf der Festplatte eines Laptops, dort auf dem Smartphone oder sind gänzlich unerreichbar auf einem unserer zahllosen USB-Sticks verschwunden. Cloud Computing müsste in letzter Konsequenz bedeuten, dass wir von überall aus Zugriff auf dieselben Informationen haben. Momentan ist jedoch das Gegenteil der Fall – das Informations-Zeitalter wird immer mehr zum Informations-Überfluss-Zeitalter.

“Eingemauerte Gärten” verhindern echte Cloud

Lösungen, die unser digitales Leben von überall aus greifbar machen und uns helfen, den gigabyteweise steigenden Anstieg an Daten zu beherrschen, gibt es zwar. Nur ist die Bedienung für Otto-Normal-Nutzer immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. Und einmal eigerichtet fangen sie den Nutzer oft in so genannten “Walled Gardens” – in geschlossenen Systemen die den Anwender an einen einzigen Anbieter binden. Ob Apps, E-Mail-Konten oder Social-Media-Dienste – der Austausch über alle Geräte und Plattformen hinweg ist oftmals unmöglich, oder nur eingefleischten Technik-Fans zugänglich.

Was wir bräuchten sind Lösungen, die den Transport und das Abrufen unserer digitalen Informationen so vereinfachen, dass wir überhaupt nicht mehr darüber nachdenken müssen, welchen Dienst wir dafür verwenden. Eine utopische Vorstellung? Vielleicht. Andererseits funktionieren Standards auch an anderer Stelle. Wir können beispielsweise mit jedem Kraftfahrzeug – unabhängig vom Hersteller – jede Straße befahren, an jeder Tankstelle tanken oder Radio- und Satellitennavigationsfunktionen nutzen. Gleiches gilt für unzählige andere Beispiele aus Industrie und Wirtschaft: Standards haben letztlich zu mehr Nutzerfreundlichkeit und mehr Wettbewerb geführt. Wieso dann also nicht Standards für die Cloud vorantreiben und die Nutzer entscheiden lassen, welchen Dienst sie haben möchten?

Warnhinweis für öffentliches Teilen

Ein weiterer Grund, warum die meisten lieber zur lokalen Lösung statt zur Cloud greifen, ist die Ungewissheit, dass man mit dem nächsten Klick nicht vielleicht doch versehentlich etwas für jedermann im Netz bereitstellt. Hier eine Adressbuch-Synchronisation, dort ein Posting in einem Sozialen Netzwerk, wer weiß schon wo die Informationen letztlich landen? 80 Prozent der Deutschen empfinden laut einer Umfrage von Infratest Dimap gegenüber Cloud Computing ein Unbehagen. Eigentlich müsste daher jedes Mal, wenn man Content im Web für jedermann bereitstellt, ein eindeutiger Warnhinweis sichtbar sein. Etwa nach dem Vorbild “Zu Risiken und Nebenwirkungen…”. Vielleicht nicht ganz so aufdringlich. Aber dass unsere persönlichen Daten ungefragt das World Wide Web erobern ist mit Sicherheit nicht im Sinne der Nutzer.

Demnach sollte es auch ein Verbot für die Anbieter von Cloud-Diensten geben, irgendwo in den Unweiten ihrer Digitalen Geschäftsbedingungen das ungefragte Veröffentlichen oder die Weitergabe von Informationen zu verbergen. Ganz zu schweigen von Geschäftspraktiken wie das Veräußern oder Publizieren von bereits gesammelten Informationen, ohne die Nutzer explizit danach zu fragen, wie es etwa jüngst bei dem Online-Bilderdienst Instagram der Fall war.

Lichtgeschwindigkeit statt Buckelpiste

Zudem hindern uns die immer noch viel zu langsamen Internetanbindungen daran, all unsere digitalen Informationen zusammenzuführen und so unsere digitale Identität endlich einfacher abzubilden. Denn welche Anbindung ans Web verkraftet schon das hoch- oder herunterladen von mehreren Gigabyte an Daten innerhalb weniger Sekunden oder Minuten? Zwar verspricht die Werbung seit Jahren, dass das Internet nach Modem, ISDN und den ersten DSL-Generationen jetzt endlich richtig schnell wird. Bezogen auf den Wust an digitalen Informationen, die mittlerweile zu unserem Leben gehören, ist das derzeitige Internet-Tempo jedoch immer noch vergleichbar mit einem Kleinwagen und dem Versuch, darauf mehrere dutzend Euro-Paletten in Windeseile quer durch einen Kontinent zu transportieren. Die Internetverbindungen sind immer noch die Achillesverse vieler Cloud-Dienste. Was wir bräuchten ist ein 40-Tonner, der mit Lichtgeschwindigkeit fährt.

Zu übertrieben, finden sie? Der ehemalige Technologie-Vordenker bei IBM, Professor Gunther Duck, forderte bereits vor Jahren das Gigabit-Internet. Er, und mittlerweile nicht wenige andere, sind davon überzeugt, dass der Aufbau eines echten Hochgeschwindigkeitsnetzes zu einem der künftigen Standpfeiler für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland werden könnte. In Cansas City in den USA arbeitet Google momentan in einem Feldversuch daran, ein Gigabit-Netz aufzubauen das 100 Mal schneller als herkömmliche Breitbandanschlüsse ist. Eigentlich eine unerlässliche Voraussetzung, damit Cloud-Dienste endlich richtig funktionieren und für unser digitales Leben in der Wolke.

  1. Schöner Blogbeitrag. Wir vermuten, dass der Einsatz der Cloud zumindest aus rechtlicher Sicht momentan vielen potenziellen Kunden einfach zu heikel ist. Wo wir über die rechtlichen Anforderungen des Cloud Computings referieren, überraschen wir beispielsweise mit den Vorgaben der Abgabenordnung: http://www.recht-freundlich.de/cloud-computing-und-die-abgabenordnung-teil-1

    Und so unbeachtet die Abgabenordnung ist, so ist auch das große Problem des Datenschutzes immer noch präsent. Dies wird nicht leichter durch die kommende Datenschutzgrundverordnung. Bevor also die Cloud richtig durchstartet, bedarf es einer gesteigerten Rechtssicherheit beim Benutzer.