Dr. Clemens Plieth

ist Managing Director Service Delivery bei Pironet NDH Datacenter. Virtualisierung, Storage, Rechenzentren und Netzwerke sind seine Spezialgebiete.

EnterpriseSoftware-Hersteller

Vertriebler fahren keine Ente

IT darf nicht mehr als Kostenfaktor gelten, sondern muss endlich als Produktivitätsfaktor angesehen werden, meint silicon.de-Blogger Clemens Plieth. Schließlich erhalte der Vertriebsmitarbeiter auch keinen Citroen 2CV für seine Dienstfahrten.

Produktiv mit Windows XP arbeiten? Ohne Zweifel, das funktioniert. Aber eben nicht immer so gut. Sicherlich benötigen Mitarbeiter im Callcenter oder in der Buchhaltung nicht das neueste IT-Gadget, um ihre Aufgaben zu erledigen. Das entsprechende Ticketsystem oder die SAP-Umgebung läuft auch auf einem älteren System gut. Aber wie soll ein Marketingmanager eine virale Kampagne starten, wenn er weder über eine Videoschnitt- oder Bildbearbeitungssoftware, noch über einen HTML5-fähigen Browser verfügt?

Finanzvorstände oder CFOs scheinen über das Thema Firmen-IT anders zu denken als über andere Investitionsgegenstände. So erhält der Vertriebsmitarbeiter ein zeitgemäßes Auto, um schnell und sicher zum Verkaufsgespräch zu fahren. Die Produktionsstraße ist up to date, um effizient die neuesten Produkte herstellen zu können. Nur beim Thema Informations- und Kommunikationstechnologie scheint der Effektivitätsgedanke noch nicht Fuß gefasst zu haben.

Immerhin setzen noch über 50 (!) Prozent der Unternehmen auf eine Alt-IT-Struktur bestehend aus Windows-XP-Rechnern. Und das, obwohl heutzutage eigentlich kein Geschäftsprozess ohne elektronische Hilfe auskommt. Den Umstand, dass Mitarbeiter von der Marketingabteilung bis hin zur Produktentwicklung ihre Aufgaben oftmals überhaupt nicht so ausführen können, wie sie es mit einem zeitgemäßen System könnten, scheinen Finanzvorstände allzu oft zu ignorieren.

Kein Wunder, dass der neueste Trend in der IT die so genannte “Consumerization” ist: Mitarbeiter nutzen immer öfter ihren eigenen Laptop, um sich beispielsweise mit den Kollegen im Ausland per Videotelefonie kurzzuschließen oder schnell Bilder für eine Präsentation zu bearbeiten. Denn entweder laufen die entsprechenden Anwendungen auf den Firmen-PCs nicht. Oder es würde Monate dauern, bis ihre Anfrage zur Anschaffung neuer Hard- und Software gefruchtet hat.

Die Finanzabteilung rechnet falsch

Auch das private Smartphone wird zum produktiven Unternehmenshelfer: Mitarbeiter rufen hierüber unterwegs oder zuhause ihre Firmenmails ab oder begutachten schnell die neueste Fassung eines Produktflyers. Die stetig wachsende Landschaft aus privaten IT-Werkzeugen wird damit durch die Hintertür zum Produktivitätsfaktor für die Unternehmen. Nur: Die Privat-IT taucht in keiner Firmenbilanz auf. Mit der Konsequenz, dass die Rechnung der Finanzvorstände falsch ist.

Zumal untergräbt die Nutzung der Privat-IT für Firmenzwecke die Datenschutz- und Datensicherheitsbestimmungen eines Unternehmens. So wurden Desktop-PCs in den vergangenen Jahren zu IT-Festungen aufgerüstet, auf denen es Mitarbeitern unmöglich ist, einen USB-Stick anzuschließen oder Programme zu installieren. Doch die gelebte Realität beim Thema Datenschutz sieht anders aus: Mitarbeiter umgehen die Regelungen, indem sie sich E-Mails an ihre Privatadresse weiterleiten oder etwa eine Powerpoint-Präsentation auf einem Online-Laufwerk speichern.

Fast kein Mitarbeiter macht so etwas böswillig und unterläuft die Regelungen zum Datenschutz, weil er dem Unternehmen schaden will. Im Gegenteil: Die Mitarbeiter möchten von zuhause oder unterwegs aus arbeiten. Sie möchten produktiv sein – etwa mit neuen Programmen und mit den neuen Möglichkeiten, die Smartphones, schnelle Internetverbindungen sowie Tablet-PCs bieten. Oft wird das sogar gefordert. Aber: Die Alt-IT schiebt ihnen einen Riegel vor. Sie sind daher gezwungen, die offiziellen Regelungen zu umgehen.

Bejahen statt aussperren

Sowohl Finanzabteilung als auch Unternehmensleitung müssten also eigentlich umdenken. Statt die Privat-IT aus der Firmenumgebung auszusperren, sollten sie die Nutzung erlauben. Ja, sie sollten sogar Anreize für die Mitarbeiter schaffen, ihre private IT zu nutzen. Denn jede zusätzliche Minute, die Mitarbeiter mit ihrem eigenen Laptop oder Smartphone arbeiten können, wird zur produktiven Minute für das Unternehmen.

Und was ist dann mit der Datensicherheit? Hierfür gibt es mittlerweile Abhilfe. Denn dank Desktopvirtualisierung lässt sich nahezu jeder Rechner, Laptop, Smartphone oder auch Tablet-PC mit der IT des Unternehmens verbinden. Und zwar sicher. Denn die Firmen-IT-Umgebung läuft dann wahlweise in einem Browserfenster. Oder eine eigene Instanz nutzt per Virtualisierung die Hardwareressourcen des jeweiligen Rechners.

Egal welche Variante der Desktopvirtualisierung Unternehmen nutzen, allen ist eines gemeinsam: Der Anwender kann nach wie vor seine eigene Hard- und Software nach Belieben nutzen. Die Firmen-IT ist dann von dieser abgekapselt. Ob Netbook, Tablet oder irgendein anderes IT-Werkzeug – das vermeintlich unsichere Heer an privaten elektronischen Helfern wird damit zum sicheren Teil der Informationstechnologie der Unternehmen.

Eines bleibt jedoch, wie es ist: Während für die Sicherheit die IT-Abteilung des Unternehmens oder ein Dienstleister sorgt, indem er beispielsweise auf eine virtuelle Umgebung aus der Ferne Updates aufspielt oder für das Backup der Daten sorgt, bleibt das Thema Datenschutz in den Händen der Mitarbeiter. Genau wie der USB-Stick, der unerlaubt in den Firmen-PC gestöpselt wird, sind es die Mitarbeiter, die die Verantwortung über diese Daten haben und entsprechend verantwortlich handeln sollten. Jeder Einzelne muss im Rahmen der Datenschutzbestimmungen des Unternehmens dafür sorgen, dass Baupläne, Entwicklerunterlagen und andere schützenswerte Dokumente die sichere Welt der Firmen-IT nicht verlassen. Ansonsten ist auch die beste Sicherheitslösung zwecklos.

Tschüss, grüne Wiese!

“Bring your own Device”, so der offizielle Name zum neuen Trend, dank Virtualisierungslösungen seine Privat-IT mit zur Arbeit zu bringen und dort auch offiziell nutzen zu können, bringt damit die restriktiven Budgetvorstellungen der Finanzabteilung und den Anspruch der Firmenleitung an eine produktivere Arbeitsumgebung unter einen Hut. Denn damit ist mit relativ wenig Kapitalaufwand die sichere Nutzung von schnellen und mobilen Geräten sowie neuen Anwendungen möglich.

Einziger Wehrmutstropfen, sofern es überhaupt einer ist: Seine “Lahm-IT” wird künftig wahrscheinlich keiner mehr nutzen wollen. Und der wohl bekannteste Desktop-Hintergrund, die grüne Hügelwiese unter strahlend blauem Himmel des Windows-XP-Bildschirms – dessen Original-Aufnahmeort übrigens kürzlich per Google Street View entdeckt wurde – gehört damit wohl endgültig der Vergangenheit an. Aber dem wird wohl niemand ernsthaft nachtrauern. Oder?

  1. Ja, immer raus mit der Kohle!
    Sehr geehrter Herr Plieth,

    eine ähnliche These in Bezug auf BYOD wurde ja erst vor Tagen von Herrn Lauterbacher aufgestellt. Das ermüdet.

    Mein Kommentar hierzu:
    “…Nur eines: BYOD bedeutet die Unterstützung vieler Geräte. Beliebiger Geräte.
    Das kostet immer Geld! Egal welche stadardisierten Normen ich verwenden möchte.
    Fehler in Betriebssystemen, Treibern usw. wird es immer geben.
    Und das heisst es funktioniert auf einem Gerät und auf einem anderen eben nicht.
    Nehmen Sie z.B. Android. Lesen Sie mal die User-Kommentare. App funktioniert auf Samsung, aber nicht auf Motorola usw.
    Ein OS, verschiedene Ergebnisse.
    Das wird auch immer so bleiben. Standards hin, oder her.”

    Das unterstützen jedweder Hardware verursacht erheblich höhere Kosten, als
    Standardisierung.
    Einer wie Sie muss natürlich so Thesen aufstellen, denn Sie verdienen ja daran.
    Als Anwender-Unternehmen muss ich allerdings genau solche Kosten schultern.

    Und noch eines zu Windows XP.
    Viele Leute sind traurig, oder wutentbrannt, wenn Sie auf W7 wecheln
    müssen. Sie müssen unnötiger Weise alles neu lernen, da dieser komische Konzern in Redmond kein Stein auf dem anderen lässt, um sich selbst und die peripheren Unternehmen kräftig verdienen zu lassen.
    Wohlgemerkt ohne Not!
    Ihre Beispiele Videobearbeitung und HTML 5 sind ja äusserst dürftig,als
    Grund für eine Migration auf W7. Das kann XP genauso gut.

    Das Geld, was wir hier ausgeben muss auch verdient werden.
    Und ach ja, ich bin kein Finanzer, sondern in der IT eines Anwenderunternehmens tätig.

  2. BYOD ist Geben und Nehmen
    Sehr geehrter Herr Hoffmann,

    Bei der Diskussion um BYOD werden schnell Sichtweisen miteinander vermischt, die nicht in direktem Zusammenhang stehen. Vermeintliche Vor- und Nachteile von Windows XP versus Windows 7 haben wenig bis nichts mit Für und Wider zu BYOD zu tun.

    BYOD ist eher ein Geben und Nehmen zwischen dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern. Das Unternehmen gibt ein wenig mehr Freiheit. Es lässt den Zugriff auf die Systeme des Unternehmens durch (beliebige oder ausgewählte) mobile Endgeräte zu. Der Mitarbeiter gibt ebenfalls, nämlich sein privat erworbenes Smartphone, seinen Tablett PC oder sein Netbook für den Dienstgebrauch. Dafür nimmt er ggf. in Kauf, dass bestimmte Fehlfunktionen vorhanden sind, für die er die IT Abteilung seines Arbeitgebers nicht in die Pflicht nehmen kann.

    Das Unternehmen muss möglicherweise in Technologie, Sicherheit und ggf. einen erweiterten Support investieren. Zudem müssen steuerliche und rechtliche Konsequenzen geklärt und das bestehende Lizenzmanagement überprüft werden (siehe auch http://www.de.capgemini.com/it-trends-blog/2011/11/bring-device-fragen-ber-fragen/).

    Die Investition und die durchzuführenden Aktivitäten sind in meinem Verständnis aber eine Investition in die eigenen Mitarbeiter. Denn die Mitarbeiter sind i.d.R. der wertvollste Produktionsfaktor und zufriedene Mitarbeiter sind produktiver als frustrierte. Und beim Kampf um junge Talente sind die Unternehmen im Vorteil, die mit einem innovativen Arbeitsumfeld werben können.

    Die IT soll und muss sich hier als Innovator verstehen und diese Bestrebungen unterstützen.
    Beste Grüße
    Norbert Jachmann

  3. XP ist ein Auslaufmodell und unsere digitale Arbeitsweise verändert sich
    Hallo Herr Hoffmann,

    ich kann Ihren Einwand nachvollziehen, dass neue Endgeräte mehr Aufwand verursachen ? und auch was die Sympathie für Windows XP angeht ;-)

    Doch Tatsache ist: Nach elf Dienstjahren ist Windows XP ein Auslaufmodell. Der Mainstream-Support ist ausgelaufen. Der Extended-Support wird auslaufen. Microsoft stopft nur noch die gröbsten Sicherheitslöcher. Auch Soft- und Hardware-Hersteller werden ihre Unterstützung allmählich für XP einstellen. Sollen Unternehmen XP trotzdem noch weitere fünf oder gar zehn Jahre nutzen? Der Migrationsstau wird so nur noch größer ? gerade im Mittelstand.

    Außerdem: Unsere Arbeitsweise verändert sich. Die Ansprüche der Anwender an PC-Arbeitsplätze wachsen. Auch das ist eine Tatsache. Die Zahl jener, denen die Möglichkeiten ihrer IT-Ausstattung ziemlich gleichgültig sind, schrumpft. Die nächste Generation in den Büros legt sehr wohl Wert auf einen modernen PC-Arbeitsplatz. Ein Sachbearbeiter, der immer wieder gleiche Aufgaben an seinem Rechner bearbeitet, mag (noch) mit XP zurecht kommen. Aber stellen Sie sich die Reaktion der neuen Mitarbeiterin aus der Generation Y vor, wenn sie am ersten Arbeitstag eine alte Windows-Kiste vorgesetzt bekommt ? am besten noch mit Röhren-Monitor. ?Funktioniert doch!? Das kann sich gerade der Mittelstand im Wettbewerb um hoch qualifizierten Nachwuchs nicht mehr leisten. Und ganz ehrlich, auch die meisten Manager wollen so nicht mehr arbeiten.

    Natürlich steigt die Komplexität für die IT-Abteilung durch neue Endgeräte und Plattformen. Ein ?Alles geht? macht sicher keinen Sinn. Aber bürokratische Hürden ebenso wenig. Denn eine Mitarbeiterin, die sich durch eine moderne Ausstattung mit digitalen Werkzeugen motiviert fühlt, die endlich auch problemlos im Home-Office und von Fremdrechnern sicher auf ihre Büroumgebung zugreifen kann, arbeitet produktiver. Solche Anforderungen sind keine Marketingbehauptung. Eine noch nicht veröffentlichte Umfrage der Marktforscher von PAC bei mittelständischen Unternehmen zeigt, dass zwischen 65 und 90 Prozent der befragten Unternehmen mehr Mobilität für ihre Mitarbeiter wünschen, nach Wegen suchen, private Endgeräte im Büro compliance-konform zu integrieren usw. usw.

    Dafür gibt es ja gerade neue Technologien wie Cloud Computing, die IT-Abteilungen in den Stand setzen, ihre Kernaufgabe zu erfüllen: die digitalen Werkzeuge für die Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen.

    Ihrem Schlussargument stimme ich dabei voll und ganz zu: Ausgaben für neue Werkzeuge müssen letztlich wieder verdient werden. ? Aber kein Industrieunternehmen würde nur deshalb darauf verzichten, in bessere Maschinen zu investieren, weil die alten noch laufen. Gilt das nicht auch für IT-Abteilungen?

    Mit besten Grüßen, Clemens Plieth

    1. Vielen Dank für den schönen Artikel! ROI statt Kostenminimierung – effektiv statt billig – ich denke das ist ein sehr wichtiger/guter Gedanke, der oft vernachlässigt wird.
      Ob Desktop-Virtualisierung der richtige Ansatz für die Nutzung der vielfältigen Geräte-Hardware ist, sollte allerdings diskutiert werden. Sollte nicht vielmehr die Vielzahl der Geräte möglichst flexibel unterstützt werden (zentrale Datenhaltung und zentrales Autiging/Management), um die jeweiligen Stärken/Apps der Plattformen/Geräte optimal auszunutzen (statt nur windows anders auf zB ein Tablet zu zwängen)?

  4. Vielen Dank für den guten Artikel! Effektiv statt billig ist definitiv ein guter Ansatz und wird wirklich oft vernachlässigt. Die breite Utnerstützung verschiedener Endgeräte ist auch ein extrem sinnvoller Ansatz.
    Ob Desktop Virtualisierung hier die richtige Lösung ist sollte diskutiert werden. Vielleicht sollte man besser nicht versuchen jetzt auf diese Weise Windows auf alle Geräte zu zwängen (z.B. iPad) sondern vielmehr einen Ansatz wählen, der die lokalen Resourcen der jeweiligen Geräte ausnutzt (bei zentralem mangement und zentraler Datenhaltung – ob Cloud oder im Unternehmen kann jeder selbst entscheiden).