Stefan Pfeiffer

ist Marketing Lead Social Business Europe bei IBM Deutschland und nennt sich selbst "Schreiberling aus Passion".

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Wenn man die Arbeit nicht sein lassen kann …

Noch ist es nicht soweit, dass ich nachts aufwache und E-Mails lesen muss. Aber oft nehme ich mein iPad beim Frühstück, im Bett und sogar auch in der Badewanne zu Hand. Die Grenzen von Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen stärker.

Vor kurzem habe ich das Thema Home Office zu thematisiert. Der Begriff ist
aus meiner Sicht sicher nicht falsch, aber in gewissem Maße irreführend,
denn neben dem Home Office – mit im Idealfall komfortabler Büro- und
Telekommunikationsausstattung (Schreibtisch und -stuhl, großem Monitor
ebenso wie sicherer VPN Zugang, Instant Messaging, Unified Telephony oder
Videooption) spielt für mich das mobile Office eine immer größere Rolle.
Ich bin oft unterwegs und möchte auch dann meine Arbeit komfortabel
erledigen können.

In dieser Beziehung hat sich für mich im vergangenen Jahr eine Menge
verändert. Schuld daran ist das iPad, das ich vor ca. 9-10 Monaten in
Betrieb genommen habe. Ich bin und war nie ein Meister-SMS-er und Texter,
obwohl ich nun schon seit einigen Jahren Smart Phones – vom SonyEricsson
S900 über ein VPA Compact II und nun iPhone – nutze. Die Smart Phones –
und vorher mein Palm Pilot (so was gab es ja auch mal) – waren für mich
neben Telefon vor allem mobiler Terminkalender und Adressbuch. Ich
bewundere noch heute diejenigen, die mit meisterhaftem Geschick die
Tastatur ihres Blackberries blind bedienen und den Eindruck erwecken,
darauf ellenlange Seiten zu texten. Mein iPhone, das unterdessen runde drei
Jahre im Einsatz ist, ist für mich weiter primär Telefon und Personal
Organizer. Die vielfältigen Apps, die darauf installiert sind, nutze ich
losgelöst von potentiellen Telekommunikationskosten nur bei sehr drängendem
Bedarf, denn mir ist der Bildschirm des iPhone noch immer zu klein, um
darauf flüssig lesen oder gar zu arbeiten.

Eine erste kleine Revolution in der mobilen Nutzung hat bei mir dagegen das
iPad ausgelöst. Durch das iPad nutze ich das Netz in deutlich größerem
Maße. Ich nehme es oft zur Hand, auf dem Sofa, auf dem Flugplatz, im
Flieger, im Bad, beim Frühstück, im Bett und sogar auch der Badewanne, um
meine E-Mails zu lesen und in Kürze zu beantworten, meine RSS Feeds, also
die von mir selektierten Nachrichtenkanäle und Web Sites zu durchstöbern
und um “sozial” zu netzwerken.

Das iPad ist für mich noch immer kein Werkzeug zum komfortablen Texten.
Auch dieser Blogbeitrag entsteht am “normalen” Computer mit Tastatur. Noch
immer fehlen mir trotz aller Apps auf dem iPad Werkzeuge wie eine
komfortable Textverarbeitung. Trotzdem hat das iPad radikal verändert, wie
ich arbeite, lese und netzwerke. Es ist mein primäres Lesegerät für
Nachrichten – noch nicht für Bücher oder längere Texte – geworden. Wenn ich
lesen, mich informieren will, stelle ich mein Macbook in der Regel zur
Seite, lege mich aufs Sofa oder ins Bett und nehme das iPad in die Hand, um
meine RSS Feeds oder Webseiten zu lesen. Die elektronische Zeitung hat
sich bei mir noch nicht durchgesetzt, obwohl Flipboard, Zite und Pulse News
installiert sind, aber das liegt an meinen persönlichen Lesegewohnheiten
als Schnellleser.

Daneben hat das iPad zu dem geführt, was ich an vielen Kollegen und
Bekannten in den vergangenen Jahren belächelt habe: Ich checke morgens beim
Frühstück oder auch spät abends meine E-Mails. Zwar ist es bei mir noch
nicht so, dass ich wie in iPass-Studie dargelegt nachts aufwache und
E-Mails lesen muss, aber mein Verhalten hat sich durchaus geändert und die
Grenzen von Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen stärker.

Und diese Entwicklung muss man durchaus kritisch und ambivalent betrachten.
Einerseits muss ich lächeln, wenn Arbeitgeber aus Kostengründen ihren
Mitarbeitern keine mobilen Endgeräte oder Flatrates bezahlen wollen. Meiner
Ansicht viel zu kurz gedacht, denn der Nutzen, den Unternehmen daraus
generieren, dass ihre Mitarbeiter “always on” sind, mag höher als die damit
verbundenen Kosten sein. Dies ist jedoch eine Vermutung. Falls jemand dazu
Fakten oder Studien hat, wäre ich für entsprechende Hinweise sehr dankbar.

Andererseits muss sich jeder Nutzer von Smartphones und Tablets fragen,
wann man auch einmal beruflich “off” sein will und welche Erwartungshaltung
auch die Vorgesetzten unterdessen haben. Oft wird schon als gegeben
angenommen, dass Mitarbeiter auch am Wochenende ihre Mails beantworten,
besonders dann, wenn sie sich Manager schimpfen und es dann quasi schon als
selbstverständlich angesehen wird. Ich habe auch das Gespräch mit einem
Kollegen im Kopf, der sich durch ein den Arbeitseinsatz eines Workaholics,
der eben abends und am Wochenende meistens online ist, unter Leistungsdruck
gesetzt fühlt. Und es gibt sicher zu denken, wenn eine Telekom eine
Richtlinie zum “Umgang mit mobilen Arbeitsmitteln außerhalb der
Arbeitszeit” erlässt und damit die Mitarbeiter explizit auffordert, die
Geräte in der Freizeit auszuschalten.

Paul Miller, Gründer des Internet Benchmarking Forum beschreibt es sehr
treffend auf WebWorkersDaily. Es geht nicht mehr darum, dass Leute zu wenig
arbeiten. Im Gegenteil:

“You’ve seen it all around — people are working on holiday, working in the
evening, working at the weekends. People are working much longer hours and
seeing this blurring of work-life as being a positive thing, where I
actually don’t think it is. I think it’s really important to know when
you’re working and to know when you’re not working.”

Dabei verwischen Geräte wie iPad und Smartphone die Grenzen privater und
beruflicher Nutzung. Die geschäftliche E-Mail ist nun mal ganz schnell auf
dem Tablet gecheckt, auch wenn Feierabend ist. Always on kann dazu führen,
dass man auch beruflich eben always on ist, gerade dann, wenn sich wie bei
mir private und berufliche Interessen überlappen. Ich schaue hier sehr
selbstkritisch in den Spiegel, denn meine Blogbeiträge entstehen doch meist
jenseits der normalen Arbeit in der Freizeit.

Ich mag das Wort nicht, aber es eine Frage der persönlichen Worklife-
Balance, der Gewichtung von Freizeit und Arbeitszeit, besser dem
Balancieren von arbeiten und entspannen. Ich glaube, hier hilft nur, sich
selbst zu monitoren und auf seine direkte Umwelt zu hören, obwohl die
durchaus auch mit Unverständnis reagieren kann. Meine Frau fragt noch
immer, was ich denn mit dem iPad, dieser “eckigen Kiste”, wieder mache,
denn nicht immer ist das so eindeutig wie Samstag nachmittags während der
Fußballsaison: Dann läuft auf dem iPad die Audioliveübertragung von der
Bundesliga, während ich nach eigenem Sport entspannt in der Badewanne
liege …