Jörg Mecke

ist Bereichsleiter Cloud Plattformen beim herstellerunabhängigen IT System- und Beratungshaus FRITZ & MACZIOL. Ein anderer Blickwinkel auf die Dinge ist bei ihm an der Tagesordnung.

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Werte und Normen – Standards für Zweifelnde

Wem kann man heutzutage noch glauben? Das Marketing hat uns fest im Griff – vor allen Dingen bei allen Begriffen, die mit den Buchstaben C, L, O, U und D anfangen. Jetzt kommen Werte und Normen, sagt silicon.de-Blogger Jörg Mecke.

Man macht sich ja so seine Gedanken. Eine neue Funktion mit weitestgehend bekannten Aufgaben. Ich habe diese Herausforderung bewusst angenommen und werde mich jetzt bei Fritz & Macziol als “Bereichsleiter Cloud Plattformen” ausschließlich in diesem Themenkreis tummeln. Das ist zwar kein Neuland für mich, aber in der Zeit des Übergangs ist Zeit da, Literatur zu “konsumieren”.

Es ist so viel geschrieben zum Thema “Cloud” und so vieles davon gefällt mir gar nicht. Da bekam ich zum Beispiel die Studie “Cloud Computing im Mittelstand – Erfahrungen, Nutzen und Herausforderungen” einer großen Unternehmensberatung in die Hände. Ich las sie durch und erkannte: Heiße Luft auf Zellstoff. Damit kann man keine Entscheider in deutschen Unternehmen für das Thema Cloud gewinnen oder noch besser: begeistern.

Als ich zur Schule ging, kam das Unterrichtsfach “Werte und Normen” auf. Es gibt es bis heute und ist das Fach für diejenigen, die keiner Religion angehören. Es wäre vermessen, zu sagen, es sei das Fach für die, die nicht glauben wollen. Aber in Bezug auf Cloud Computing bin ich inzwischen der Überzeugung, dass klare Werte (in Form von Leistungsbeschreibungen) und Normen (im Sinne von Standards und Spezifikationen) all den Cloud-Zweiflern helfen, an dieses Betriebsmodell zu glauben.

Wer jetzt meint, es sei schon alles da, dem kann man nach guter alter Beraterart wahlweise antworten “Jein” oder “es kommt drauf an”. Und dem ist in der Tat so. Als im Februar 2012 dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) die Studie “Das Normungs- und Standardisierungsumfeld von Cloud Computing” vorgelegt wurde, gab es 18 Standardisierungsorganisationen, die aktuell an irgendetwas arbeiten. Und dabei haben die Verfasser sogar einige übersehen, wie die japanische GICTF. Und sie alle sind dabei, etwas zu entwickeln, fertig ist wenig. Sogar die ISO 17788, die sich mit Cloud Definitionen
beschäftigt, ist noch nicht finalisiert.

Aber sei es drum, es gibt sehr wichtige und gute Entwicklungen für deutsche und europäische Unternehmen:

  1. Die EU-Kommisarin Nelly Kroes hat mit ihrem Papier vom 27.09.2012 “Unleashing the Potential of Cloud Computing in Europe” einen mutigen Schritt gemacht, in dem sowohl ein europäischer Cloud Standard als auch ein europäisches Cloud Investitionsprogramm adressiert wird. Dieser Standard wird die Interoperabilität, sowohl rechtlich als auch inhaltlich, zwischen den Staaten verbessern. Wenn Cloud Computing erstmals aus der Steckdose kommt wird er dafür sorgen, dass in allen Ländern der gleiche Stecker verwendet wird. Natürlich vereinfacht und plastisch ausgedrückt.
  2. Im Dezember hat das Deutsche Institut für Normung “DIN” die Arbeit zur Erstellung einer Cloud-Management-Spezifikation für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) aufgenommen. Das Expertengremium wird sich dabei jeder Bereitstellungsart und jedem Betriebsmodus widmen, aber mit dem klaren Fokus auf die Bedürfnisse inhabergeführter Unternehmen.
  3. Die “Interessenvertretung” der Cloud-Anwender, die Open DataCenter Alliance (ODCA), der auch einige deutsche Unternehmen angehören hat einige Anforderungen an die Hersteller von Cloud-unterstützende Soft- und Hardware formuliert. Sie habe sogar eine Ausschreibungshilfe programmiert (Proposal Engine Assistant Tool), die es Interessierten ermöglichen soll, Clouds zu betreiben oder betreiben zu lassen, die nicht in der Gefahr stehen, an einem so genannten “Vendor Lock-In” zu erkranken – also Abhängigkeiten zu vermeiden.
  4. Wenn die Hersteller, die sich in OASIS organisiert haben, ihre “Topology and Orchestration Specification for Cloud Applications” (TOSCA) fertiggestellt und haben und ihr Leben einhauchen, wird sich die Flexibilität der Kunden erneut erhöhen. Die Wahl der Betriebsform im Rahmen einer Hybrid Cloud wird nachhaltig vereinfacht.

Unter dem Strich kommen wir dazu, was einer meiner Lieblingsblogger, Gregory Ness, jüngst als Trend für 2013 vorhergesagt hat: “Debates about public versus private cloud will be rendered meaningless. Hybrid cloud will fulfill the promises of the public cloud marketing machine and will begin to transform IT operations from being bureaucratic and static into more entrepreneurial and fluid operating models. Speed will replace price as the primary driver for cloud as it goes hybrid.” Ja, das alles kann wahr werden, wenn es Standards gibt, alle sich dran halten und die Berater sie kennen.