Frank Kölmel

Frank Kölmel ist Vice President Central & Eastern Europe bei dem IT-Sicherheitsunternehmen FireEye.

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Zwischen Kabelsalat und Freundschaftssalat

silicon.de-Blogger Frank Kölmel beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld zwischen analoger und digitaler Welt. Dabei geht es ihm weniger um die dunklen Katakomben des Internets, sondern um die Frage, wann das Internet unserer analogen Lebensfelder um eine digitale Komponente bereichert – und wann es Zeit ist, weniger zu surfen und mehr zu unternehmen.

“Wo ist eigentlich das Internet zuhause?” Der Autor Andrew Blum ging dieser ganz einfachen Frage auf die Spur. In seinem Buch “Kabelsalat” findet er die Antwort. Der Autor besuchte Rechenzentren und Knotenpunkte auf der ganzen Welt, folgte Glasfaser- und Tiefseekabeln, die an den Küsten im Meer verschwinden und auf einem anderen Kontinent wieder auftauchen. Eine Parallelwelt, faszinierend und verstörend zugleich. Denn diese analoge Seite der virtuellen Welt ist nicht besonders attraktiv. Es sind Nicht-Orte wie Industriegebiete mit fensterlosen Hallen und graue Betonbunker, in denen schlichte schwarze Kästen – Datenspeicher, Router und Kühlsysteme – ihren Dienst tun. Und in vielen dieser Rechenzentren finden sich Router von Brocade – sozusagen das Herzstück des Internets, so Blum.

Doch das Internet, eine Welt, in der die schillerndsten Bilder, Videos und Information vom anderen Ende der Welt nur einen Mausklick entfernt sind, hat mit ihrer analogen grau-schwarzen Parallelwelt so gut wie gar nichts zu tun. Parallele Welten oder analoge versus digitale Welt – ein Spannungsfeld, das mich gerade besonders beschäftigt. Denn das Internet hat zahlreiche unserer analogen Lebensfelder um eine digitale Komponente bereichert. Und diese beiden Welten haben oft nicht viel miteinander zu tun.

So zum Beispiel Freundschaften: Dank facebook, XING, StudiVZ und co. haben wir die Möglichkeit, hunderte, ja gar tausende virtuelle “Freunde” um uns zu scharen und sie an unserem Leben teilhaben zu lassen. Mit einem Klick werden Freundschaftsanfragen bestätigt, Bilder und Links geteilt und persönliche Neuigkeiten gepostet. Während eine analoge Freundschaft von persönlichen Treffen, gegenseitigen Besuchen und Telefonaten lebt, reicht für digitale Freundschaften das flüchtige Notiz nehmen der letzten Posts aus. Doch ist das überhaupt miteinander vergleichbar? Tummeln sich in unseren Netzwerken nicht zahlreiche flüchtige Bekannte, ehemalige Kollegen, Schulfreunde und andere Nicht-Freunde, die eigentlich schon in Vergessenheit geraten wären?

Natürlich ist es schön, alte Bekannte wiederzufinden oder über weite Entfernungen hinweg den Kontakt zu halten. Aber würden wir all diese Menschen wirklich als “Freunde” bezeichnen? Wahrscheinlich eher nicht… Denn genauso schnell, wie eine digitale Freundschaft geschlossen werden kann, ist sie auch mit nur einem Mausklick wieder beendet. Ich würde vermuten, dass digitale Freundschaften einer höheren Fluktuation unterworfen sind als analoge. Für weniger enge Freunde oder Bekannte sind soziale Netzwerke sinnvoll, um losen Kontakt zu halten, der bei Bedarf aufgefrischt werden kann. Um wiederum “reale” Freundschaften mit unseren wirklichen Freunden zu pflegen, sollten wir im Grunde keine sozialen Netzwerke brauchen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine BITKOM-Studie von 2012, wonach etwa die Hälfte der Befragten bis zu zwei Stunden täglich in sozialen Netzwerken verbringt. Elf Prozent können sogar als “heavy users” bezeichnet werden, da sie sich mehr als zwei Stunden täglich in ihrem Lieblings-Netzwerk aufhalten. Soziale Netzwerke dominieren somit einen erheblichen Teil unserer Freizeit. Andererseits wünschen sich die meisten von uns mehr Zeit für Erholung und soziale Kontakte (Studie der Stiftung für Zukunftsfragen). Da würde ich eine einfache Lösung vorschlagen: weniger surfen und mehr unternehmen!

In diesem Sinne – greifen Sie zum Telefon und verabreden Sie sich mit Ihren Freunden – man muss es ja nicht gleich mit Andrew Blum halten und in die dunklen Katakomben des Internets hinuntersteigen…Obwohl interessant ist es ja trotzdem.

Fotogalerie: Google gewährt Einblicke in Rechenzentren

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