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Wochenrückblick

My_Systems.gone

Achim Killer
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Freitag, 31. Oktober 2008, 10:17 Uhr

Auf was man doch so alles stößt in den Tiefen eines über viele Jahre gewachsenen Archivs! Auf uralte Manuskripte fürs Radio etwa.

"Ein bisschen zäh war es heute auf der Systems-Pressekonferenz", steht beispielsweise in einer txt-Datei im Verzeichnis Manus_93, "Erfolgsmeldungen sind für Computermessen ja Pflicht, aber die waren beim besten Willen nicht da, Negativmeldungen hingegen gibt es in Sachen Systems nicht, weil es sie nicht geben darf."

Mit diesen Sätzen wurde vor vielen Jahren in einer aktuellen Sendung ein O-Ton des Messegeschäftsführers anmoderiert. Jener erläuterte, warum die Messe trotz rückläufiger Besucher- und Ausstellerzahlen irgendwie doch wieder eine tolle Sache gewesen sei.

"Systems1" heißt das File – 8 Zeichen, mehr ging damals nicht. Erstellt wurde es mit Word 6 für DOS. - Damit lassen sich übrigens alte Textdateien auch heute noch öffnen, obwohl Windows dann immer anzeigt, es handele sich um ein OS/2-Programm.

Richtig nostalgisch wird einem da zumute: Word mit seinem über die Escape-Taste anzusteuerndem Befehlsmenü, DOS, OS/2 und seit letzten Freitag auch die Systems – das alles ist nur noch Teil der jüngeren IT-Geschichte und damit ebenfalls Teil der eigenen. Und zwar ein wichtiger: Was konnte man auf der Systems doch alles lernen!

"Verstehen Sie eigentlich, was die hier so reden?" fragte seinerzeit Dr. A, der klügste Kopf, der sich jährlich die Messe anschaute. - Auf der Hauptpressekonferenz analysierte er jedes Mal im Auftrag der Systems-Veranstalter die Situation der Branche. - Womöglich weil er bei seiner Frage das verlegene Flackern im Blick des Berufsanfängers bemerkt hatte, fügte er dann noch hinzu: "Also ich versteh' das nicht."

Das war der Schlüsselsatz! Wiederholt von einem vom Radio mit Mikrophon in der Hand, wirkte er in den Messehallen wie eine Alphabetisierungskampagne für Marketing-Kreolen.

Jene konnten dann plötzlich in einigermaßen gutem Deutsch erklären, was sie an ihrem Stand so zeigten. Die Folgerungen aus dem Schlüsselsatz mussten dazu meist gar nicht mehr ausgesprochen werden: "...und was ich nicht versteh, versteht der Hörer nicht. Und was der Hörer nicht versteht, kommt nicht ins Radio."

Es war eine gemeine Drohung. Aber so ist das halt: Wer mit Information über die Informationstechnologie sein Geld verdient, darf sich auf Desinformation gar nicht erst einlassen. Und etwas verstehen kann man nur, wenn man sich zunächst darüber bewusst wird, es nicht verstanden zu haben. Das stößt Lernprozesse an.

Auch bei anderen zeigt es Wirkung. "Wie stellen Sie die Cache-Kohärenz (den Abgleich der Zwischenspeicher) her, wenn Sie für Ihre Mehrwege-Systeme keine 'Äss-Eitsch-Wies' (SHV – Standard High Volume Boards von Intel) verwenden?" war eine Frage, die Server-Verkäufern jedes Mal die engen Grenzen ihres Wissens aufzeigte. Die stellten dann in der Regel sofort ihre belanglosen Plaudereinen über Business-Anforderungen im Internet-Zeitalter ein, um Techniker zu suchen, die die absonderliche Frage zu beantworten in der Lage waren und von denen man deswegen auch ansonsten einiges Interessante erfahren konnte.

Überhaupt dieses Internet mit seinen vielen Protokoll-Ebenen, das war Anfangs überhaupt nicht zu begreifen. Bis dann ein Schreiber mit Fernmeldetechnik-Studium einem im Pressezentrum die Sache mit dem ISO/OSI-Referenzmodell erklärte: "Man kann mit einander sprechen oder sich schreiben (Physical Layer) auf Deutsch oder Englisch (Presentation Layer) über Fußball oder byzantinische Ikonographie (Application Layer), und alle anderen Kommunikationsprobleme finden auf den Layern 2 bis 5 statt."

Herrlich! Die ganze Welt der modernen Datenkommunikation klarte an diesem trüben Herbsttag im Münchner Messezentrum auf und präsentierte sich dem Neuling in sieben Schichten und in ihrer klassischen Schönheit.

Oder die Sache mit dem OLAP-Cube (Online Analytical Processing), ein multidimensionaler Würfel, also einer der mehr ist als breit, hoch und tief – unvorstellbar einen gewöhnlichen, noch von der Schulmathematik geprägten Verstand. Ein Whitepaper schaffte da Abhilfe und illustrierte, dass es sich dabei um die geschickte Anordnung von Datenbanktabellen handelt, um ein bisschen Business Intelligence auf die Chefetage zu bringen. – Früher lagen solche Papiere an Messeständen aus.

Und jetzt ist's vorbei. Die Systems gibt's nicht mehr. "Aktuelle Presseinformationen zur Systems, Messe für IT, Medien und Kommunikation2.htm" heißt das File, das seit einer Woche im Netz steht und mit dem das Aus bekannt gegeben wird.

Viel ist passiert zwischen der Erstellung der beiden Dokumente, desjenigen aus dem Archiv und desjenigen von der Messepressestelle: Betriebssysteme beispielsweise beherrschen inzwischen lange Dateinamen.

Und was die Messe selbst anbelangt? – Na ja, in der letzten Datei steht: "Die Systems schließt in diesem Jahr nicht nur nach Zahlen in einer starken Position. Als Erfolg verbuchen wir vor allem die Rückkehr vieler internationaler IT-Schwergewichte" (O-Ton Messegeschäftsführer). - Ja, richtig nostalgisch wird einem da doch zumute.

Achim Killer Achim Killer ist freier Autor. Er arbeitet für die ARD, den Deutschlandfunk und für verschiedene IT-Publikationen. Sammlungen seiner silicon.de-Wochenrückblicke sind im Verlag BoD, Norderstedt erschienen.
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