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Seitenblicke
Wochenrückblick

Dunkle Getwitter-Wolken

Achim Killer
|
Freitag, 4. September 2009, 10:26 Uhr

"Schluss mit dem Wahl-Gezwitscher!" ist diese Woche ein Kommentar im Stern überschrieben. Joaaa, möchte man zustimmen, das ist schon recht albern. Man muss es wirklich nicht haben.

Aber der Kommentator ereifert sich lediglich darüber, dass auf Twitter am Sonntag wieder vorzeitig Prognosen veröffentlicht worden sind. Am Wahl-Gezwitscher davor und danach stört er sich nicht. Das finden anscheinend alle gut.

Der Bitkom etwa, dessen Mitgliedsfirmen an allem verdienen, was im Internet gemacht wird, egal wie abseitig es auch sein mag, der hat unlängst eine Studie veröffentlicht, wonach Wahlen künftig im Web entschieden würden. Und Bild, das Blatt 2.0 schlechthin, das Männer dazu bringt, im Urlaub am Strand den Hintern ihrer Frau abzulichten und die Fotos dann Bild zu schicken, um sich als "Leserreporter" vorkommen zu können, diese immer wieder erstaunliche Publikation hat jetzt den "Politiker-Check" gestartet.

Das ist ein Ranking von Politikern nach der Zahl ihrer "Online-Fans". Ganz oben, gleich nach der Kanzlerin, rangiert dort Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg. Auf Facebook erfährt man, dass dieser von seinen Online-Fans auch KTZG genannt wird.

Und natürlich Filmchen gibt’s dort von ihm: "Unter dem Titel ‚Wofür wir stehen’ präsentieren Politiker aus den Reihen von CDU und CSU einzelne Schwerpunkte des Regierungsprogramms." Der zum Thema Wirtschaft ist mit Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg und 45 Sekunden lang.

Die Hälfte der Zeit geht für den Trailer weg. Und in den verbleibenden Sekunden beantwortet der Baron die Frage "zu den Säulen des Wahlprogramms von CDU und CSU": "Welche Rolle spielt da die Wirtschaft?" mit: "Eine zentrale. Und das ist auch richtig so." Schließlich sagt er noch: "weil es immer ein Kernelement der Unionspolitik war." Es folgt wieder der Trailer. "Matthias, Julian, Astrid and 100 others like this", steht drunter.

Befragte man Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg zur Arbeitslosigkeit, würde er sicherlich antworten, dass er dagegen sei. Und das wäre auch richtig so.

Wohlmeinende Pädagogen mögen an dieser Stelle einwerfen, dass der Wahlkampf im Internet trotzdem sehr lehrreich sein kann. Selbst wenn er manchmal verkürzter erscheint als der Name des freiherrlichen Wirtschaftsministers mit KTZG.

Schüler könnten beispielsweise dessen Facebook-Auftritt mit dem von Dieter Dehm vergleichen, welcher der vielen suspekten Partei "Die Linke" angehört. Der hat nicht so viele Online-Fans wie der Baron. Genau besehen, gibt es sogar nur einen, der die meisten Postings von Dieter Dehm gut findet. Sascha heißt er.

"Sascha likes this", steht dann darunter. – Was man daraus lernen kann? – Englische Vollverben bekommen in der 3. Person Singular ein "-s" angehängt, also beim Sascha, nicht aber in der 3. Person Plural, bei den KTZG-Fans. Menschen, die sich noch mehr Information aus dem Wahlkampf auf Facebook erhoffen, werden allerdings enttäuscht.

Politische Minor-Releases bekommen von Bild ein Stück Google Maps. Immer wenn ein Bundestagskandidat twittert, dann popt am entsprechenden Ort sein Tweet auf.

"Heute findet die Verlosung von unserem signierten Münte-Schal statt. Wer gewonnen hat, wird heute Abend bekannt gegeben. Es wird spannend!" zwitschert etwa "Johannes Kahrs, SPD Hamburg". Da wäre einem doch fast ein "Boah!" vom Daumen in die Handy-Tastatur gerutscht.

Und "unser Architekt für Deutschland" – das ist "Sebastian M. Körber, FDP Bayern", nicht weil er so ein großer Staatsmann wäre, sondern weil Freiberufler und deshalb schon aus steuerlichen Gründen dieser Partei zugetan – der twittert: "bin wieder im Büro und arbeite ein paar Briefe und e-mails ab ... es ist sehr warm draußen ..." "Dienstag, 1. September 2009 13:26:29" ist's da gerade.

Um das festzustellen, hätte es allerdings nicht des "Architekten für Deutschland" bedurft. Ein Blick aufs Thermometer hätte es auch getan.

Und "Christian Carstensen, SPD Hamburg" lässt die Welt wissen: "Feierabend! Das Beste: wieder wurden wir um eine Beitrittserklärung gebeten!" – Ja, das ist doch erhellend. Wenn nämlich derjenige, der dieses Begehr kundtat, jene Erklärung auch unterschreibt und sich dieser Vorgang anschließend noch 494.057 Mal wiederholt, dann hat die Partei von Christian Carstensen schon wieder so viele Mitglieder wie 1976.

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