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Seitenblicke
Wochenrückblick

Don Tapscotts Höllenfahrt

Kriemhilde Klippstätter
|
Freitag, 23. Oktober 2009, 15:11 Uhr

Was war das für ein Auftritt! Don Tapscott, Unternehmer, Think-Tank-Betreiber und Beststellerautor glaubt fest, dass sich die Welt komplett neu organisieren wird. In den 45 Minuten Redezeit, die ihm die Münchner Macher der blutleeren Veranstaltung "discuss & discover" zubilligten, gelang ihm ein verbaler Schöpfungsakt.

Die neue Welt, so Tapscott, muss und wird kommen, weil die alte nicht mehr funktioniert. Und er legt den Finger tief in die Wunden, um die wir alle wissen: Der Finanzsektor, dem die Verantwortung für das Risiko abhanden gekommen ist. Die Energiebranche, die die Welt zugrunde richtet. Die Nationalstaaten, die in Zeiten der Globalisierung zu eng geworden sind.

Besonders am Herzen liegt ihm die Jugend, die unter veralteten Erziehungsmethoden wie dem Frontalunterricht zu leiden hat. Da ihre Bedürfnisse weitgehend ignoriert werden, nimmt sie folgerichtig auch nicht teil an dem Regierungsprinzip, das wir Demokratie nennen. Ausnahme: US-Präsident Barack Obama schaffte es mit seinem Wahlkampf auch im Internet, die jungen Leute – und nicht nur die – zu mobilisieren.

Tapscotts Höllenfahrt macht natürlich nicht Halt vor der Wirtschaft, wo veraltete Unternehmen und Branchen wie der Automobilsektor ums Überleben kämpfen oder der Moloch Gesundheitswesen nicht mehr finanzierbar ist. Die Medienlandschaft weicht gerade auf: Zeitungen gehen Pleite, die Musikindustrie stirbt und versucht sich mit Gerichtsurteilen am Leben zu erhalten, der Einweg-Kommunikation Fernsehen droht das Aus, da sich junge Leute nicht mehr berieseln lassen wollen.

Unser gesamtes Leben steht auf dem Prüfstand, weil die Dreiteilung der Städte in die Bereiche Arbeiten, Wohnen, Einkaufen zu gefährlichen, unregierbaren Monsteragglomerationen geführt hat, die überdies die Ressourcen schlecht nutzen. Die Dichte fehlt, das Miteinander, aus dem sich kreative Energie speist.

Dermaßen unten angekommen richtet uns der Internet-Prophet aber wieder auf. So wie einst Gutenberg mit seiner Erfindung das finstre Mittelalter überwinden konnte indem er Wissen für alle möglich machte, genau so steht jetzt eine neue Generation zur Wachablösung bereit. Er nennt sie die Netzgeneration. Sie verfügt mit Web 2.0 über unglaubliche technische Möglichkeiten und wird sowohl eine soziale als auch wirtschaftliche Revolution anzetteln – und zwar friedlich.

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