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Seitenblicke
Wochenrückblick

Audrey und das Rätsel der verschwundenen IT, Teil 5

Bernd Seidel
|
Freitag, 12. März 2010, 11:26 Uhr

Was bisher geschah: Die Chef-Redaktion des IT-Nachrichtenmagazins "Blue" erteilte mir den Auftrag, dem Verschwinden der IT auf den Grund zu gehen. Meine Redaktion möchte die Story exklusiv. AK 47, einer meiner Journalisten-Kollegen, ist bereits dran an der Sache. Und: Mr. Unix, alternder Top-Journalist, wurde erschossen - während ich mit ihm telefonierte.

Der Knall hat selbst durchs Handy mein Trommelfell zum Bersten gespannt. Die Polizei rufe ich später an, schließlich bin ich Ohrenzeuge der Tat. Unrasiert und müde, schütte ich den Rest Kaffee in den Topf der Jukka und verlasse die Redaktion. Doping für die Pflanze. Nur noch raus hier, denke ich. Mein Körper zittert, der Druck in den Schläfen ist nicht auszuhalten – Schraubzwingen, die sich sanft und mit tödlicher Sicherheit in zu weiches Holz eindrehen. Am Rahmen des Fahrstuhls gelehnt drücke ich den Abwärtsknopf. Nur noch dahin geht es.

Während ich mit der Rechten den letzten Thymiandrop aus der Manteltasche fummle, schieben sich die Metalltüren geräuschlos auseinander, es riecht nach kaltem Rauch, vier Kollegen der Wirtschaftsredaktion verlassen murmelnd den Stahlkäfig. Waren im Hof eine dampfen.

Ich drücke "0" und lehne mich an. "Sie haben die Null gedrückt", tönt die weibliche Stimme aus dem Fahrstuhllautsprecher. Eine Hand schiebt sich zwischen die Türen. Mein Puls beschleunigt. "Hi, schon nach Hause", grinst Bertel. "Hm", mehr kriege ich nicht raus. "Kannste mal die 3 drücken." "Sie haben die drei gedrückt", die sonore Stimme der Ansagerin kenne ich. "Na, dann mal schönes Wochenende. Liebe Grüße zu Hause und viel Erfolg bei deinen Recherchen." Im dritten Stock bin ich wieder allein im Fahrstuhl, Bertel marschiert ab Richtung Kantine. "Audrey bist du's?" Zwei, eins, null – keine Antwort. Verdammt, die Ansage war Audreys Stimme.

Ich lasse den Wagen stehen und schleppe mich die Rampe zur U-Bahn "Messestadt West" runter. Eine sanfte Druckwelle kündigt den Zug an, hinter mir keilen sich vier Halbstarke, deren Baggy-Pants freien Blick auf karierten Unterhosen geben. Ein schwarzes Kapuzen-Sweatshirt nähert sich mit großen Schritten von links, rempelt mich an. Und geht weiter. Die einsteigende Meute saugt mich in den Wagen, Klingeltöne werden getestet und nach viel Zuspruch – eh krass Alter – ausgetauscht, die neusten Apps ausprobiert: Glas Bier trinken mit dem Handy, das Mobiltelefon als Pump-Gun.

Feierabendgedränge. An Sitzen ist nicht zu denken. Von der Decke des Abteils glotzen mich Glasaugen an. Die wachsamen Kameras des Münchner Verkehrsverbunds haben alles im Blick: 3000 Stück sollen in Bussen und Bahnen für mehr Sicherheit sorgen. Von wegen: Die filmen das ganze Elend und hinterher, wenn es zu spät ist, kann man sich die brutalen Schlägerattacken im Netz ansehen und mit Musik hinterlegen.

"Nächster Halt, Innsbrucker Ring, Übergang zur U 5", schon wieder diese Stimme. Ich ergattere einen freien Platz. "Englische Polizei rüstet auf", titelt die Gazette, die mein Gegenüber schützend vor sein Gesicht hält. Als Bobbies bekannte Streifenpolizisten sind vom Sommer an flächendeckend mit einem mobilen Fingerabdruck-Scanner unterwegs, meldet die Behörde zur Verbesserung der Polizeiarbeit (NPIA) in London. Wieso gibt es keine Behörde zur Verbesserung der Journalistenarbeit? Der Scanner könne die Identität von Verdächtigen auf der Straße innerhalb von zwei Minuten überprüfen. Die Fingerabdrücke werden in einer nationalen Datenbank abgeglichen, in der 8,3 Millionen Abdrücke gespeichert sind. Der Staatsapparat versichert, dass die aufgenommenen Abdrücke nicht zu der Datenbank hinzugefügt werden. Brauchen sie auch nicht, denn die sind 100prozentig sicher – in der Daten-Übertragungswolke gebunkert.

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