Daimler migriert 180.000 Arbeitsplätze in die Cloud

CloudEnterpriseManagementProjekteSoftwareSoftware-Hersteller

Vergangenen Herbst hatte Dr. Michael Gorriz, CIO bei Daimler, den Wechsel von Lotus Notes zu Exchange und SharePoint bekannt gegeben. Vor kurzem haben wir nachgehakt und uns nach dem Stand des Projektes erkundigt. Ergebnis – ab Sommer 2011 werden 180.000 Unified Communications Arbeitsplätze in die Cloud umziehen. Der Wechsel auf Windows 7 beginnt im Jahr 2012.

Dr. Gorriz: Nein. Der Betrieb der Installation wird durch einen Serviceprovider sicher gestellt, wir nehmen ein „Private-Cloud“-Angebot wahr. Das ist eine Erweiterung gegenüber der Situation, die wir heute haben. Wir suchen einen Serviceprovider, der neben der Private-Cloud auch Exchange und damit alle Mailboxen an einem Standort betreibt.

silicon.de: Welches Unternehmen wird das betreiben?

Dr. Gorriz: Das kann ich nicht beantworten – wir haben momentan zwei Unternehmen im Anbieterverfahren.

silicon.de: Aber es ist nicht Microsoft und deren Cloud-Angebot?

Dr. Gorriz: Nein.

silicon.de: Planen Sie auch den Wechsel des Betriebssystems auf Windows 7?

Dr. Gorriz: Das wird nach dem Wechsel des Mailsystems erfolgen. Wir werden konzernweit auf Windows 7 wechseln.

silicon.de: Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

Dr. Gorriz: Wir beginnen mit der Mail-Migration Mitte 2011 und werden das Betriebssystem ab 2012 migrieren.

silicon.de: Bekommen Ihre Kollegen neben den Mails auch die neuen Unified-Messaging-Funktionen wie beispielsweise “Presence” oder “Chat”?

Dr. Gorriz: Wir werden die volle Unified-Communications-Palette von Microsoft anbieten. Chat und Presence sind eingebunden.
“Presence” ist für uns sehr wichtig. Zur Reduzierung der Reisetätigkeiten nutzen wir verstärkt Online Collaboration. Webkonferenzen, Chat – sowohl intern wie auch extern – und IP-Telefonie sind Dienste, die unsere Mitarbeiter immer mehr nachfragen. Diese Angebote bauen wir mit einer besseren Arbeitsplatzintegration über Exchange und SharePoint weiter aus.

silicon.de: Wenn wir über Unified Communication sprechen heißt das, dass Ihre PBX-Anlagen und die VoIP-Anlagen bereits mit den Mail- und Desktopsystemen verschaltet sind?

Dr. Gorriz: Richtig. Wir haben zwei parallele Welten. Die Telefone stehen auf dem Tisch und es werden zusätzlich noch die IP-Telefone als Software auf den Desktops ausgerollt. Da sind wir allerdings noch im Prototypen-Status.

silicon.de: Darüber hatten wir bereits am Anfang gesprochen. Hier ist Microsoft nicht gesetzt, sondern Sie sind in einer Auswahl…

Dr. Gorriz: Wir müssen streng unterscheiden: Zwischen der Software auf dem Desktop und der Software bei uns im “Maschinenraum”. Hier untersuchen wir gerade mögliche Szenarien.

silicon.de: Zur Auswahl stehen auch andere VoIP-Anbieter wie Cisco oder Avaya …

Dr. Gorriz:…oder die Kooperation von Cisco mit Siemens, weil wir bei unseren Telefonanlagen viele Siemens-Geräte im Einsatz haben. Wir sind darauf angewiesen, dass die heutige mit der zukünftigen Infrastruktur zusammen passt. Die komplette Umstellung auf VoIP wird technisch und wirtschaftlich nicht sinnvoll sein. Wir suchen einen Migrationsweg, der die aktuellen Investitionen sichert.

silicon.de: Am Ende des Tages wird es auf eine – ich nenne es mal – “hybride” Anlage hinaus laufen: Eine analoge Schaltanlage verbunden mit den Unified-Messaging-Servern?

Dr. Gorriz: Das wird das wahrscheinliche Szenario sein. Obwohl man heute von einer analogen Welt gar nicht mehr sprechen kann. Die “analogen” Schaltanlagen sind ebenfalls digital. Und wir haben heute bereits die Telefonanlagen in der Obhut der IT-Abteilung.

silicon.de: Um wie viel Geld geht es bei Ihren Unified Messaging Plänen?

Dr. Gorriz: Zu den Kosten können wir uns leider nicht äußern.

silicon.de: Wie lange werden Sie für einen Return der Kosten rechnen?

Dr. Gorriz: Das ist nicht einfach zu rechnen, entscheidend ist der Betrachtungszeitraum. Wir haben analysiert, dass es für die nächsten Jahre ein neutraler Case sein wird. Wenn wir allein die IT-Kosten rechnen, gehen wir in einem Betrachtungszeitraum von fünf Jahren von einem positiven Business Case aus. Was wir nicht eingerechnet haben, sind Effizienzverluste durch den Wechsel auf eine neue Umgebung. Und die Effizienzgewinne, die der Wechsel auf eine schnellere und voll integrierte Umgebung mit sich bringt.

silicon.de: Welche Effizienzgewinne sehen Sie?

Dr. Gorriz: Wir haben Modellrechnungen gemacht und die Nutzer in verschiedene Klassen eingeteilt. Da gibt es eine Klasse von etwa 10 Prozent der Nutzer, die sehr intensiv mit Dokumenten umgehen. Und die sehr intensiv mit Onlinemedien und Onlineverfahren arbeiten.
Hier sparen wir mehrere Minuten, weil die Kollegen beispielsweise mit Hilfe der Desktopsuche Dokumente schneller finden. Mit dem Aufbau von Webkonferenzen und Nutzung von anderen Communication-Werkzeugen rechnen wir mit einer weiteren Zeitersparnis. Bei 180.000 Mitarbeitern auf fünf Jahre gerechnet addiert sich dies zu einem signifikanten Wert.

silicon.de: Das heißt im Wettlauf um die Software auf dem Desktop geht es zwischen den Anbietern um einige Sekunden?

Dr. Gorriz: Nein, keine Sekunden, es sind mehrere Minuten pro Tag. Das ist die Größe mit der wir rechnen.

silicon.de: Diese Minuten beruhen allerdings nicht auf einem expliziten Vorteil der jeweiligen Suite eines Anbieters?

Dr. Gorriz: Der Vorteil der gewählten Installation ist die Integration der Mailsysteme in das Betriebssystem, die Datenbanken und in die Arbeitsumgebung. Viele Arbeitsvorgänge gehen in diesem System schneller, geschmeidiger, einfacher. Diese Sekunden und Minuten sammeln wir und kommen so im Ergebnis auf nicht unerhebliche Beträge.

silicon.de: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Gorriz.

Lesen Sie auch :