Unify (ehemals Siemens Enterprise Communications) hat gestern auf Veranstaltungen in München und Kalifornien das Ergebnis seines bereits im vergangenen Jahres angekündigten Projektes Ansible vorgestellt: Dies wird als “New Way to Work” und unter dem Namen Circuit vermarktet. Es handelt sich dabei um ein SaaS-Angebot, dass auf den ersten Blick an andere Ansätze für Unified Communications erinnert. Bei näherer Betrachtung geht es jedoch deutlich darüber hinaus.

Die zentrale Konversationsansicht von Circuit im Chrome Browser (Screenshot: Unify)

Circuit soll nicht nur die Kommunikation bündeln, sondern auch den veränderten Ansprüchen an die Arbeitswelt gerecht werden. Zu diesen Veränderungen gehören nicht nur die zunehmende Mobilität von Mitarbeitern, sondern auch die Auflösung der Grenzen zwischen Arbeitswelt und Privatleben, die Nutzung unterschiedlicher Endgeräte für die Arbeit und die Tatsache, dass gerade qualifizierte Mitarbeiter oft nicht mehr in einem Büro sitzen, sondern an mehreren Standorten verteilt arbeiten – und auch immer wieder in wechselnden Teams arbeiten. Diese Tendenzen sind an sich alle nicht neu und auch der Versuch, sie mit Erweiterungen herkömmlicher Soft- und Hardware in den Griff zu bekommen, mag Beobachtern bekannt vorkommen.

Beispielsweise hatte Cisco schon 2010 mit einem Quad genannten Angebot Schritte in diese Richtung unternommen. Sie versandten jedoch, das Produkt wurde in das WebEx-Angebot eingegliedert und als eigenständiges Produkt abgekündigt. Erfolg sieht anders aus.

Ähnlich ging es dem von Avaya schon 2009 erstmal vorgestellten, Aura genannten Konzept. Es setzte sich aus einer Vielzahl von Produkten zusammen und wird auch heute noch angeboten – allerdings in erster Linie als Möglichkeit, Business-Anwendungen mit Optionen für die Kommunikation anzureichern.

Das kann allerdings vielfach auch Microsoft Lync – bei dessen Vermarktung der Konzern nicht mehr von Unified, sondern von “Universal Communication” spricht. Die einst recht holprige Plattform läuft inzwischen deutlich besser, vereint inzwischen Chat, Präsenzinformationen, Videokonferenzen, Online-Meetings und Telefonie und bietet so zahlreiche Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Allerdings setzt sei vielfach andere Microsoft-Server-Produkte voraus – und ist so eher etwas für Firmen, die sich ohnehin stark an die Microsoft-Welt anlehnen.

Warum Circuit anders sein soll

Wie Unify-Manager Bill Hurley im Zuge der Veranstaltung zur Vorstellung erklärte, habe man allerdings einen fundamental anderen Ansatz gewählt, als die Mitbewerber: “Viele Leute sind frustriert, weil sie ihre Arbeitsabläufe um einen E-Mail-Eingang herum organisieren müssen. Da hilft es auch nichts, wenn dieser mit etwas Consumer-Technologie aufgehübscht wird.”

Die zentrale Konversationsansicht von Circuit auf dem iPad (Screenshot: Unify).

Auch den Ansatz, vorhandene oder zusammengekaufte Produkte zusammenflanschen und als neue Gesamtlösung zu präsentieren, führt nach Ansicht von Hurley und anderer Unify-Manager nicht zum Erfolg. Man sei daher von der Frage ausgegangen: “Wie arbeiten wir heute?” – und habe dann danach gestrebt, eine Plattform zu präsentieren, die diese Arbeitsweise unterstützt.

Das betont auch Peter Kürpick, Executive Vice President bei Unify, im Gespräch mit ITespresso: Zum Start sei Circuit eine Plattform-as-a-Service, die leicht eine Vielzahl von anderen und vorhandenen Angeboten integriere – sei es nun die eigene Kommunikationsangebote der Reihe Open Scape, Produkte der Mitbewerber in diesem Feld, mobile Endgeräte oder gar Unternehmens-Anwendungen, die Kommunikationsoptionen erfordern. Der Mehrwert, den Circuit bietet, betonte Unify-CEO Dean Douglas bei der Vorstellung mehrmals, sei die eine Oberfläche, aus der heraus sich alles steuern lässt. Und damit sei man, wie Kürpick erklärt, der erste Anbieter, der dass auf einer Cloud- und Web-basierenden Plattform geschafft habe.

Damit die nicht so aussieht, wie die Versuche und Angebote der Vorgänger und Mitbewerber, hat sich Unify einen in dem Umfeld nicht alltäglichen Partner geholt. Das Unternehmen Frog Design hat einen großen Teil seines Erfolges einem Treffen zwischen seinem Gründer und einem gewissen Steve Jobs zu verdanken. Danach war es an der Entwicklung der Oberfläche des Macintosh ebenso beteiligt wie an der des ersten iPhones. Es hat also reichlich Expertise in dem Feld, auf das alle Anbieter von Unternehmenssoftware neidisch schielen – den Bereich der mobilen Endgeräte für Verbraucher. Und die wurde nun in den vergangenen zwei Jahren in die Entwicklung von Circuit eingebracht.

Unify-Manager Peter Kürpick scheint mit dem Ergebnis zufrieden: Er attestiert der Plattform eine “gewisse Leichtigkeit”. Das ist richtig, aber bescheiden: Die Vorführungen des fertigen Produktes überzeugen durch die aufgeräumten, übersichtlichen und intuitiv nutzbaren Oberflächen. Die Aktionen gehen schnell und nahtlos und lassen sich sogar geräteübergreifend nutzen – womit Unify etwas Ähnliches wie Apples Handoff auf ganz andere Plattformen bringt.

Was bietet Unify mit Circuit konkret an?

Der Knackpunkt bei Circuit ist die zentrale Oberfläche. Die Web-Applikation vereint die Kommunikation via Sprache, Messaging und Video und ermöglicht darüber hinaus auch Screen- und File-Sharing. Eine kontextbezogene Suchfunktionen hilft Nutzern, die für sie relevanten Inhalte zu finden. Sie legt den Schwerpunkt entweder auf Schlagworte oder Personen und kann dann Suchergebnisse danach filtern.

Videokonferenz mit Circuit im Chrome Browser (Screenshot: Unify).

Laut Unify-Chef Dean Douglas habe man im Vorfeld der Entwicklung festgestellt, dass Anwender 50 Prozent ihrer Arbeitszeit damit verbringen, ihre Arbeit zu organisieren – also E-Mails zu bearbeiten, Informationen zu suchen und Meetings abzuhalten. Damit bliebe für die eigentlichen Aufgaben nicht mehr viel Zeit übrig. Das wiederum führe dazu, dass Meetings wenig effektiv seien: Für viele sogenannte Knowledge-Worker scheine die Telefonkonferenz die einzige Zeit, in der sie einmal ungestört arbeiten könne – was sich natürlich nicht gerade förderlich auf die Qualität der Telefonkonferenzen auswirke.

Auch hier setzte Circuit an, indem Inhalte und Verlauf von Konversationen gespeichert werden, so dass Dateien und Informationen den beteiligten, aber auch eventuell später hinzugekommenen Teammitgliedern im Gesprächskontext zur Verfügung stehen.

Damit potenzielle Kunden sich von den Funktionen selbst überzeugen können, bietet Unify ihnen die Möglichkeit, sie 60 Tage kostenlos zu testen. Dafür sind derzeit noch als Browser Chrome und als Mobilgerät iPhone oder iPad erforderlich. Android-Geräte sollen ab Januar 2015 unterstützt werden. Laut Peter Kürpick prüfe man aber auch, wie andere Plattformen – also Windows Phone und Blackberry – integriert werden können. Hier liegt die Verzögerung möglicherweise daran, das Unify unter anderem zur schnellen Initierung von Video-Gesprächen – auf WebRTC setzt.

Circuit ist ab sofort in Deutschland, den USA und Großbritannien verfügbar. Der Preis liegt bei 14,95 Euro pro Anwender und Monat. Zu Beginn steht Circuit ausschließlich als SaaS-Angebot zur Verfügung. Gehostet wird es in Rechenzentren von Unify-Partnern. Selbst wolle man das nicht tun – ganz einfach, um mit den Partnern, darunter auch großen Telekommunikationsfirmen – nicht in Wettbewerb zu treten. Eine White-Label-Lösung schließt CEO Douglas aus: Maximal sei eine Angebt “Circuit by XY” denkbar. Im Gespräch mit ITespresso deutet Kürpick allerdings an, dass mittelfristig für große Kunden wohl eine On-Premise-Variante kommen wird. Derzeit jedoch sehe man nach unten keine Grenze: Nutzen stiften könne das Angebot auch im kleinsten Unternehmen.

Und auch wenn Unify inzwischen überwiegend von Managern aus dem angelsächsischen Raum geführt wird, merkt man noch die deutschen Wurzeln – nicht zuletzt beim Thema Sicherheit. Wie der Anbieter versichert, werde jeglicher Traffic zwischen Circuit-Clients und Circuit-Servern verschlüsselt. Beim Web-Traffic setzt man dazu auf TLS 1.2, bei Sprache, Video, und dem Screen-Sharing auf DTLS SRTP. Circuit bietet zudem Unterstützung für starke Verschlüsselung mit AES 256 und erlaubt die Durchsetzung von starken Passwörtern. Angriffe auf die Server will man mit einer gehärteten Software udn regelmäßigen Security-Audits sowie der darauf abgleiteten Anpassung der Sicherheitsmaßnahmen den Wind aus den Segeln nehmen.

Martin Schindler

Martin Schindler schreibt nicht nur über die SAPs und IBMs dieser Welt, sondern hat auch eine Schwäche für ungewöhnliche und unterhaltsame Themen aus der Welt der IT.

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