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Webdesign: Die Entmündigung des Nutzers

Schon als kleiner Junge war ich Kinofan. Immer samstags um halb drei lief die Jugendvorstellung im “Filmtheater” um die Ecke. Da habe ich praktisch alle Filme mit Winnetou gesehen. Großes Erlebnis, wenn der rote Vorhang aufging. Zuerst kamen die Banditen mit dem Oberschurken Santer, überfielen unschuldige Farmer und entführten die schöne Tochter. Doch dann setzte eine majestätische Musik ein und Winnetou mit seinem Freund Old Shatterhand kam daher geritten.

Gemeinsam verfolgten sie die Banditen, Silberbüchse und Henrystutzen verfehlten nie ihr Ziel, nebenbei rang Old Shatterhand einen Komantschenhäuptling im Zweikampf nieder. Am Ende stürzte der böse Santer mit einem gellenden Schrei in die Schlucht, die Farmerstochter durfte ihren Freund in die Arme schließen und Winnetou ritt mit seinem Freund Old Shatterhand in den Sonnenuntergang. Da war ich froh.

Internet und Breitwandkino

Ein bisschen wie im Kino fühlt man sich auch heute, wenn man durchs Internet surft. Statt ordentlich strukturierter Websites sieht man nur noch riesige Bilder und wird zugedröhnt mit ungefragt startenden Videos und Hintergrundmusik. Eine Art Möchtegern-Breitwandkino hat den Informationsgehalt der klassischen Website ersetzt. Das gilt leider auch für den Internetauftritt der meisten IT-Anbieter.

Die Website von Cisco, Africa sieht genauso aus wie die …

Wer sich die Veränderungen bewusst machen will, muss nur einmal auf Internet Archive eine Firmen-URL in das Suchfenster von “Wayback Machine” eingeben. Da kann man sehr schön sehen, wie sich das Design der Webseiten seit Mitte der Neunzigerjahre bis zum heutigen Tag verändert hat.

… Website von Cisco, Deutschland und die …

In den vergangenen 20 Jahren hat das Web mehrere Modernisierungswellen erlebt. Am Anfang ging es nur darum, eine irgendwie gestaltete Seite ins Web zu stellen, um präsent zu sein.

Dann, etwa zum Ende der Neunzigerjahre, setzte die Professionalisierung ein. Unternehmen legten Wert auf Übersichtlichkeit. Der Anwender navigierte durch Menüleisten oder Rubriken und wusste beim Surfen immer wo man war. Die gesuchten Informationen, beispielsweise technische Daten von Produkten, ließen sich auf diese Weise relativ schnell finden. Lange Zeit blieb das so.

Meiner Erinnerung nach setzte vor sechs oder sieben Jahren eine weitere Modernisierungswelle ein, die inzwischen abgeschlossen ist.

… die Website von Cisco Ägypten (Screenshots: Mehmet Toprak).

Heute sind Websites wie Breitwandkino, statt Menüleisten und Kategorien gibt es riesige Bilder. In der Regel muss man sehr lange scrollen, um den ganzen Inhalt einer Website zu erfassen.

Websites als Breitwandkino, Unübersichtlichkeit ist Trumpf. Ganz wie im Kino geht es darum, den Besuchern Geschichten zu erzählen und nicht darum, Informationen zu vermitteln.

Uniformität statt Individualität

Noch etwas fällt auf. Es ist ja heute viel die Rede von der Unterschiedlichkeit der Kulturen. Doch die Internetauftritte der großen Hersteller haben praktisch alle dasselbe Layout, und auch die Fotos sehen alle ähnlich aus. Wegen dieser Uniformität unterscheiden sich die Websites ganz unterschiedlicher Unternehmen wie Microsoft, Intel, Cisco oder SAP inzwischen kaum noch.

Dem Kunden wird einerseits ständig Individualität und Flexibilität versprochen, doch Layout und Anmutung der Unternehmensauftritte sind uniform. Das gilt übrigens auch für den Webauftritt in unterschiedlichen Ländern. Wer sich die Websites von Microsoft oder Cisco in Deutschland, Afrika oder Asien ansieht, findet überall dasselbe.

Die Website von Intel, Deutschland sieht genauso aus wie die … )
… Website von Intel Kanada …
… und die Website von Intel Taiwan (Screenshots: Mehmet Toprak).

Automatik statt selber surfen

Nervtötend sind auch die ständigen Automatismen im Web. Triviale Imagevideos, die ungefragt starten, trashige Hintergrundmusik, die ohne Vorwarnung losdudelt. Wer die Maus nur ein bisschen nach links oder rechts bewegt, löst schnell einen Mouse-Over-Effekt aus, und irgendein grafisches Element oder ein Textkasten schiebt sich ins Bild. Navigieren mit der Maus wird zum Spießrutenlauf zwischen den Mouse-over- und Rollover-Effekten.

Wegen all dieser HTML-Eskapaden dauert es heute deutlich länger als noch vor zehn Jahren, an die gewünschten Informationen zu kommen. Man wird das Gefühl nicht los, dass es den IT-Anbietern im Web gar nicht mehr darum geht, die Besucher ihrer Website zu informieren, sondern mit einer Flut von Multimedia-Müll (Bilder, Musik, Videos) zu überwältigen. Auf diese Weise wird der Anwender oder Kunde degradiert und entmündigt.

Nicht besonders schön, dafür übersichtlich: Microsofts Auftritt vom Mai 1999. (Screenshot: Internet Archive Wayback Machine).

Kommandoton in der Kundenansprache

Zu dieser Entmündigung des Anwenders gehört auch der Befehlston, mit dem man auf Websites angesprochen wird. Beispielsweise, wenn die Vorteile und Features einer Lösung oder eines Produkts geschildert werden. Da heißt es: “Melden Sie sich an …”, Nutzen Sie die …”, “Verschaffen Sie sich einen Überblick …”, “Optimieren Sie … “Erhalten Sie …”.

Das passt gut zum Befehlston, den auch Facebook gerne pflegt: “Wünsche Deinen Freunden alles Gute zum Geburtstag”, um nur ein Beispiel zu bringen.

Design und Marketing ersetzt Information

Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, dass Unternehmen ihre Websites optisch auf dem neuesten Stand halten und sich dabei an Trends und Moden anpassen. Und sicher spielt es eine Rolle, dass die Websites auch auf Smartphones und Tablets gut aussehen müssen.

Problematisch wird es aber, wenn der visuelle Ehrgeiz von Designern und Marketingagenturen wichtiger ist als der eigentliche Zweck einer Website. Der sollte zum großen Teil darin bestehen, die Anwender zu informieren. Und dazu gehört ein Mindestmaß an sichtbarer Ordnung und Struktur.

Schön, aber trotzdem übersichtlich: die aktuelle Homepage von Apple (Screenshot: Mehmet Toprak).

Diese Forderung mag manchem spießig und altbacken vorkommen. Doch das dem nicht so ist, zeigt ein Unternehmen, das in Sachen Ästhetik und Multimedia ganz vorne steht, nämlich Apple. Dessen Webdesigner schaffen es seit vielen Jahren, Schönheit, Eleganz und Übersichtlichkeit miteinander zu verbinden. Und niemand würde das Apple-Design für spießig halten.

Bei den Websites von Intel, Microsoft, Cisco, Sony und anderen ist man fürs erste dazu verurteilt, sich die Finger wund zu klicken, bis man an die gesuchten Informationen kommt.

Das ist ein bisschen so wie bei Winnetou und Old Shatterhand, die immer wieder vom Pferd steigen müssen, um mühsam die Spuren zu lesen, die sie am Ende zu den Banditen und dem “Schatz im Silbersee” führen. Aber die Suche nach dem Schatz ist mir im Kino lieber als im Internet.

Redaktion

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  • Hallo Mehmet, ein sehr interessanter Artikel! Die teilweise "negative" Entwicklung im Webdesign beobachte ich als Webentwickler auch bereits seit Monaten und auch als User. Wie oft muss man sich den Weg zu den gesuchten Informationen vorbei an großen Werbebildern erarbeiten. Teilweise findet man diese auch gar nicht und selbst die internen Suchfunktion führt nicht zum gewünschen Ergebnis! Erfolgreiches Webdesign ist eben doch viel mehr als nur schön!

  • Absolut nicht nachvollziehbar was Sie hier schreiben.
    Gerade die Beispielseiten sind alle durchweg nutzerfreundlich gestaltet.
    Im Vergleich Apple, Intel, Sony:
    Alle dieser 3 Seiten bieten ein direkt einsehbares Menü durch das man alle wichtigen Bereiche anklicken kann. Die Startseite ist nur eben geprägt von großen Bildern, welche eben eine aktuelle Neuheit darstellen.
    Bei Apple ist dies eben, wie Apple typisch, in Form von Minimalismus dargestellt. Also nur das Produkt. Bei den anderen eben mit emotionalen Bildern. Sonst gibt es keinen Unterschied!
    Es ist sogar so, dass Apples Webseite etwas weniger zugänglich ist als die der anderen.
    Schon mal versucht direkt zu den Macbook Pros zu kommen? Von der Startseite aus?
    Man muss hier mehrmals klicken, während bei Intel & Sony ein Submenü aufklappt, welches unter dem Menüpunkt "Produkte" liegt. Was deutlich komfortabler ist, um eben direkt zum Ziel zu kommen ?!

    Also woher kommt die Frustration?
    Das Web ist heutzutage zugänglicher denn je! Und eine gewisse Normierung in Sachen Design & Icons trägt da sicherlich dazu bei.

    • Danke für diesen Einwurf!
      Sehe ich recht ähnlich. Und warum die Mircosoftseite aus 1999 übersichtlich sein soll, erschließt sich mir auf den ersten Blick nicht. Die kommt aus der Zeit, wo man sich wochenlang den Kopf zerbrochen hat, wo welcher Unter-Seitenbaum hingehört (bzw. etwas später wo der "user" ihn erwarten würde) und am Ende hat man ihn dann an 2.3 Stellen eingebaut. Aber erst als es CMS gab ;-)

      Zur Suchfunktion: Wer "Googled" 2016 schon mit der Firmen-Websuchfunktion? Da sind andere Suchen in der Tat schneller und (noch) effektiver... ;-)

      Information und Internet: Das allerdings ist ein fast schon geschichts-philosophischses Thema über das man lange diskutieren kann.

  • Ja kein Wunder. Der Kostendruck, Bootstrap, die Diskussion ob Webdesign tot ist kam ja nicht von ungefähr. Uns Designern ist das Problem auch bekannt. Was nicht stimmt ist das mit Apple. Die Seiten von Apple sind genau so konfus wie alle anderen auch.

  • Ich sehe es da ähnlich wie Torben. Man muss bedenken, dass zudem das Nutzerverhalten und die Aufmerksamkeitsspanne der Nutzer sich auch grundlegend gewandelt haben, zu den genannten Vergleichszeiträumen. Das hängt zum einen mit der erschlagenden Vielfalt an Informationen zusammen, zum anderen mit der Verfügbarkeit leichter zu erfassender Medien, wie Videos im Netz. Um diesen Trend aufzunehmen, seine Produkte natürlich auch möglichst in den Fokus zu rücken, und die Seiten zugänglich für viele Nutzergruppen zu gestalten, bietet sich eben die o.g. Gestaltung an. Hinzu kommt, dass die Web-Nutzung mit Mobilgeräten extrem zugenommen hat. Je nach Branche haben wir hier Zugriffsraten von bis zu 80 bis 90% und darüber hinaus. Da es auf einem Mobilgerät einfacher ist zu "wischen", bzw. zu scrollen, als kleine Klickflächen zu treffen, ist auch der Trend zu eher längeren Seiten nachvollziehbar und wünschenswert. Das einzige, was man in diesem Zusammenhang den Seiten "vorwerfen" kann, ist das fehlende sticky Menü, um auch Desktop-Nutzern, für die es einfacher ist zu klicken, bspw. auf längeren Seiten Scroll-Wege zu ersparen und hier alternativ ein Sprungmenü anzubieten.

  • Das ist wohl einer der schlechtesten artiKel den ich seit langem gelesen hab. Ich bin seit über 12 jahren webdesigner und behaupte das genaue gegenteil. Sorry aber 85% schwachsinn was hier steht.

  • Wundarbar beschrieben.
    Nur den Lob an Apple würde ich so nicht stehen lassen wollen. Wenn ich "harte Fakten" bspw. zu einem iPad haben will, muss ich auch erst suchen, erst dann bekomme ich die wirklich interessanten Infos (z. B. den Preis :-). Auf den ersten Blick gibt es auch nur BlaBlaBla, eben wie bei den Anderen.

  • Spannend das es so unterschiedliche Ansichten zu diesem Thema gibt. Wie lange beobachtet ihr schon die Webentwicklung? Kann sich noch jemand an die deutsche Suchmaschine Fireball noch erinnern? Ich für meinen Teil habe meine erste Website vor ungefähr 19 Jahren "gebastelt" und daher kann ich dem Artikel aus meiner Sicht weiterhin zustimmen. Den heutigen Kinofilmen wird auch oft nachgesagt das sie keine Seele mehr haben und nur noch durch Effekthascherei bestechen. Ähnlich sehe ich das bei diesem Thema auch.... Show vor Inhalt!

  • Den Einwand, dass der Nutzer durch Formulierungen wie "Nutzen Sie ..." oder "Melden Sie sich an.." entmündigt wird, kann ich mich nicht anschließen. Diesen "Kommandoton" finde ich nicht schlimm. Es sind reine Call-to-Action-Floskeln, die viele User brauchen, um zu erkennen, was hier zu tun ist. Ich will keinen Fließtext lesen, nur um herauszufinden, dass ich dies und das bekomme, wenn ich mich aber zuerst mal anmelden oder etwas nutzen muss.

  • Der Artikel greift Themen auf, die schon vor einem Jahr diskutiert wurden. Viele Deine stimmen - aber pauschal kann man kein Urteil fällen. Wo ein Fullscreenbild passt, soll es hin. Ich persönlich bin froh darüber das auf den Startseiten die Textwüsten durch Bilder und Kurztexte ersetzt wurden. Inhalte sollten erst auf den Unterseiten folgen. Auch dass die Startseite länger zu scrollen ist, ist besser, als sich durch entsprechend viele Unterseiten zu wühlen, um zu merken, dass es doch nicht relevant für einen ist. Fazit: Die Startseite als Gesamtexzerpt der Website zu betrachten halte ich für sinnvoll. Ob das alles so groß sein muss... sieht oftmals besser aus. Also wieder: wenn es passt, dann ja.
    Thema Befehlston: es kommt oftmals auf die eigene Intonation an. Ich bin kein Befehlstyp, darum lese ich meistens auch kein Befehlston. "Jetzt kaufen" ist für mich kein Befehl, sondern eine KLARE Option.
    Alter Flamewar im Webdesign - wird es immer geben - allgemein gültig ist das Geschriebene meiner Meinung überhaupt nicht. Und zudem ist der Artikel an vielen Stellen einfach unwahr (siehe Bewertung der Usability der Websites von Sony & Apple etc.) - aber das wurde bereits ausführlich besprochen.

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