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In anderen Ländern ist die klassische Rollenverteilung nicht mehr so präsent

Wie beurteilen Sie die Rolle der Frauen in MINT-Berufen in Deutschland, insbesondere im Technologiesektor?
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass wir noch immer nicht da sind, wo wir sein sollten und könnten. Frauen sind vor allem in Führungspositionen in den MINT-Berufen noch stark unterrepräsentiert. Es passiert zwar einiges, so ist das Thema generell sichtbarer geworden und einige Unternehmen gehen mit gutem Beispiel voran. Aber dennoch glaube ich, dass diese Bemühungen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind.

Was wird auf Hochschul- und Ausbildungsebene gut gemacht, und bei welchen Initiativen gibt es Ihrer Meinung nach noch viel zu tun?
Die Hochschullandschaft spiegelt letztlich unsere Gesellschaft wider: auch hier finden wir noch viel zu wenige weibliche Professorinnen in Entscheidungspositionen. Dennoch sehe ich hier einige gute Initiativen für Studierende, die sich zum Ziel gemacht haben, mehr Frauen in MINT-Berufe zu bringen. Die Ausbildungsberufe hängen hingegen noch stärker hinterher. Grundsätzlich liegt es hier an den jeweiligen Unternehmen, die die Auszubildenden beschäftigen, wie sie die Berufsbilder auch für junge Frauen attraktiv bewerben. Hier gibt es auf jeden Fall noch viel zu tun.

Welche Berufsbilder haben Ihrer Meinung nach das größte Potenzial für Frauen?
Diese Frage sollte so gar nicht gestellt werden (müssen). Denn eigentlich sollte es einfach keine Unterschiede geben. Jeder Frau und jeder Mann sollte dieselbe Chance in allen Berufsbildern haben.

Ist das Geschlechtergefälle größer als in unseren Nachbarländern?
Ich denke gerade die skandinavischen Länder sind uns hier deutlich voraus. Wir bekommen hierzulande noch immer Familie und Beruf zu wenig unter einen Hut. Unser System muss sich weiter wandeln – es sollte beispielsweise überhaupt keine Frage sein, ob eine Frau nach der Elternzeit wieder in den Beruf einsteigt. Für viele sind Betreuungskosten noch immer ein großes Hindernis. Zudem ist die Differenzierung zwischen Voll- und Teilzeitjobs noch zu weit verbreitet noch immer sehr weit verbreitet. Wir müssen noch viel stärker umdenken.

Wie haben Sie das letzte Jahr erlebt, hat sich der Abstand verringert oder ist die Situation ähnlich?
Die letzten beiden Jahre haben hierzulande leider oft sehr deutlich gemacht, dass es für unsere Gesellschaft selbstverständlich ist, dass sich die Frau um die Kinder kümmert und dafür gegebenenfalls auch beruflich zurücksteckt. In anderen Ländern ist diese klassische Rollenverteilung nicht mehr so präsent. Ich beobachte in Deutschland aber auch, dass Männer ebenfalls in einer Zwickmühle sind – für sie wird die Teilzeitoption von ihren Arbeitgebern oft gar nicht in Betracht gezogen.

Sind Sie der Meinung, dass die notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, um die Kluft zu verringern?
Eigentlich bin ich absolut kein Fan von Quoten. Aber mittlerweile bin ich an einem Punkt, an dem ich sage: es wird wohl nur so funktionieren. Denn ansonsten passiert in meinen Augen leider zu wenig. Ich denke, dass die Politik noch viel stärker handeln muss. Z.B. könnte es einen Equality-Index für Unternehmen geben. Denn  noch so stark in den Köpfen der Entscheider verankert, dass man nur durch externe Regulierung seitens der Politik entscheidend weiterkommt.

Wie hoch ist der Anteil der Frauen in Ihrer Organisation? Ergreifen Sie Maßnahmen, um eine paritätische Vertretung zu erreichen?
Xentral ist noch eine relativ junge Firma. In unserem Core-Management-Team sind drei der sieben Mitglieder Frauen. Ansonsten liegt auch bei uns der Frauenanteil, wie in fast jeder anderen IT-Firma, bei etwa 30 Prozent. Uns ist es im Recruiting sowie in der Personalentwicklung aber wichtig, dass wir keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern machen. Unser Anspruch ist es, die richtige Person für die Position zu finden. Wenn diese Person beispielsweise nur in Teilzeit arbeiten kann, finden wir dafür eine Lösung.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst gemacht, und haben Sie sich jemals von Ihren Kollegen im Stich gelassen gefühlt, weil Sie eine Frau sind?
Blicke ich auf meine bisherige Karriere zurück, so fällt mir auf, dass ich den größten Support immer durch Frauen erhalten habe – und zwar ganz egal, ob diese selbst Kinder hatten oder nicht. Ich möchte gleichzeitig auch betonen, dass ich als Frau noch nie einen Nachteil erlebt habe. Was ich aber schon mitbekommen habe, dass in Managementteams die Besetzung von Führungspositionen durch Frauen durchaus in Frage gestellt wurde oder dass der Arbeit in Teilzeit mit Vorurteilen begegnet wurde. Daher ist es umso wichtiger, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen und unsere offenen Positionen bei Xentral nach Leistung und nicht nach Geschlecht, Herkunft, o.ä. zu besetzen.

Conni-Lass, Xentral

Cornelia Lass
ist Vice President People bei Xentral und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in verschiedenen Führungspositionen im Bereich Personal und Unternehmenskultur – unter anderem bei Accenture und beim Fintech-Anbieter Avaloq.

Roger Homrich

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