Echtzeit-Datenvisualisierung in der Vermögensberatung

Euro-Scheine und Münzen (Bild: Shutterstock)

Wie Vermögensberater ihre Kunden vor Zinserhöhungs- und Inflations-Panik bewahren, erklärt Andreas Diener von Avaloq im Gastbeitrag.

Märkte und Anleger reagieren auf die deutliche Inflation und steigende Zinsen mit Verunsicherung. Für die Anlageberatung birgt dies beträchtliche Herausforderungen. Es gilt, Anleger vor überstürzten Reaktionen zu bewahren und ihnen rationale Investment-Strategien zu vermitteln. Eine moderne, auf Analysen gestützte Echtzeit-Datenvisualisierung kann in dieser Situation entscheidend dazu beitragen, Anleger von rationalen Strategien für die Krise zu überzeugen.

Inflation und Zinserhöhung

Zuletzt hat die Europäische Zentralbank zur Inflationsbekämpfung den Leitzins zum 2. November 2022 um 0,75 Prozentpunkte auf 2 Prozent erhöht. Erst vor kurzem waren dem bereits deutliche Erhöhungen vorausgegangen: zum 14. September 2022 um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent und am 27. Juli 2022 von 0 auf 0,5 Prozent. Viele Anleger dürften von den Auswirkungen, die das rasche Ende der seit 2008 anhaltenden Niedrigzinsphase hat, verunsichert sein. Überstürzte, nicht sonderlich durchdachte Reaktionen sind da nicht ausgeschlossen.

Rationale Anlagestrategien

Vermögensverwalter sollten ihren Kunden in Zeiten wie diesen empfehlen, einen kühlen Kopf zu bewahren und rational zu entscheiden. Anleger sind gut beraten, entweder langfristig auf Kurs zu bleiben oder ihre Anlagestrategie an das neue Umfeld mit hoher Inflation und steigenden Zinsen anzupassen. Doch wie lassen sich diese Gespräche am besten führen? Tatsache ist, dass Vermögensberater eben nicht nur von der Qualität ihrer Ideen und Investmentvorschläge leben – ebenso entscheidend ist es, die Anleger von diesen Ideen zu überzeugen.

Auswirkungen grafisch vermitteln

Menschen neigen dazu, dem zu vertrauen, was sie sehen. Für die meisten wirken abstrakte Zahlen weniger nachhaltig und eindrücklich als ein schnell erfassbares Bild. Vor diesem Hintergrund sind Portfoliovisualisierungen und ‑animationen oft wirkungsvoller als andere, nüchternere Kommunikationsmittel. Wenn Berater ihre Strategien und Empfehlungen für verschiedene Szenarien mit steigenden Zinsen und hoher Inflation in einem visuellen Modell präsentieren, können Kunden diese Argumente oft besser und schneller nachvollziehen. Eine geeignete Visualisierung stärkt das Vertrauen in die vorgeschlagene Strategie. Auch auf Fragen nach unterschiedlichen Möglichkeiten der Markt-, Inflations- und Zinsentwicklung müssen Vermögensberater vorbereitet sein. Hier sind Berater und Beraterinnen im Vorteil, die für ihre Kunden proaktiv und in Echtzeit visualisieren können, wie sich verschiedene Was-wäre-wenn-Szenarien auf die Performance auswirken.

Echtzeit-Analyse und -Visualisierung

Dies bedeutet: Vermögensberatung braucht gerade heute fortschrittliche Datenvisualisierungstools. Und damit diese Visualisierung bei der Kommunikation unmittelbar, das heißt in Echtzeit, zur Verfügung steht, sind wiederum moderne Analysewerkzeuge erforderlich – Beratungslösungen, die die Daten automatisch verarbeiten, zusammenstellen und in einem visuell ansprechenden Format präsentieren. Mit Datenmodellierung lassen sich maßgeschneiderte Projektionen darüber erstellen, wie das Portfolio einer Person auf steigende Zinsen und Inflation oder auch auf eine Rezession reagieren könnte. Gleichzeitig kann künstliche Intelligenz in der Beratungslösung dazu dienen, hyperpersonalisierte Portfolioempfehlungen zu schaffen.

Portfolio-Gesundheitscheck

Für Berater selbst eröffnen Tools für die Ad-hoc-Analyse und Echtzeit-Berechnung die Möglichkeit, Portfolio Health Checks für ihre Klienten durchzuführen. Zu den Kriterien kann hier etwa die Risikoeignung eines Investments zählen. Allokationsverstöße werden grafisch ebenso auf einen Blick ersichtlich wie unerwünschte Asset-Konzentrationen, Verletzungen der vom Kunden bzw. der Bank definierten Einschränkungen oder nicht zu empfehlende Vermögenswerte. Noch vielfältiger ist der Nutzen einer Echtzeit-Berechnungskomponente unmittelbar während des Beratungsvorgangs. Im gemeinsamen Beratungsgespräch, bei einer Portfolioüberprüfung, ist das Risiko für den Anleger viel besser verständlich, wenn es visualisiert ist. Dies bietet sich etwa für die diversen Risikokennzahlen von Investments an: wie Volatilität, Value at Risk (VaR), Conditional Value at Risk (CVaR), Product Risk Classification (PRC) sowie dem Beitrag jedes einzelnen Assets zum Gesamtrisiko des Portfolios.

Auswirkungen simulieren

Besonders interessant an einer Echtzeit-Berechnung ist, dass Berater sofort die Auswirkungen eines bestimmten Investment-Vorschlags oder einer krisenadäquat modifizierten Investment-Strategie für ihre Klienten darstellen können. Das Ergebnis solch einer Simulation lässt sich dann leicht mit dem Status des bestehenden Portfolios vergleichen. Auch Vergleiche mit Wert- und Performance-Entwicklungen zu Zeiten historischer Krisen – ob Lehman-Brothers-Konkurs und Finanzkrise, Brexit oder Covid-19-Pandemie – lassen sich für Anleger in Gestalt einer grafischen Darstellung viel schneller erfassen. Im Idealfall bietet die Echtzeit-Visualisierung auch die Möglichkeit, zusammen mit den Kunden per Drill-down tiefer in die Datenanalyse vorzudringen. Dann werden Ergebnisse bei Bedarf granular dargestellt, etwa nur bezogen auf bestimmte Anlageklassen, Unteranlageklassen, Laufzeitgruppen, Risikobereiche, Risikoländer, Währungen, Regionen, Branchen, Asset Ratings und so weiter. Der begrenzende Faktorfür jede Datenvisualisierung ist letztlich nur die Qualität der verfügbaren Daten sowie der Datenanalyse, die ihrzugrunde liegt.

Überzeugende ESG-Beratung

Krisenadäquate Anlagen und Strategien zu vermitteln, ist nur eine der aktuellen Herausforderungen in der Vermögensberatung. Eine andere ist die wachsende Nachfrage nach Assets, die ESG-Ansprüche (Environmental, Social, Governance) erfüllen. Auch hier kann eine geeignete grafische Darstellung dazu beitragen, Anlegern zu vermitteln, in welchem Maß und anhand welcher Kriterien welche Assets welchen Grad an Nachhaltigkeit für sich reklamieren dürfen. Noch haben verschiedene ESG-Rating-Anbieter unterschiedliche Ansätze, um ESG-Risiken und -Auswirkungen zu messen. Aber die ESG-Regulierung schreitet voran. So will etwa die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) der EU definieren, wo besonders Finanzunternehmen in Sachen ESG Transparenz herzustellen haben. Die EU-Taxonomie wiederum ist ein Klassifizierungssystem für als nachhaltig einstufbare wirtschaftliche Aktivitäten. Mit PAI (Principal Adverse Impact) ist bereits ein Berichtsrahmen für nachteilige Auswirkungen definiert. Und die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) soll den Geltungsbereich für ESG-Berichtspflichten in der EU auf einen größeren Kreis an Unternehmen ausweiten. Die Menge an verfügbaren ESG-Daten wird also grundsätzlich wachsen. Der Vorteil einer geeigneten Visualisierung ist es, all diese Daten im Kontext einer ESG-Anlageberatung handhabbar zu machen.

Hyperpersonalisierung

Datenanalysen spielen nicht nur für die grafische Unterstützung des Beratungsprozesses eine wichtige Rolle. Ganz generell verändert Data Science das Gesicht der Branche. Eine höhere Rechenleistung und Cloud Computing gestatten es heute, eine große Menge von strukturierten oder unstrukturierten Daten automatisiert zu analysieren – und sehr wertvolle Resultate zu erzielen. So können Künstliche Intelligenz (KI) und Maschinelles Lernen (ML) dazu dienen, passgenau personalisierte Anlageempfehlungen zu erstellen, die ganz den Vorlieben und Wünschen der Kunden entsprechen. Die automatisierte Analyse des Portfolios des Kunden, seiner Lebenszyklusphase, seines Verhaltens und des Verhaltens anderer Kunden ermöglicht eine Hyperpersonalisierung. KI und Data Analytics helfen der Vermögensberatung, zugleich effizienter und bedarfsgerechter zu werden.

Fazit: Beratung in schwierigen Zeiten

Datengesteuerte Modelle nebst einer überzeugenden Visualisierung können in der aktuellen Situation für Vermögensberater der sinnvollste Weg sein, um ihre Kunden davor zu bewahren, angesichts negativer Schlagzeilen den Kopf zu verlieren. Leistungsfähige Datenanalysen, Echtzeit-Visualisierung und eine KI-gestützte Hyperpersonalisierung: Mit digitaler Unterstützung kann Vermögensberatung den Nutzen neuer Assetklassen vermitteln, das Vertrauen in die empfohlenen Strategien stärken und die Beratungsbeziehung festigen. Auch in schwierigen Zeiten.

 

Andreas Diener

ist Head Product Manager for Wealth bei Avaloq, einem Anbieter von digitalen Banking-Lösungen. Zuvor war Diener als Business Architect und Chief Product Owner Digital Wealth Management für Vontobel in der Schweiz tätig. 

 

 

 

Lesen Sie auch : Goliath lernt von David