Mohit Joshi

ist President Head, Banking, Financial Services & Insurance (BFSI), Healthcare and Life Sciences Head, Infosys Brazil and Infosys Mexico.

InnovationWissenschaft

Geisteswissenschaften geben Technologieunternehmen neue Impulse

Was haben die folgenden Geschäftsführer gemeinsam: Stewart Butterfield, Meg Whitman, Marc Benioff und Susan Wojcicki? Sie alle stehen an der Spitze von Technologieunternehmen, haben aber eigentlich einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund.

Viele Unternehmen aus der Technologiebranche sind immer noch der Meinung, dass ausschließlich MINT-Absolventen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) die nötigen Kompetenzen mitbringen, um den Geschäftserfolg voranzutreiben. Dies entspricht allerdings nicht der Wahrheit: Heutzutage finden Studenten der Geistes- und Kulturwissenschaften nicht nur Jobs im technologisch dominierten Markt, sondern sie haben auch die richtigen Voraussetzungen, sich zu Unternehmern zu entwickeln, die mit ihrem kreativen, ganzheitlichen Ansatz Umsatz und Wachstum steigern. Darüber hinaus sind ausgeschriebene Stellen von Technologieunternehmen zu 43 Prozent nicht-technisch. Die Nachfrage nach kreativen Talenten wird durch den extremen Fachkräftemangel in den MINT-Berufen noch verstärkt. In Deutschland fehlten im Oktober 2019 unterm Strich 263.000 Fachkräfte.

LinkedIn fand heraus, dass Unternehmen im Jahr 2019 nicht nur nach Menschen suchen, die kodieren können, sondern auch nach kreativen Köpfen. Unternehmen analysieren also nicht nur ihren Bedarf, sondern passen ihn auch an die eigenen Herausforderungen und das Marktumfeld an. Sie benötigen gute Mitarbeiter genauso sehr wie Netzwerkingenieure. Die Umfrage des Weltwirtschaftsforums mit dem Titel The Future of Jobs bestätigt erneut die Bedeutung von nicht-MINT Kompetenzen.

Nicht nur Programmierer einstellen, sondern auch einen Philosophen

Wir wissen also, dass Absolventen der Geisteswissenschaften über bestimmte Kompetenzen verfügen. Aber warum sollte ein Technologieunternehmen einen Anwalt oder einen Philosophen anstelle eines Spezialisten mit relevanteren technischen Fähigkeiten einstellen?

Nehmen wir das Beispiel eines Technologieprodukts wie „Alexa“. Amazon hat 10.000 Mitarbeiter, die an Alexa arbeiten – und nicht alle von ihnen sind Ingenieure. Es sind die Mitarbeiter ohne MINT-Fähigkeiten, die Alexa menschlicher machen und den Menschen die Sicherheit geben, das digitale Gerät in ihren Häusern willkommen zu heißen, ohne sich Sorgen darüber zu machen, dass es all ihre Gespräche mithört. „Das Device-Business ist weniger die Produktion von Hardware für den Kunden, sondern mehr der Service hinter der Hardware,“ sagt Dave Limp, Senior Vice President von Amazon.

Ein Mathematiker kann leicht logische Modelle erstellen – aber es ist der Kunstabsolvent, der die Muster leichter erkennt. Ein Softwareentwickler kann die größte CRM-Plattform aufbauen – aber es ist der Geisteswissenschaftler, der die Komplexität des Konsumverhaltens auflöst. Da Technologien schnell veralten und Ingenieure neu qualifiziert werden müssen, ist es unerlässlich, die wichtigen Soft Skills zu entwickeln, die typischerweise bei Studenten der Freien Kunst zu finden sind – wie kritisches Denken, kreative Kommunikation und Anpassungsfähigkeit.

Den geisteswissenschaftlichen Mitarbeiter geschäftsrelevant machen

Stellen Technologieunternehmen Mitarbeiter ohne MINT-Kenntnisse ein, müssen sie entsprechend in Ausbildungsmaßnahmen investieren – Mitarbeiter müssen lernen, ihre Kompetenzen anzuwenden, um Mehrwert zu schaffen und für das Unternehmen relevant zu sein. Durch kontinuierliches Lernen, Praktika, Schulungen und ein rudimentäres Verständnis der Technologien können Mitarbeiter bereits wichtige Nuancen der digitalen Welt verstehen, in der sie arbeiten müssen. Die heutigen Technologieunternehmen arbeiten aktiv mit der Wissenschaft zusammen, um Studien durchzuführen und Prototypen zu entwickeln. Universitätsprofessoren, Forscher, Studenten und EMBA-Absolventen können fundiertes Wissen mitbringen, während die Industrie die Technologien und reale Herausforderungen beitragen kann. Infosys führt Kooperationen mit 37 Universitäten, darunter führende europäische Business Schools wie INSEAD, HEC Paris, London Business School, IESE Business School, um Forschungsprojekte und Trainingsprogramme voranzutreiben.

Erfahrung ist der Schlüssel. Viele Unternehmen können eine Schlüsselrolle dabei spielen, junge Köpfe mit dem realen Geschäftsumfeld vertraut zu machen, insbesondere durch Praktika, indem sie den Studenten verschiedene Geschäftsfunktionen und digitale Technologien mit einem praktischen Ansatz an zahlreichen Projekten in verschiedenen Teams im gesamten Unternehmen vorstellen.

Während Technologieunternehmen immer Talente mit MINT-Fähigkeiten benötigen werden, darf die Rolle der Geistes- und Kunstwissenschaften und ihr Beitrag zum Geschäftserfolg nicht unterschätzt werden. Um das Beste aus beiden Welten herauszuholen, müssen Unternehmen ihren Ingenieuren und Architekten Fähigkeiten wie kreatives Denken und kognitive Flexibilität vermitteln. Gleichzeitig müssen sie Künstler, Juristen, Marketingfachleute und Ökonomen einstellen, um neue Perspektiven zu eröffnen, die Innovation und Wachstum in einer Branche, die gedeiht, wenn sie intellektuell vielfältig ist, maximieren können.

Mohit Joshi ist President von Infosys Ltd und leitet die Bereiche Banking, Financial Services & Insurance (BFSI), Healthcare und Life Sciences. Darüber hinaus fallen die unternehmensweiten Sales Operations und Reporting-Prozesse in seinen Verantwortungsbereich sowie das Management von Großprojekten und der Ausbau der wichtigsten Kunden des Unternehmens. Mohit Joshi hat in seiner Zeit bei Infosys unter anderem in den USA, Indien, Mexiko und Europa gearbeitet. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit den Schnittstellen von Financial Services und Technologie und wurde darüber hinaus bei dem World Economic Forum 2019 in Davos als Young Global Leader (YGL) ausgezeichnet.