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Supply Chain: Control Tower sind überbewertet

Die meisten Menschen denken bei Control Towers an ein Konzept, das fundierte Einblicke in die Lieferkette bereitstellt und den Nutzer darauf aufmerksam macht, wenn beispielsweise ein Kapazitätsengpass besteht oder eine Lieferung sich verspätet. Control Towers werden aber nicht nur zur Steuerung der Supply Chain (Supply Chain Execution, SCE), sondern auch als Planungsinstrument (Supply Chain Planning, SCP) verwendet.

Im Moment gibt es noch keinen Softwarehersteller, der eine umfassende Lösung anbietet, die alle Anforderungen der verschiedenen Anwendungsbereiche abdeckt.

Es ist daher notwendig, den Begriff „Control Tower“ zu definieren und zu klären, was das Konzept leisten kann. Das schafft Transparenz und reduziert die Missverständnisse, die sich um den Begriff gebildet haben.

Christian Titze, Research Director bei Gartner für das Thema Supply Chain ist Autor dieses Beitrags.(Bild: Gartner).

Begriffsabklärung

Wie definiert Gartner den Begriff „Control Tower“? Gartner sieht es als ein Konzept. Ein Control Tower entsteht aus der Kombination von Geschäftspartnern, Geschäftsprozessen und einer kollaborativ orientierten organisatorischen Ausrichtung, unterstützt durch Technologien mit folgenden Kernfähigkeiten:

  1. Umfassende, auf Daten basierende Einsicht in die Lieferkette als Grundlage (end-to-end supply chain visibility).
  2. Umfassende Entscheidungsunterstützung (end-to-end decision making) über unterschiedliche Zeiträume und in verschiedener Granularität. In Zukunft könnte ein Control Tower mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen auch selbstständig Entscheidungen treffen.
  3. Grundfunktionen wie Ressourcenmanagement, Prozessmanagement, Geschäftspartner-Management sowie spezialisierte Software für Supply Chain Execution oder Supply Chain Planung. Hierzu zählen beispielsweise Programme für Logistik oder Einkauf.

Marktangebote

Derzeit erlebt der Begriff „Control Tower“ eine Renaissance. Durch die größere Komplexität von Lieferketten im globalen Umfeld entstehen auch mehr und mehr Prozessabläufe, die sich über mehrere Unternehmen hinweg abspielen. Unterstützende Technologien, Workflows und Fähigkeiten sollten allerdings immer auf die Supply Chain Management-Strategie abgestimmt sein. Sonst besteht die Gefahr, dass der Prozess durch die neue Technologie eher behindert als unterstützt wird.

Mehrere Softwareanbieter behaupten inzwischen, Control Towers anzubieten und vermarkten diese aggressiv. Aktuell gibt es Angebote für folgende kommerzielle Anwendungen:

  • Planungskollaboration (SCP, planning collaboration) — die umfassende Planungssichtbarkeit in Echtzeit ermöglicht transaktionale Kollaboration unter den Teilhabern zur Optimierung ihrer Lieferkette.
  • Lieferketteneinblicke (SCE, executional insights) — erweiterte Sichtbarkeit in Echtzeit auf das gesamte Geschäftsökosystem. Ein Ereignismanagement ermöglicht damit Kollaboration unter den Geschäftspartnern nicht nur um dieses zu optimieren, sondern auch um mögliche Störungen in der Lieferkette zu vermeiden.

Die oben erwähnten kommerziellen Anwendungen sind grundsätzlich auf spezifische Supply-Chain-Bereiche ausgerichtet – eben Planung oder Steuerung – und bieten auch bis zu einem gewissen Grad Analytics- oder KI-Fähigkeiten. Aber sie berücksichtigen nicht die gesamtheitliche Unternehmenssicht inklusive Geschäftspartnern sowie die Konvergenz von Supply Chain Planung und Execution.

Marktentwicklung

Wir erwarten, dass Control Towers sich zu sogenannten “Solution Towers” weiterentwickeln. Die Idealvorstellung ist eine digitalisierte Supply Chain Software-Plattform, die alle obengenannten Fähigkeiten und mehr einschließt. Diese zusätzlichen Fähigkeiten sollten den Konsum einer unendlichen Anzahl von Digitalsignalen (zum Beispiel Internet of Things) sowie erweiterte Planungsfähigkeiten und die Konvergenz von Planung und Execution einschließen, um unaufhörlich und mehr oder weniger automatisiert Einblicke und Empfehlungen zu erzeugen.

Umfassende Echtzeitsichtbarkeit über die verlängerte Wertschöpfungskette und intelligente Entscheidungshilfen würden es Organisationen ermöglichen, ihr Risiko zu minimieren und die Effizienz zu steigern. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass das Konzept Solution Towers neben der Technologie auch aus weiteren Teilen besteht, die gemeinsam betrachtet werden müssen: Geschäftspartner, Geschäftsprozesse und organisatorische Ausrichtung. Zuletzt stellt sich noch die Frage des „Wie?“: Lösung selbst bauen, einkaufen oder gar auslagern?

Empfehlungen

  • Den Begriff „Control Tower“ nicht in Isolation verwenden, sondern immer definieren, was genau gemeint ist.
  • Control Towers als ein Konzept positionieren, das aus der Kombination aus Geschäftspartnern, Geschäftsprozessen und organisatorischer Ausrichtung, unterstützt durch passende Technologieelemente, besteht.
  • Erkennen, dass effiziente Control Tower Fähigkeiten aus einer passenden Kombination von verschiedenen Technologiekategorien kommen.
  • Verstehen, dass vorhandene Softwarelösungen nur eingeschränkte Anwendungsfälle abdecken.
  • Softwareanbieter herausfordern, wenn jene umfassende Lösungen als Standard anbieten.

Kai Schmerer

Kai Schmerer ist Redaktionsdirektor bei NetMediaEurope in Deutschland. Er begann 2000 als Mitglied der Redaktion bei der silicon.de-Schwesterpublikation ZDNet und ist seit 2008 deren Chefredakteur.

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