Von der Macht des Machbaren

Open-Source-Software ist kostenlos, und der Preis, 0 €, ist das zugkräftigste Argument? Völlig falsch. Jeder IT-Leiter weiß, dass die reinen Anschaffungskosten einer Software über deren Laufzeit einen kaum mehr relevanten Anteil der Gesamtkosten ausmachen. Selbst wenn man die laufenden Lizenzkosten einer Anwendung einbezieht, sind weitere Faktoren Kostentreiber: Integration, Administration, Support und Erweiterungen.

Gerade diese Punkte haben Open-Source-Software für Anwender attraktiv gemacht. Auch sie verlangt Integration in die vorgefundene IT-Landschaft, Administration und Zusatzkosten, wenn es um Erweiterungen geht. Aber an diesen Punkten wird der Unterschied zu proprietären Lösungen erst richtig deutlich. Open-Source-Fachleute sind verfügbar, ihre Arbeitszeit ist nicht preiswerter, wohl aber sind es die Ergebnisse. Den Support bieten Firmen an, die unschlagbar preisgünstig sind, ohne Business-suicidverdächtig zu sein. Das geht, weil der Quellcode der Software nachvollziehbar ist, weil es hier sogar Usus ist, mit anderen Open-Source-Tools und fremden Codeteilen zu arbeiten. Weniger Arbeit = weniger Kosten.

Open-Source-Systeme haben nicht nur standardisierte Schnittstellen, sondern auch Offenheit zum Beispiel in Sachen Dateiformaten. Auf dieser Grundlage lassen sie sich viel leichter integrieren und erweitern; vor allem braucht man dazu nicht zwangsweise das teure Geheimwissen der Hersteller. Diese Unabhängigkeit ist nicht im Interesse proprietärer Anbieter, aber in dem der Anwender, wie wir bei MariaDB (bis vor kurzem noch ein MySQL-Supportspezialist unter dem Namen SkySQL) immer wieder in Gesprächen mit Kunde erfahren haben. Das Beispiel der Datenbank MariaDB zeigt, dass ein Open-Source-Produkt nicht vom Markt genommen oder proprietär erweitert werden kann, wie es Oracle mit MySQL anstrebt. Open Source schafft Zukunftssicherheit.

Darüber hinaus eröffnen offene Systeme jenseits des Preisvorteils mehr Optionen für die Zukunft der eigenen IT. In sehr vielen IT-Stäben reicht das Open-Source-Know-how inzwischen aus, um den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern. Eine Maxime von Open Source ist die Verwendung von offenen, herstellerunabhängigen internationalen Standards. Das ist die Grundlage für “Do it Yourself”. Es hätte den phänomenalen Erfolg der Buchreihe “Jetzt helfe ich mir selbst” nie gegeben, wenn jede Automarke eigene Schraubengrößen gehabt und entsprechende Schlüsselsätze verlangt hätte.

Vor allem aber wurde Open Source dadurch attraktiv, dass IT-Fachleute selbst jene Funktionalitäten programmieren können, die sie benötigen. Es ist bei MariaDB geradezu alltäglich, dass Anwendern im Datenbankbereich dies überaus wichtig ist. Die Entwicklung von Open-Source-Produkten wird nicht bestimmt von vermeintlich objektiven Markt-“Studien”, ihrer Interpretation durch den Filter der (günstigenfalls) Geschäftsinteressen eines Softwarehauses, zufälligen Ideen und Argumentationsstärke einiger Programmier-Cracks oder der Not, unterschiedliche Kundenanforderungen zu einem – faulen – Kompromiss unter einen Hut bringen zu müssen.

In der Open-Source-Welt, heißt es auf jede Frage nach Features: “Scratch your own itch” – Programmier’s halt selbst! Es gibt Hilfestellungen in Form von Dokus, Mailing-Listen, Foren et cetera – Ansonsten ist Selbsthilfe angesagt. Die wenigsten Projekte sind entstanden, weil Leute etwas gegen die Dominanz gewisser Hersteller gehabt hätten. Meistens haben sie sich halt selbst das programmiert, was sie brauchten. Eine große Community und weite Verbreitung finden Open-Source-Projekte dann, wenn viele Leute am gleichen Jucken leiden.

Open Source ist in gewisser Weise die Antwort der Anwender auf ihre nicht erhörten Bitten an die Softwareindustrie. Die Machbarkeit dank offenem Quellcode ist die Basis der Macht der Anwender gegenüber den Anbietern. Die Emanzipation hat gerade erst mal Fuß gefasst.

Martin Schindler

Martin Schindler schreibt nicht nur über die SAPs und IBMs dieser Welt, sondern hat auch eine Schwäche für ungewöhnliche und unterhaltsame Themen aus der Welt der IT.

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  • Als selbständiger IT-Berater kann ich die Thesen zu Open Source nur bestätigen. Ich möchte noch eine hinzu fügen: man kann sich das Lizenz-Management sparen. Bei der Einrichtung eines Rechners brauch man sich nie zu fragen, ob das der Lizenz-Pool noch her gibt. Einfach installieren und fertig. Nicht wenige meiner Kundenrechner haben als einzige kaufpflichtige Software (noch) Windows. Alles andere ist Open Source.

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