Digitale Barrierefreiheit: In Zeiten der Corona-Krise wichtiger denn je

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Digitalisierung (Bild: Shutterstock)

Froso Ellina, Product Design Managerin bei VMware Pivotal Labs, zeigt auf, warum Barrierefreiheit – im Besonderen für ältere Nutzer – aktuell ein Gebot des Software-Designs und der Software-Entwicklung ist und wie sie in der Praxis realisiert werden kann.

Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass mehr Menschen und mehr denn je digitale Anwendungen nutzen. Barrierefreie Software, die für alle leicht und problemlos zu bedienen ist, gewinnt nun noch einmal enorm an Bedeutung. Froso Ellina, Product Design Managerin bei VMware Pivotal Labs, zeigt auf, warum Barrierefreiheit – im Besonderen für ältere Nutzer – aktuell ein Gebot des Software-Designs und der Software-Entwicklung ist und wie sie in der Praxis realisiert werden kann.

Seit Monaten lassen die Kontaktbeschränkungen die Nachfrage nach Online-Produkten und -Dienstleistungen erheblich steigen. Während es für viele Verbraucher (gerade jüngere) seit langem ganz normal ist, über Plattformen oder via App auf ihr Bankkonto zuzugreifen, Lebensmittel und andere Produkte einzukaufen oder mit seinen Lieben in Kontakt zu bleiben, gibt es einen bedeutenden Teil unserer Gesellschaft, der viele dieser Vorgänge nun zum ersten Mal erlebt. Viele ältere Nutzer betreten hier aktuell tatsächlich Neuland. Für sie, aber auch für viele andere Menschen mit körperlichen und sensorischen Einschränkungen können schon kleine Barrieren bei digitalen Anwendungen unüberwindbare Hürden darstellen. Höchste Zeit also, dies zu ändern und digitale Erlebnisse für alle Menschen von Grund auf zugänglich zu gestalten.

Barrierefreiheit als Priorität im Entwicklungsprozess

Ein digitales Produkt auf die entsprechenden barrierefreien Standards zu bringen, scheint jedoch für viele Entwickler immer noch eine komplizierte und undurchsichtige Aufgabe. Mit den richtigen Insights und einem strukturierten Vorgehen ist es aber alles andere als ein Hexenwerk. Dabei sind vor allem zwei Aspekte von entscheidender Bedeutung:

1. Das Thema so früh wie möglich im Entwicklungsprozess berücksichtigen
2. Betroffene Anwender in den gesamten Entwicklungsprozess einbeziehen, um schnelles Feedback zu erhalten und zu verarbeiten

Bereits vor der Entwicklung sollten daher gezielt Gespräche mit repräsentativen Vertretern der vorgesehenen Zielgruppe geführt werden. Manchmal kann es schwierig sein, hier auf Anhieb die richtigen Nutzer zu finden, weshalb Unternehmen für diesen Schritt auch mal eine Personalvermittlungsagentur einschalten, die innerhalb genau definierter Parameter Personen der richtigen Altersgruppe und mit den richtigen Eigenschaften vermittelt. Falls erforderlich, kann dies in mehreren Runden erfolgen, sowohl in Form von Fokusgruppen als auch in Einzelgesprächen.

Froso Ellina, die Autorin dieses Gastbeitrags, ist Product Design Manager bei Pivotal Labs. (Bild: Pivotal Labs)
Froso Ellina, die Autorin dieses Gastbeitrags, ist Product Design Manager bei Pivotal Labs. (Bild: Pivotal Labs)

Mit diesen grundlegenden Vorgesprächen ist es aber noch lange nicht getan. Das Feedback der Zielgruppe ist ein kontinuierlicher Prozess, der den Entwicklern dabei hilft, die Wünsche, Anforderungen und Eigenheiten der Benutzer kennenzulernen, zu verstehen und zu verarbeiten. Iterative, agile Entwicklung ist heutzutage der Standard in vielen Entwicklungsteams; den Input der vorgesehenen Endnutzer zu berücksichtigen, leider oft noch nicht.

Warum überhaupt barrierefreie Software?

Die Beeinträchtigungen, die Menschen bei der Interaktion mit digitalen Anwendungen empfindlich stören können, sind vielfältig. Besonders ältere Menschen leiden unter zunehmend schwächerer Sehkraft und haben Schwierigkeiten beim Erkennen von Texten und Bildern. Aber auch ein vermindertes Hörvermögen, besonders in den sehr hohen und sehr tiefen Frequenzen, sowie Beeinträchtigungen des Kurzzeitgedächtnisses müssen letztlich beim Design und der Entwicklung von Software berücksichtigt werden.

Dies betrifft zum Beispiel die Gestaltung der Navigation. Damit der Nutzer nie die Orientierung innerhalb der Website oder der Applikation verliert, müssen die Navigationsschaltflächen immer sichtbar und die Navigationsmodelle über die gesamte Oberfläche konsistent sein. Daher sollten Änderungen in der Navigation oder Aufteilungen auf mehrere Bildschirme vermieden werden, da es sonst für Personen mit vermindertem Gedächtnisvermögen schwierig werden könnte, ihre Aktionen zu Ende zu bringen.

Tritt ein Fehler bei der Anwendung auf, müssen Nutzer mit Einschränkungen ebenfalls besonders klare Informationen darüber erhalten, was schief gelaufen ist und wie sich der Fehler beheben lässt. Ältere Web-Nutzer können oft Schwierigkeiten haben, Fehlermeldungen zu lesen oder zu verstehen – entweder weil die Platzierung nicht offensichtlich oder die Formulierung zu vage ist. Alle Fehlermeldungen müssen daher einfach sein und genau angeben, um welches Problem es sich handelt und wie es zu beheben ist. Entscheidend ist, dass jede Fehlermeldung eine klare Textbotschaft, die richtige Platzierung und ein gutes und einfaches visuelles Design hat.

Schon immer wichtig – jetzt erst recht

Die Corona-Krise hat das Bewusstsein für ein Thema geschärft, das eigentlich schon immer von großer Bedeutung war. Mit der vermehrten Nutzung von digitalen Angeboten wird die Notwendigkeit nun jedoch immer offensichtlicher, dass Apps und Webseiten für alle Menschen gleichermaßen zugänglich sein müssen. Wenn Entwicklerteams die bekannten Risikofelder beachten und kontinuierliches Feedback der Nutzer im Entwicklungsprozess berücksichtigen, können aber schnell wichtige Schritte in Richtung digitaler Barrierefreiheit getan werden.

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Froso Ellina, Product Design Managerin bei VMware Pivotal Labs, arbeitet seit über 12 Jahren mit einem Fokus auf Human-Centered Design für Kreativagenturen und Softwareunternehmen.
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