Perspektiven im digitalen Strukturwandel

Plötzlich konnten Kunden Dienstleistungen oder Waren nicht mehr persönlich beziehen. Mitarbeiter benötigten neue Wege, um auf Ressourcen zugreifen zu können. Und auch Bürger konnten viele Rechte und Pflichten nicht mehr ausüben, da Rathäuser und Bürgerämter geschlossen wurden. Das Resultat war die Akzeptanz von notwendiger Veränderung, und IT Teams, Entwickler, sowie Business-Administratoren haben weltweit mit diesem „Digitalisierungsding” begonnen.

Sascha Giese, der Autor dieses Gastbeitrags,ist als Head Geek am Hauptsitz der SolarWinds Software Germany GmbH in Berlin tätig (Bild: SolarWinds).

Dinge verfügbar gestalten

Die Theorie ist einfach: Was auch immer es ist, pack` ein Web-Interface drauf, mache Daten greifbar, von überall. Leider ist die Realität etwas komplizierter. Auf der technischen Seite müssen Experten mit vielen veralteten IT-Systemen kämpfen, von denen manche proprietäre Datenbanken oder Formate nutzen – und Papier. Viel Papier, gerade in Deutschland.

Schauen wir uns einmal eine typische Situation im Jahr 2019 an: Um einen Antrag einzureichen, musste man auf der Webseite eines beliebigen Amtes eine PDF-Datei herunterladen, ausdrucken, ausfüllen, unterschreiben, dann hat man es eingetütet und per Brief versendet. Beim Empfänger wurde das Dokument per Scanner digitalisiert und in einem virtuellen Ordner gespeichert. Häufig als Bild, weil OCR scheinbar noch nicht erfunden wurde.

Heute in 2020 ist alles besser: Man kann eine E-Mail mit PDF-Anhang senden. Die Antwort kommt dann immer noch als Brief. Stand der Digitalisierung: Stets bemüht. Selbstverständlich ist es nicht einfach, wenn man Sicherheit und Konformität im Auge behalten muss, und für den öffentlichen Sektor kommt noch der Bedarf einer Autorisierung dazu. Ich möchte schließlich auch nicht, dass sich mein Nachbar für mich ausgibt und eine Scheidung für mich einreicht.

Mitarbeiter der IT-Security haben ihre ganz eigenen Herausforderungen. Vormals war der Zugriff auf Ressourcen vorhersehbar und Anomalien deutlich. Nun muss alles 24/7 verfügbar sein und Mitarbeiter nutzen ähnliche Kommunikationswege wie Kunden, nur dass eine Gruppe auf vertrauliche Daten zugreift, und die andere eher weniger.

Wohin führt der Weg?

Tatsächlich haben wir einen Schritt in die korrekte Richtung getan, aber wir müssen sicherstellen, dass es nicht nur temporär oder eine Ausnahmeregel ist, sondern das Fundament für die Zukunft.

Auf Clouds blickt man blickt mit etwas mehr Vertrauen, und der Mangel daran ist der Hauptgrund für langsamere Adoption in internationalen Märkten. Selbstverständlich sind Clouds nicht das Licht am Ende des Tunnels, und nicht in jeder Situation sinnvoll. Aber sie können vielen Unternehmen beim weiteren Weg zur Digitalisierung helfen.

Es gibt viele Einzelhändler, die weiterhin Unterstützung bei der Web-Präsenz benötigen, und sie benötigen Hilfe bei simplen Aufgaben wie dem Aufsetzen eines Online-Shops, dem Erstellen einer Galerie oder auch nur einem Inventar, das nicht handschriftlich irgendwo abgelegt wurde. Manche sind schon etwas weiter, aber könnten von Automation im Bestellprozess profitieren.

Größere Organisationen müssen die Kommunikationswege zu ihren Kunden überdenken. Noch wird es weniger persönliche Treffen geben, und man wird Kunden oder Geschäftspartner nicht mehr einfach so zum Mittagessen zum Italiener um die Ecke einladen.

Einige Unternehmen sind in der Digitalisierung schon weit fortgeschritten und etabliert. Aber diese werden nun mehr Druck von Mitbewerbern spüren, der bisher noch nicht da war. Und wenn unterschiedliche Anbieter vergleichbare Waren oder Dienstleistungen zu ähnlichem Preis anbieten, sind sie für Kunden hauptsächlich über die Bequemlichkeit der Bezugsmöglichkeiten unterscheidbar. Diejenigen, die mir den einfachsten Weg zum Kauf anbieten, gewinnen mich als Kunden – das ist ziemlich einfach.

Was bedeutet es für die Technikexperten?

Die Pandemie war, und ist immer noch, ein Beschleuniger für die Digitalisierung, aber einer der vielen Nebeneffekte sind leider schrumpfende Budgets, welche dringend für Innovationen benötigt werden. Was also sollen IT-Teams tun? Sie müssen nach Wegen suchen, um mehr mit weniger zu realisieren. Das klingt nicht nach Spaß, sondern stellt eine echte Herausforderung dar. Es kann tatsächlich mehr Stress bedeuten, hauptsächlich jedoch für DevOps-Teams und Architekten von hochspezialisierten Lösungen, nicht so sehr für Netzwerk- oder Infrastruktur-Admins.

Die meisten Änderungen zu Routing und VPN-Zugriffen haben IT-Profis seit dem zweiten oder dritten Quartal in 2020 erledigt, um für viele Mitarbeiter Homeoffice-Arbeitsplätze zu schaffen, sodass nur noch kleinere Anpassungen nötig sind. Trotzdem müssen nun alle IT-Teams zusammenarbeiten, um schnell eingerichtete Provisorien zu permanenten Einrichtungen umzuformen. Das bedeutet auch, dass bestimmte Eigenheiten, die man im Moment noch akzeptiert, beseitigt werden müssen, um mehr Akzeptanz beim Nutzer zu schaffen.

Weitere Herausforderungen liegen darin, individuelle Arbeitsabläufe sowie die Produktivität eines ganzen Teams zu optimieren. Einzelne Mitarbeiter können unterstützende Technologien austesten, die vielleicht noch gar nicht oder nur unzureichend genutzt werden, wie zum Beispiel die Automation von Routine-Aufgaben. IT-Manager oder Direktoren können versuchen, Lösungen einzusetzen und Richtlinien zu ändern, um anderen Abteilungen mehr Befugnisse für IT-Aufgaben zu geben, wo es Sinn ergibt. Das kann helfen, um Arbeit sowie Verantwortung von der IT wegzubewegen.

Doch in vielen Fällen wird die weitere Transformation externe Unterstützung benötigen. Extern kann ein Mitarbeiter aus einer anderen Abteilung sein, beispielsweise ein Prozessanalyst, der bessere Übersicht darüber hat, welche Auswirkungen eine Veränderung beim Bestellprozess für das entsprechende Team hat.

Extern kann aber auch ein Dienstleister sein, welcher für ein komplexes Projekt angeheuert wird, das nach der Implementationsphase keinen speziellen Supportbedarf hat, wie etwa die Migration von Datensätzen auf eine andere Plattform.

Veränderung wird von der Gesellschaft angetrieben

Zuletzt ist es wichtig zu verstehen, dass Digitalisierung für uns als Gesellschaft von großer Wichtigkeit für Schnelligkeit und Anschluß ist. Viele von uns sind so an Onlineshopping gewöhnt, fast schon verwöhnt, sodass wir dieselben Erwartungen an andere Aspekte unseres Lebens knüpfen. Wir möchten alles, und zwar genau jetzt, und wir werden deshalb sehr schnell ungeduldig. Für ein Unternehmen bedeutet dies, dass unnötige Wartezeit dem Abwandern von Kunden zu Mitbewerbern gleichzusetzen ist.

Aber vielleicht sollten wir einen Gang herunterschalten und den Veränderungen Zeit geben, um sich zu entwickeln. Wenn uns 2020 eine Sache beibringt, dann ist es das Hervorheben von positiven Aspekten, und das betrifft jeden einzelnen von uns.

Anja Schmoll-Trautmann

Anja Schmoll-Trautmann berichtet seit 2001 vorrangig für ZDNet.de über aktuelle Entwicklungen im Bereich Consumer Electronics, Mobile und Peripherie. Seit 2012 beschäftigt sie sich auch für silicon.de immer wieder mit Business-Hardware, Digitalisierung und Markttrends.

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