Low Code-Markt boomt, aber Praxiseinsatz unbefriedigend

Glaubt man den Low-Code-Anbietern, könnten Low-Code-Plattformen ein Weg sein, dem IT-Fachkräftemangel ein Stück weit zu begegnen. Zumindest soll laut Gartner-Prognose der Low-Code-Markt 2023 um 20 Prozent auf 26,9 Milliarden US-Dollar wachsen. Low-Code-Application-Plattformen sollen davon fast zehn Milliarden US-Dollar ausmachen.

Für den Low-Code-Plattform-Anbieter Webcon liegen die Gründe für den Boom auf der Hand. „Low-Code-Plattformen versprechen als solche, fehlende IT-Fachkräfte bei der Anwendungsentwicklung zu ersetzen“, so Philipp Erdkönig, Consultant bei Webcon. „Über simple Drag-and-Drop-Mechanismen sollen demnach mit Low-Code-/No-Code-Plattformen auch Anwender ohne Fachkenntnisse ausführen können, was früher eine Programmierung erforderte.” In der Praxis sieht es aber anders aus. Laut einer von der CIMI Corporation durchgeführten Untersuchung scheitern 54 Prozent der Low-Code-Projekte innerhalb des ersten Jahres ihrer Laufzeit, weitere 28 Prozent erzielen nur marginale Ergebnisse.

Erdkönig empfiehlt daher Unternehmen, auf folgenden Trends zu achten:

Skalierung der Low-Code-Entwicklung

Laut einer Foundry Studie aus dem Jahr 2022 haben heute bereits 38 Prozent der Unternehmen ein Low-Code-Tool im Einsatz. Die meisten von ihnen konnten zwar schrittweise Verbesserungen, aber keine radikalen Veränderungen feststellen.

„Ein Problem ist oft, dass Unternehmen jede Anwendung wie eine Maßanfertigung behandeln und zu viel Zeit auf Details verwenden, vor allem bei der GUI-Gestaltung. Diese sind für die Effizienz von intern verwendeten Anwendungen irrelevant und führen im Endeffekt dazu, dass mit Verwendung dutzender Apps die UX leidet – denn jede Anwendung sieht dann anders aus und folgt einem anderen Bedien-Ansatz“, so Erdkönig.

Um viele Anwendungen im Sinne einer Hyperautomatisierung produzieren und skalieren zu können, ist im Wesentlichen ein Application-Factory-Ansatz gefragt, der die Personalisierung einschränkt und dafür stark auf Standarisierung setzt sowie die Wiederverwendung von Applikationen fördert. Dazu braucht es Low-Code-Plattformen, die den Ansprüchen an eine App-Fabrik gerecht werden: Verlässlichkeit, Skalierbarkeit und ein umfangreiches Standard-Toolset.

Umdenken beim Citizen Development

Es birgt einige Risiken, von Mitarbeitern zu verlangen, ihre reguläre Arbeit für die Entwicklung ihrer eigenen Anwendungen zu unterbrechen und sie so zu Mini-IT-Managern zu machen: Es fehlen ihnen Zeit und Wissen für die Entwicklung.

Wenn Applikationen mithilfe von Citizen Development umgesetzt werden, weisen sie dann meist mehrere Nachteile auf: Viele dieser Anwendungen entstehen, um einen einzelnen Mitarbeiter bei seiner Arbeit zu entlasten. Siesind daher nicht skalierbar und blenden den Kontext mit den Arbeitsabläufen des gesamten Unternehmens aus, es entstehen Prozess- und Informationsbrüche. Wenn von einem Mitarbeiter gebaute Apps dann doch von einem größeren Anwenderkreis genutzt werden, findet sich dieser bald in der Rolle eines Anwendungs-Admin wieder, der mit Change Requests und Fehlerbehebungen konfrontiert wird, wofür er neben seiner eigenen Tätigkeit meist keine Zeit hat. Scheidet der Mitarbeiter dann auch noch aus dem Unternehmen aus, verwaisen die von ihm entwickelten Apps oft oder müssen mit großem Aufwand in die Betreuung durch die IT-Abteilung übernommen werden. Weder die IT-Abteilung noch die Endanwender aus den Fachbereichen haben damit etwas von der Digitalisierung.

„Was besser zu funktionieren scheint, ist ein “Unite & Conquer”-Ansatz, bei dem Citizen Developer mit professionellen Entwicklern zusammenarbeiten, ihre Stärken bündeln und die Verantwortung teilen“, so Erdkönig. „Das sogenannte Citizen-assisted Development fokussiert sich daher auf die effiziente Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Citizen Developern und IT. In Verbindung mit Low-Code-Entwicklung unterstützt dieser Ansatz Unternehmen dabei, massenweise Anwendungen zu entwickeln, die binnen kurzer Zeit zur Verfügung stehen und somit schnell Mehrwerte schaffen. Durch den stetigen Dialog und die Flexibilität guter Low-Code-Plattformen ist gewährleistet, dass die ausgelieferten Anwendungen stets den aktuellen Anforderungen der Mitarbeiter entsprechen. Da die IT für Umsetzung und Betrieb verantwortlich ist, ist garantiert, dass Anwendungen professionell, gemäß Unternehmensstandards, entwickelt sind und sich skalieren sowie leicht in den Firmenalltag und die bestehende IT-Landschaft integrieren lassen.“

Realitäts-Check in Sachen Automatisierung

„Viele Unternehmen erhoffen sich von Tools zur robotergestützten Prozessautomatisierung (RPA) die Automatisierung und Digitalisierung ganzer Unternehmensprozesse. Deswegen ist die Nutzung solcher Tools auch in den letzten Jahren stark angestiegen. Sie vergessen dabei aber, dass RPA-Tools nur dazu geeignet sind, einzelne grundlegende, sich wiederholende Aufgaben zu automatisieren – keine vollständigen Prozesse aus mehreren, sich bedingenden Aufgaben; und schon gar keine geschäftskritischen Vorgänge“, so Erdkönig.

Bei einem großen Teil der Automatisierungsbemühungen hat dies entsprechend in den vergangenen Jahren zu gut automatisierten Aufgaben geführt, die in der Summe aber einen verbesserungsbedürftigen Prozess ergeben. Analysten werden deshalb im Jahr 2023 Zeit in die Anwendung eines Modells zum Geschäftsprozessmanagement investieren, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Business-Process-Management-Plattformen (BPM) erleichtern die Einrichtung eines einheitlichen digitalen Arbeitsplatzes und die umsichtige Verbesserung von Prozessen, indem sie die Realisierung der Pace-Layered Application Strategy nach Gartner ermöglichen sowie dem BPM eine workflowbasierte Ebene hinzufügen.

So können Verantwortliche andere interne Systeme, beispielsweise ERP oder CRM, in die BPM-Lösung integrieren und erhalten dadurch ein klares Verständnis über die bestehenden Prozesse. Gleichzeitig sehen sie, welche Änderungen noch vorgenommen werden müssen, können Arbeitsabläufe klar identifizieren, Möglichkeiten zur Rationalisierung aufzeigen, Best Practices in die Tat umsetzen und dabei sicherstellen, dass Compliance-Anforderungen stets erfüllt werden.

Roger Homrich

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