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Behörden kämpfen um ihre digitale Unabhängigkeit

Den meisten Behörden in Deutschland ist bewusst, wie wichtig digitale Souveränität ist. Dennoch bestehen in der öffentlichen Verwaltung teilweise kritische Abhängigkeiten gegenüber einzelnen Technologieanbietern, wie eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt. Dabei gibt es durchaus Lösungen, mit denen Behörden ihre Unabhängigkeit sicherstellen können.

Für den „Branchenkompass Public Sector – Effizienz in der Verwaltung“ hat das Forsa-Institut Entscheider aus über 100 deutschen Bundes-, Landes- und Kommunalverwaltungen zu verschiedenen Verwaltungsprozessen befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Behörden und andere öffentliche Einrichtungen weiterhin von externen IT-Dienstleistern anhängig sind. Dies gilt für nahezu alle Einrichtungen, wobei kleinere Verwaltungseinheiten wie Kommunen tendenziell noch etwas stärker betroffen sind als beispielsweise Bundesbehörden.

Manche Kommunen besitzen nur geringe interne Kapazitäten und beziehen ihre IT-Dienstleistungen teils sogar nur von einem einzigen Anbieter. Entsprechend hoch ist in diesen Fällen die digitale Abhängigkeit. Das gilt für mögliche Systemausfälle, aber auch für die zukünftige Preis- und Unternehmensstrategie der jeweiligen Anbieter, die sich der eigenen Kontrolle entzieht. Wird ein Produkt plötzlich deutlich teurer, nicht mehr mit den notwendigen Sicherheitsupdates versorgt oder gar nicht mehr angeboten, steht die Behörde vor einem großen Problem. Auch kann es vorkommen, dass plötzlich nur noch eine Cloud-Speicherung angeboten wird, sodass selbst sensible Daten fortan bei einem privaten Anbieter gespeichert werden müssten, selbst wenn dieser nicht die europäischen Datenschutzbestimmungen erfüllt.

Abhängigkeit von externen Dienstleistern ist großes Problem

Auf die Frage, welche Faktoren die digitale Souveränität ihrer Verwaltung einschränken, gab rund die Hälfte aller Teilnehmer der Forsa-Umfrage die Nutzung ausländischer Cloud-Services an. In diesem Fall ist das Problem bei Landes- und Bundesbehörden (50 Prozent) sogar größer als bei den Kommunen (42 Prozent). Generell ist die Abhängigkeit von IT-Dienstleistern bei den Kommunen allerdings noch ein wenig höher als bei den Landes- und Bundesbehörden. Mit 58 bzw. 54 Prozent ist der Unterschied allerdings nicht groß. Letztlich bedeutet dies, dass mehr als die Hälfte aller Verwaltungen in Deutschland die Abhängigkeit von externen Anbietern als großes Problem ansehen.

Bundesagentur für Arbeit entwickelt Software für kritische Prozesse selbst

Wie die Forsa-Umfrage belegt, ist sich ein großer Teil der Verwaltungen durchaus bewusst, wie wichtig digitale Souveränität ist. Dazu gehört auch die Bundesagentur für Arbeit. „Wir wollen so weit wie möglich unabhängig von einzelnen IT-Dienstleistern sein“, sagt Dr. Markus Schmitz, CIO der Bundesagentur für Arbeit. „Unter diesem Aspekt stellen wir uns regelmäßig die Frage, ob wir eine Anwendung selbst entwickeln oder als Standardsoftware zukaufen wollen. Software für kritische Prozesse wie die Bearbeitung von Kurzarbeitergeld entwickeln wir selbst.“ Bei manchen Kernprozessen könnte die Bundesagentur zwar alternativ auch Standardsoftware verwenden, „doch individuelle Anpassungen sind teilweise so teuer, dass sich die Selbstentwicklung für uns lohnt“, erklärt Schmitz.

Mit quelloffenen Lösungen zur digitalen Souveränität

Um nicht länger abhängig zu sein von US-Konzernen und anderen privaten Anbietern, setzen immer mehr Behörden wie auch Unternehmen auf quelloffene Lösungen. Im Gegensatz zu urheberrechtlich geschützter Software haben die Nutzer von Open-Source-basierten Systemen jederzeit die Kontrolle über sämtliche Daten und Prozesse, weil die Standards, Schnittstellen und Algorithmen den intern Verantwortlichen bekannt sind – und kein Unternehmensgeheimnis wie bei Microsoft & Co. „Bei quelloffener Software kann jede einzelne Software-Zeile von internen IT-Experten überprüft werden, sodass die Behörden die Sicherheit über ihre Systeme und damit auch über die Daten ihrer Kunden, Bürger und Mitarbeiter selbst bestimmen und kontrollieren können“, sagt Vittorio Bertola vom deutschen Open-Source-Spezialisten Open-Xchange.

Keine Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern

Zudem können in der Verwaltung eingesetzte Open-Source-Lösungen leichter auf die individuellen Begebenheiten und Ansprüche angepasst werden. Denn mit Open-Source lässt sich ein Best-of-Breed-Ansatz verfolgen, bei dem die für den jeweiligen Einsatzzweck am besten geeigneten Module und Lösungen gezielt ausgesucht und miteinander kombiniert werden können. „Wir haben uns auf die Bereiche E-Mail, Kalender und Kontakte spezialisiert, während andere Open-Source-Lösungsanbieter sich beispielsweise auf die Speicherung von Daten oder Video-Calls fokussieren“, erklärt Bertola. Bei Bedarf wird dann gemeinsam mit den anderen Anbietern eine ganzheitliche Lösung erstellt.

Eine Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen ist damit also ausgeschlossen – auch weil nötigenfalls zu einem alternativen Anbieter für den jeweiligen Bereich gewechselt werden kann. „Bei Open Source liegt die Entscheidungsgewalt und damit die Kontrolle eben nicht bei uns als Anbieter, sondern ganz beim Anwender“, so Bertola. Deshalb biete Open Source allen öffentlichen Einrichtungen die Chance, tatsächlich digital unabhängig zu werden.

Roger Homrich

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