Die Krise als Chance

Was ist ein Brand Discovery ?
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ZWANG, ZWECK, OPTIMISMUS.
In der Regel geht es schnell. Kaum sind die elendigen Folgen einer wie auch immer benannten Krise durch die Register betroffener Branchen dekliniert, folgt zügig die gute Nachricht: Hurra! Die Krise ist eine Chance! Da sind sich Feuilletonisten, Analysten, Philosophen, Soziologen, Influencer, Theologen und »Zeit«-Geister ausnahmsweise einig.

Obwohl: Manche unter ihnen sind sich in Texten und Talkrunden am Ende doch auch wieder nicht so ganz sicher… – und formulieren ihre unausgesprochenen Restzweifel dann im Imperativ: »Wir müssen diese Krise als Chance begreifen!«

MÜSSEN WIR DAS?

Weil uns gar nichts anderes übrig bleibt? Wollen wir das, weil das soziale und marktwirtschaftliche Miteinander die permanente Bereithaltung eines Maßnahmenkatalogs erfordert? Die Illusion, aus allem etwas machen zu können, ist mehr als systemrelevant, sie ist systemimmanent. Das Vertrauen auf eine Lehre, die sich ziehen, auf eine Maßnahme, die sich ergreifen lässt, ist quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche unerschütterlich. Folglich wäre ein gesellschaftlicher Leistungs- und (somit auch) Hoffnungsträger, der vor Belegschaft, Aktionäre, Kunden oder Öffentlichkeit tritt, schlecht beraten, wenn er außer »Also ich sehe schwarz!« nichts zu sagen hätte.

SEHNSUCHT ODER ZUKUNFT?

Selbst aus volkswirtschaftlichen, politischen und sozialen Krisen oder Schieflagen einen Mehrwert zu generieren, ist dabei weniger hohe Kunst von Staats- und Wirtschaftslenkern, die man in das Durchhalteparolen-Regal mit der Aufschrift »dem Kapitalismus geschuldet« räumen könnte. Sie ist schlicht Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Handlungsfreiheit und Zukunft. Hierzulande trägt dieses Streben den schönen Namen »Hoffnung«. Und die stirbt bekanntlich zuletzt.

Müssen wir darob verzweifeln und alle positiven Krisenmehrwertsprognosen als Selbsterhaltungsopium enttarnen? Uns ärgern, dass wir einmal mehr vom und mit System gefoppt werden? Sicher nicht. Schauen wir uns einige der frohen Botschaften an – und entspannen uns. Denn es gibt ihn tatsächlich, den aus der Krise zu generierenden Mehrwert, man muss ihn nur finden.

Natürlich wollen wir es uns nicht zu einfach machen und den Erfolg dort suchen, wo der Lockdown ihn direkt selbst erzeugte, etwa im Onlinehandel. Oder nun gerade in der, naja, sagen wir flachhumorig mal … in der Mund-Nasen-Masken-Produktion.

KREATIVE BÜHNE.

Reizvoller ist die Suche daher in Bereichen, die durch Schließungen massiv betroffen sind. Wo Händler, Gastronomen und Kunden auf unterschiedlichen Seiten verschlossener Türen standen oder noch stehen. Dort, wo keine noch so gut erdachte und gemeinte Idee auch nur annähernd in der Lage ist, online und digital aufzufangen, was analog nicht in Auftragsbüchern und Kassen ist. Reden wir von Branchen, deren Geschäft ein Greifbares ist, eines, das von Sehen, Tasten, Schmecken, von Haptik und Live-Erlebnischarakter lebt. Reden wir besser von etwas, an das nach Fluglinien, Hotellerie, Autoindustrie und vielem anderen mehr erst in siebter oder achter Linie gedacht wird. Reden wir vom Wahren, Schönen, Guten – von der Kunst.

Regt sich im Handel und in Schulen längst wieder Leben, profitiert das kulturelle Leben als letztes und weniger von Lockerungen. Wenn Kulturveranstaltungen überhaupt stattfinden dürfen, sind sie zahlenmäßig weitaus stärker beschränkt als etwa die Gastronomie. Theater und Konzertsäle sind zu, die Hochkultur-Klientel gehört überwiegend nicht zu den Digital Natives. Theater im Fernsehen oder gar im Internet geht eigentlich gar nicht. Und doch ist auffallend, dass sich die Bühnen im Netz als extrem kreativ erweisen, wenn es um neue Formate geht, die über Trailer, Spielplanbewerbung und Künstlerporträts hinausgehen.

PRÄSENZ UND MANKO.

Überfällig regt sich daher ein konstruktiver Kulturpessimismus, der sich gegen die Überzeugung wendet, Kultur zum verzichtbaren Unterhaltungsgegenstand herabzustufen, die in der aktuellen Krise allenfalls nachgeordnet Beachtung findet. Vergessen wird dabei, dass Kultur ein unverzichtbares Resonanzmedium ist. Und zwar in der ganzen Bandbreite, vom hochsubventionierten Staatskulturbetrieb, bis zur Kleinkunst oder der Freien Szene. Unabhängig von der Institutionsgröße sind Initiativen gefragt, die die Resonanzkraft belegen und den Betrieb aufrechterhalten. Auch die hier ausgewählten Beispiele sind fraglos nicht in der Lage, das Präsenz-und Kassenmanko aufzufangen. Nutzlos sind sie dennoch nicht.

THEATER IN DEN KINOCHARTS.

Beginnen wir mit den als elitär, weil hochpreisig verschrienen Salzburger Festspielen. Im eigentlich groß zu feiernden 100. Jahr ihres Bestehens haben sie unter aufwendigen und kostspieligen Sicherheitsvorkehrungen immerhin stattgefunden. Und verzeichnen ein eklatantes Plus – beileibe kein finanzielles, aber eines in Sachen Aufmerksamkeit. Noch nie waren die Zuschauerquoten der unterschiedlichen TV-Übertragungen so hoch. Außerdem wurden zeitversetzt Veranstaltungen auf der Festspiel-Homepage gestreamt. Mehr noch: Erstmals wurden auch Vorstellungen (die Strauss-Oper »Elektra« und der Schauspiel-Klassiker »Jedermann«) live in österreichische, deutsche und russische Kinosäle übertragen und schafften es – trotz Abstandsregeln – gar in die Kinocharts.

FINDE DEN MEHRWERT!

Anders ging die renommierte Ruhrtriennale, ein Festival, das jedes Jahr zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler einlädt, die monumentale Industriearchitektur der Metropolregion Rhein-Ruhr zu bespielen, mit dem Mangel um. Zwangsläufig, denn das Festival wurde Covid-19-bedingt abgesagt. Hallen, Kokereien, Maschinenhäuser, Halden und Brachen des Bergbaus und der Stahlindustrie waren nun keine Spielorte für Kunst an den Schnittstellen von Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Performance und Bildender Kunst. Stattdessen regiert dort nun wieder der altbekannte Leerstand. Darin, diesen zu verwalten, ja zu bespielen, sahen die Veranstalter eine zündende Idee: Die Ruhrtriennale 2020 lud mit einer digitalen Sammlung von Stimmen ursprünglich eingeladener Künstlerinnen und Künstler zu einem »Archiv der verlorenen Ereignisse 2020«. In einer Vielzahl von Video-, Audio- und Textbeiträgen, einer Art digitales Magazin, stellten Kunstschaffende Arbeiten, die für die Ruhrtriennale geplant waren, in den Mittelpunkt und machten damit Veränderungen ihrer Inhalte und Arbeitsweisen durch die Pandemie sichtbar. Das ersetzt das Festival nicht, zeigt aber auch einem Publikum ohne Eintrittskarten künstlerische Aspekte, die es sonst nicht erfahren hätte.

VIRTUELLE KUNSTMESSE.

Blicken wir auf die Bildende Kunst. Der Mannheimer Galerist Johann Schulz-Sobez veranstaltete in seiner Prince House Gallery die »Artfair Mannheim«, eine virtuelle Kunstmesse, die es so noch nicht gab. Neben 800 Exponaten und übertragenen Live-Gesprächen im virtuellen Auditorium konnten Kunstinteressierte in Chats direkt mit Künstlern und Galeristen reden. Freilich, das Haptische kommt dabei zu kurz. Bildende Kunst bietet sonst eine sehr analoge Kulturbegegnung. Dass eine virtuelle Kunstmesse kein Ersatz für eine physische Messe ist, weiß auch Galerist Schulz-Sobez, verweist aber durchaus darauf, dass Instagram-Likes längst in der Lage sind, den Wert von Kunstwerken zu steigern. Digitale Formate spielen in der Zukunft eine größere Rolle und brechen die Konventionen des Kunstmarkts auf. Den Fokus (im Rahmen eines Krisenmanagements) daher schon jetzt auf Mitgestaltung und Interaktivität zu legen, scheint ein guter Plan zu sein. Mehr Umsatz bringt das zunächst nicht, weiß der Galerist. Anlass seiner ungewöhnlichen Aktion war daher weniger ein Wettbewerbsgedanke als der Impuls, durch Synergien einen Mehrwert zu stiften.

TANZ IM NETZ.

Es geht auch mit weniger Hochkultur, mehr Mainstream – und noch mehr Mitmachen: Der Stuttgarter Tänzer und Choreograph Eric Gauthier hat für »bwegt«, die Mobilitätsmarke des baden-württembergischen Verkehrsministeriums, zehn niedrigschwellige Tanzvideos gedreht und während des Corona-Lockdowns Hunderttausende dazu gebracht, bei »Erics Tanztee« in Wohnzimmern oder auf Terrassen Salsa, Rumba und Cha-Cha-Cha zu tanzen.

Über 1,5 Millionen Menschen haben die Videos über YouTube und Facebook abgerufen und so »Erics Tanztee« zu einem der erfolgreichsten Social-Media-Projekte eines Choreographen in Deutschland gemacht. Live-Besucher in das Theaterhaus Stuttgart hat das heimische Mitmachvergnügen der Gauthier Dance Company zunächst keine gebracht. Die Krise ist eine Krise und ein Mangel bleibt ein Mangel, aber einen Chancen-Mehrwert hat der künstlerische Leiter Eric Gauthier seiner Compagnie dennoch generiert: durch gesteigerte Popularität, einen höheren Wiedererkennungswert – und als gesponserter Werbeträger des baden-württembergischen Verkehrsministeriums.

DAS MEHR DES WENIGERS.

Wir müssen die Krise nicht als Chance begreifen. Man braucht sie sich weder schön reden, noch schön rechnen. Und nein, weniger ist nicht mehr. Aber gleichwohl als Ansporn für neue Formate und Formen außerhalb unseres jeweiligen Business as usual ist die Krise immerhin nutzbar. Jetzt ist die Zeit für individuelle Lösungen, für kreative Ausbrüche aus dem Üblichen. Und auch höchste Zeit, sich für eine digitale Zukunft zu rüsten. Wie der Blick auf die Kunst zeigt: Auch »Produkte« und Branchen, die sich online immer noch ein wenig fremd fühlen, die auf Live-Performance, persönlichen Kundenkontakt, Haptik und körperliche Erfahrbarkeit setzen, haben erhöhte Chancen auf Profits, wenn sie ihre Formate erweitern, ihren Online-Auftritt neu denken – und Beratung durch Spezialisten suchen.

Nicht nur in Sachen analoger Kunst bleibt Gewissheit, dass digitaler Einsatz kein Ersatz und keine vollwertige Kompensation sein kann. Aber die kreativen Maßnahmen des Anstatts ermöglichen durchaus ein kleines bisschen Mehr im Weniger: es kann persönlicher, emotionaler, kleinteiliger und privater… und somit auch machbarer sein. Und Machbarkeit ist nicht wenig, sagte die Hoffnung…

ÜBER RALF-CARL LANGHALS.

Ralf-Carl Langhals studierte lange rat- und erfolglos Jura. Dass dieser Studiengang den Geisteswissenschaften zugerechnet wird, will ihm bis heute nicht wirklich einleuchten. Bei Germanistik und Romanistik gelang ihm das schon besser. Verfeinert durch Theater- und Musikwissenschaft arbeitete er nach Studien in Mannheim, Berlin und Nizza als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theatern. Schließlich wechselte er die Seiten des Vorhangs und schrieb von nun an als freier Theaterkritiker unter anderem für den SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau oder Theater der Zeit. Die Quadratur des Kreises gelang ihm nicht, doch da der überzeugte Kurpfälzer immer wieder um die Quadrate kreiste, fasste er 2006 als Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen Fuß, wo er für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance zuständig ist.

Autor: RALF-CARL LANGHALS

Artikel 43: Zwangsjacke oder Zaubermantel?

 ZWANGSJACKE ODER ZAUBERMANTEL?

Der neue Lockdown – egal, ob man ihn light, fluffy oder easy nennt – zerschmettert endgültig das gewohnte Verhältnis zwischen dem Ich und zur digitalen Welt. Im ersten deutschen Corona-Frühjahr 2020 waren wir wie in einem riesigen Sozialexperiment über Nacht auf einmal zum Großteil von der analogen Welt abgeklemmt. Und mussten die meisten Lebensbereiche mithilfe von digitalen Strategien neu meistern: Job, Privatleben, Haushaltsführung, Gesundheit. Bei vielen Menschen ging das erstaunlich gut, manche stürzten sich gar euphorisch in das digitale Bad.

Denn wir sahen, was möglich ist, aus dem Zwang geboren. Die Art des Wirtschaftens und Lernens änderte sich innerhalb weniger Wochen. Und bei aller Angst und allem Schrecken war – geben wir es doch zu – auch ein wenig Honeymoon dabei: Hey, lass uns auf Zoom Wein trinken! Neuer Laptop! Endlich keine ewigen Staus am Weg ins Büro! Facetime-Orgien mit Freunden in den USA! Für das Budget von Theater und Kino endlich mal alle Lieferdienste ausprobiert!

DER ZAUBER DES ERSTEN DIGITALEN VOLLBADS IST VORBEI.

Doch der Zauber des Anfangs, der neuen Stufen des Lebens innewohnt, ist vorbei. Wir haben das Leben in einer weiteren Pandemie-Phase begonnen, in der auch unser Verhältnis zur digitalen Welt ein anderes sein wird. Und wer weiß schon, wie viele weitere Lockdowns noch folgen werden. Exit Honeymoon. Auftritt Alltag. Und mit dem Alltag die Langweile, Enge und das Gefühl: »Ich will mich scheiden lassen!«. Aber das geht eben nicht, weil Corona so etwas ist wie eine Zwangsehe. Die leider nicht nur eine Pandemie ist, sondern eine Syndemie: eine Krise in Wirtschaft, Bildung und Gesundheitsbereich zugleich. Und so werden wir in der digitalen Welt for better and for worse leben. Auf und ab, ab und auf: Wir werden uns an das immer wiederkehrende Fade Out von analoger Welt und das Rauffahren von Digitalleben gewöhnen müssen. Ständig hin und her switchen zwischen Teams-Unterricht und Echtzeit-Schule, Zoom-Meetings als Zeichen von corporate responsibility und Teambuilding im Freien als Einstiegshilfe für neue Mitglieder in Unternehmensabteilungen.

Aber was passiert, wenn die digitale Welt nicht mehr eine angenehme Cloud um uns ist, sondern vielmehr eine Zwangsjacke? Vor Corona war das Verhältnis zwischen digitaler Bubble und analoger Welt eines, das wir mehr oder weniger steuern konnten: Wir recherchierten die Mauritius-Reise am iPad und reisten dann dahin. In diesen Tagen recherchieren wir Mauritius am iPad und reisen dann am iPad. Liegen dabei im Bett in Deutschland und trinken Lindenblütentee statt Sex on the Beach – und klicken uns zwischendurch durch die Angebote von Maskenherstellern mit Camouflage-Prints. Die Welt wird klein, auch wenn unser digitales Universum unendlich ist. Physisch aber laufen wir ständig gegen Wände.

MEDIZINER UNTERSUCHEN PANDEMIE-STRESS.

Doch wie viel digitales Leben hält die Seele aus, wenn durch die Corona-Pandemie viele Menschen sowieso schon verunsichert sind? »Die gesellschaftlichen Konsequenzen der Pandemie können aktuell noch gar nicht geschätzt werden«, sagt Marco Schmeding, Chefarzt der Dr. Becker Rehaklinik in Norddeich/Mole. Denn eine solche Situation ist für Deutschland in den letzten Jahrzehnten ohne Vergleich. Bundeskanzlerin Angela Merkel – eher bekannt für ihre nüchterne Art – sagte am Beginn der Pandemie: »Vor uns liegt eine Herausforderung vergleichbar mit den Kriegsgeschehen in Deutschland.« Wir wissen, dass Epidemien und Pandemien wie die spanische Grippe 1918, die Ebolafieber-Epidemie 2014 – 2016 und die Katastrophen von Tschernobyl 1986 oder von Fukushima 2011 weltweit zu ausgeprägten psychophysischen Belastungen geführt haben. So werteten etwa Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover eine im April 2020 gestartete Umfrage aus und sahen Belege für eine deutliche mentale Belastung mit einem Anstieg von Stress, Angst, depressiven Symptomen, Schlafproblemen, Reizbarkeit und Aggression sowie Zunahme von verbaler, körperlicher und sexueller Gewalt. »Die Menschen fühlen sich in ihrem Selbstwirksamkeitserleben stark beeinträchtigt, soziale Bindungen sind belastet oder gar zerbrochen«, sagt der Arzt und Psychotherapeut Schmeding. »Zum Glück sind Menschen solchen schicksalhaften Ereignissen nicht passiv ausgesetzt. Sie können etwas dagegen tun. Ihr Leben und ihr Glück in die Hand nehmen«, erklärt Marco Schmeding.

DIE GRENZEN DES DIGITALEN HANDELNS.

In der FAS-Ausgabe vom 8. November 2020 berichteten auch Berliner Spitzenpolitiker über die Schwierigkeiten, digital zu arbeiten und Politik zu machen: Der Kontakt zu den Menschen im Wahlkreis fehle, vor allem der positive Streit in Parteigremien. Weil man einander auf Zoom eben nicht gleichzeitig ins Wort fallen kann, der Rhythmus von Verhandlungen sich verändert, spontane Witze nicht wie in einer analogen Runde mit dem Blick in Gesichter auf ihre Wirkung geprüft werden können, wenn manche Ton oder Kamera ausgeschaltet haben. Denn auch geistige Arbeit hat mit Nähe zu tun. Komplexe Verhandlungen können so körperlich sein wie ein Ringkampf und werden idealerweise mit allen Sinnen ausgetragen. Wie wohl der Wahlkampf für die Bundestagswahl im September 2021 werden wird? Hände schütteln, Diskutieren am Marktplatz, gemeinsame Selfies? Es geht um Gefühl und Gemeinschaft. Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, gab unlängst zu, dass bei digitalen Konferenzen vor allem das Entscheidende fehlt: die Pausen. Weil da die Musik in informellen Gesprächen spielt.

WIE NUTZEN WIR DIE KRISE POSITIV?

Das Positive, das viele Führungskräfte in den vergangenen Monaten gelernt haben: Weniger Reisen spart Kraft und Zeit. Oder wie die CSU-Staatsministerin für Digitalisierung sagt: »Ich muss nicht mehr für jedes Grußwort 300 Kilometer fahren.« Dorothee Bär meint: »Vorher hatten wir 95 Prozent analog und 5 digital. Jetzt haben wir 95 Prozent digital und 5 analog. Auf Dauer wär’s schön, wenn das Verhältnis 50 zu 50 wär.«

Wir brauchen neue Lebens-Konzepte und Post-Corona-Konzepte, die für die berühmte »Zeit danach« gelten, gleich dazu. Denn so seltsam es klingt: Die Corona-Krise kann auch eine Lehrmeisterin sein. Eine gute. Ein Lebenscoach. Denn sie zwingt jede und jeden von uns, sich mit den Kernfragen des Lebens auseinanderzusetzen: Was brauche ich wirklich? Was macht mich glücklich? Wovor habe ich Angst? Habe ich Kräfte in mir, die helfen, an schwierigen Wendepunkten weiter zu gehen? Ein Trost ist: Die Covid-19-Pandemie ist auch eine große Gleichmacherin, denn das Virus befällt sich potent gebende Staatslenker genauso wie Menschen auf der Straße. Für viele Menschen ist auch die Zeit, sich zu fragen: Mache ich etwas ganz Neues? So wird aus dem arbeitslosen Opernagenten ein internationaler Vertriebsmanager für Gesundheitsprodukte, ein Familienvater stellt seine Coachings zur Hälfte auf Online-Trainings um, neue Wohnformen zwischen Single-Freunden entstehen, weil Menschen merken, wie wichtig körperliche Nähe sein kann.

DER NEUE DIGITAL-KNIGGE FÜR UNS SELBST UND ANDERE.

»Berufliches Beziehungsmanagement ist in diesen Zeiten wichtiger als je zuvor – denn das digitale Arbeiten nimmt uns viel, was uns gut tut, auch im Geschäft«, sagt die Unternehmensberaterin Christiane Gräfin Matuschka, die in diesen Tagen als Coach viele deutsche Firmen online berät. »Es hilft allen, wenn man als digital worker grundsätzlich nicht mit T-Shirt und Jogginghose im Home-Office sitzt, egal ob man ein Online-Meeting hat oder nicht«, rät sie. »Wenn wir arbeiten, spielen wir eine andere Rolle als die des Privatmenschen, wir üben Funktionen und auch Macht aus. Gehen Sie so ins Online-Büro, wie Sie auch ins reale Büro gehen«. Matuschka appelliert dazu an ihre Kunden, sich bewusst bei Themen wie digitalem Moderieren und Auftreten weiterzubilden. »Bei Online-Meetings ist es für viele Menschen schwieriger, ihre Botschaften rüberzubringen, denn man hat sowohl nur ein kleines Zeitfenster, als auch ein begrenztes Bildschirmfenster für den Auftritt.« So sei es wichtig, Blickkontakt, Gestik der Hände und auch Farbe der Kleidung als helles oder leuchtendes Feld einzusetzen. Wichtig sind zudem eine vorteilhafte Beleuchtung und ein sympathisch wirkender Hintergrund.

DAS A UND O IM ONLINE-JOB: GUTE VORBEREITUNG.

Eine gute Vorbereitung bei Online-Meetings hält die Expertin für noch wichtiger als bei realen Konferenzen, da es auch nach Monaten Training oft technische Störfaktoren gibt. »Man sollte fähig sein, seine Kompetenzen sofort in Manege zu werfen und klar zu machen, was man kann.« Fahrplan für jede Sitzung: Anmoderation, Überleitungen zwischen Beiträgen, Präsentation, klare Statements ohne langes Schwafeln, Fragerunde, Abmoderation. »Im Idealfall sollten wir das wie Radiomoderatoren üben, die sind gute Vorbilder. Keine Ähs und Äms, gute Tonlage, auf den Punkt kommen, sich nicht in den Vordergrund spielen«, sagt sie. Gerade Führungskräfte sollten bei Online-Meetings Orientierung geben und das vorleben. Ihrer Erfahrung nach ist folgende Erkenntnis für die nächsten Monate wichtig: »Es sieht so leicht aus, digital zu arbeiten – aber wir haben jeden Tag einen anderen Tagesablauf, springen zwischen Online-Tools hin und her, dazu fehlen die Anfahrten zum Arbeitsplatz oder Konferenzen, bei denen wir uns innerlich auf die Treffen vorbereiten.« Und weniger ist mehr: »Wenn man im Stundenrhythmus Online-Konferenzen hat, ist dieses Sprechen auf den Punkt sehr anstrengend, vor allem, wenn die Organisatoren nicht beachten, dass nach 45 Minuten eigentlich die Konzentration vieler in den Keller fällt.«

DIE DIGITALE VISITENKARTE.

Firmen und Selbstständigen rät Matuschka, sich bewusst ein Online-Profil herauszuarbeiten. »Wir können uns wie eine Marke, ein eigenes Brand betrachten, für das wir uns in der digitalen Welt ein klares Auftreten geben.« Das Ziel ist, eine wiedererkennbare, positiv besetzte Personenmarke zu sein. »In dem Moment, wo ich als Person online auf einem anderen Bildschirm erscheine, trete ich in die Welt von zig anderen Leuten ein und bin im Idealfall mit einer Bildschirm-Strahlkraft sofort nahbar und authentisch und kann kommunizieren.« Das ist wichtig, gerade weil der Bildschirm im Gegensatz zum analogen Leben nur zweidimensional ist. »Wenn es nicht gut läuft, ist es schwieriger, in einem Team Nähe und Sympathie aufzubauen und die anderen können sich halb ausklinken.« Dazu gehört auch der Respekt gegenüber den anderen: Achtsam mit der Zuhörzeit der Kollegen oder Kunden umgehen, Pausen machen.

IHR UNTERSCHÄTZT DIE DIGITALE WELT!

Gerade in Pandemie-Zeiten, in denen manche Unternehmen Budgets drastisch kürzen, sieht die Beraterin die Investition in Personal und Organisationsentwicklung als essenziell: »Die Mitarbeiter brauchen nicht nur die Möglichkeit, ihre Online-Skills zu trainieren, sondern auch Möglichkeiten zur Reflexion wie etwa Sprechstunden, in denen darüber geredet wird, was dieses Remote-Leben mit uns macht.« Zudem gibt es Menschen, die einfach nicht digital führen wollen –» und wir müssen überlegen, wie wir mittelfristig damit umgehen und Lösungen finden.« Sie plädiert für ein strukturiertes Planen von Interventionsmöglichkeiten bei Stress, Disharmonie und digitalem Fremdschämen, etwa bei unangemessenen Reaktionen bei Online-Meetings. »Wir brauchen in den Teams Rituale für Rückzugsmöglichkeiten und eine größere Vertrauensbasis für die Mitarbeiter: Geben Sie Eigenverantwortung!«. Ohne Kultur des gemeinsamen Lernens geht es nicht – »denn nur so schaffen wir eine Transformation in ein Post-Corona-Arbeiten«, ist sie überzeugt. Denn in der virtuellen Welt wird es sichtbarer, dass die Teile der Gesellschaft lernende Systeme sein müssen.

SELBST-COACHING: KLARE GRENZEN SETZEN.

Krisen sind immer auch Wendepunkte. An denen man neue Wege geht. Das Unbekannte ist anstrengend, und deshalb ist es wichtig, rücksichtsvoll mit sich selbst zu sein und ab und zu einen seelischen Schutzmantel anzulegen, der einen vor der Pandemie-Welt geistig trennt. Dafür ist ein Selbst-Coaching notwendig: die Disziplin, sich von der digitalen Welt zu bestimmten Uhrzeiten sehr bewusst zu lösen und auf den eigenen Körper zurückzufallen. Zeit für Sport, Meditation, Autogenes Training, Lesen auf Papier. Regeln wie: keine Mobile Devices im Bett. Manchen Menschen hilft es, Morning oder Evening Pages zu schreiben, in denen sie Ängste und Ziele für den Tag oder die Woche aufschreiben. Vom seelischen Wohl, gar der Erlösung durch eine solche Seelenerforschung bei Entscheidungen wusste schon der Heilige Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, in seiner Lehre von der »Unterscheidung der Geister«, die er bei anstehenden Entscheidungen empfahl: Entscheidungsalternativen sichten, Abwägen, Gefühle dazu kommen lassen, Überprüfung auf Zukunftsfähigkeit, Umsetzung. Und wenn am Ende eines Tages alles zu viel wird? Lohnt es sich, sich an ein altes russisches Sprichwort zu erinnern: »Leg Dich schlafen, Väterchen! Der Morgen ist klüger als der Abend.«

DIE KRISE ALS BOOSTER.

So bietet die Krise schließlich zwei große Chancen: sich selbst als Person auf seinem Lebensweg in Ruhe zu hinterfragen – und im Business neue Türen zu öffnen für Technologien, Skills der Mitarbeiter, kreative Teamlösungen und Wagemut. Sie ist ein Booster für Change Management in allen Bereichen von Organisationen. Viele Menschen werden diesen Wandel nicht isoliert umsetzen können, umso wichtiger sind die richtigen Ratgeber an der Seite, mit denen als interdisziplinären Teams der Post-Corona-Change begonnen wird.

ÜBER STEFANIE VON WIETERSHEIM.

Die Kulturjournalistin Stefanie von Wietersheim liebt ihr analoges Leben in Paris und Niedersachsen – mit Papierbüchern, Designstreichhölzern, Blumenstecken und dem Schreiben von echten Briefen. Doch gerade in Lockdown-Zeiten ist sie als leidenschaftlicher iPhone-Junkie wegen Sehnenscheidenentzündung öfter latent arbeitsunfähig. Die heute 50-Jährige studierte in Passau und Tours »Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien«. Nach ihrem Zeitungsvolontariat bei der »Passauer Neuen Presse« arbeitete sie für Tageszeitungen, Filmproduktion und Hochglanzmagazine. Ihre Bildbände »Frauen & ihre Refugien«, »Vom Glück mit Büchern zu leben«, und »Mütter & Töchter« (Callwey-Verlag) wurden zu Bestsellern ihres Genres. In ihrem Buch »Grand Paris – Savoir-vivre für Insider und solche, die es werden wollen« schreibt sie über ihre Wahlheimat Frankreich. Stefanie von Wietersheim geht als Autorin der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« regelmäßig auf Reportage und schreibt die FAS-Kolumne »Der Wohn-Knigge«. Wirklich schmerzhaft findet sie es, wegen der Corona-Beschränkungen von ihrem Kammerchor getrennt zu sein, und wartet sehnsüchtig auf eine digitale Plattform, auf der ein Dutzend Sänger ohne Latenzprobleme miteinander musizieren können.

Artikel 45: Macht uns Social Media zu Sprach-Barbaren?

 

MACHT UNS SOCIAL MEDIA ZU SPRACH-BARBAREN?

Die Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft. Die Art, wie wir kommunizieren ist ein Indikator dafür, wie offen und tolerant wir als Gemeinschaft sind. In der Sprache zeigt sich unsere Art zu denken, umgekehrt hat die Sprache aber auch Einfluss auf unser Denken. In totalitären Systemen ist die Sprache eine andere als in einer freien Gesellschaft. Wie beeinflussen die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet unser Denken? Fördert das die Kommunikation zwischen Menschen oder bringt es vor allem die negativen Seiten ans Licht: Eitelkeit, Hass, Neid, Intoleranz? Die provokante These lautet: Die Sprachentgleisung in sozialen Medien ist das Abbild des Zustandes einer digitalisierten Welt.

DIGITALE VERWAHRLOSUNG.

Vor 20 Jahren gab es noch keine Social Media-Plattformen, auf denen sich jeder auskotzen konnte, wie er gerade lustig war. Natürlich sind Social Media-Kanäle etwas Positives, weil sie Kommunikation erleichtern. Kommunikation ist naturgemäß positiv. Aber die neuen Kommunikationskanäle wurden seit ihrem Entstehen in einem großen Ausmaß missbraucht. Heute kann jeder, der an Sprechdurchfall leidet, in sozialen Netzwerken seinen Bullshit veröffentlichen. Ist das jetzt Demokratie der Sprache oder ist es eine Diktatur der Dummen, der Frustrierten, der Selbstverliebten?

DAS INTERNET – VIRTUELLER STAMMTISCH FÜR JEDERMANN.

Jeder kann sich völlig unverblümt auf Social Media-Plattformen darstellen und überflüssige Informationen absondern. Ungefiltert. Wollen wir wissen, was unsere Facebook-Freunde heute zu Mittag gegessen haben? Wollen wir wissen, welche kruden Gedanken unser Nachbar zur Flüchtlingsproblematik hat? Wir werden an den virtuellen Stammtisch gezwungen. Ob wir wollen oder nicht. Je länger man sich die geistigen Ergüsse einiger Zeitgenossen auf Social Media-Plattformen anschaut, desto mehr bekommt man den Eindruck, dass wir in eine sprachliche Barbarei zurückfallen und automatisch von einer Art Sprach-Tollwut befallen werden.

Zwei Ursachen sind für die sinkenden Hemmschwellen im Internet, für die zunehmenden Sprachentgleisungen auszumachen: Erstens die pure Möglichkeit, dass jeder sich unmittelbar äußern kann, sofern er eine funktionierende Internetverbindung hat. Und zweitens die Anonymität im Internet, die es auch einem Duckmäuser erlaubt, seine Stimme zu erheben und als Troll durchs Internet zu geistern. Jeder, wirklich jeder kann es – und das auch noch unerkannt, wenn er will. Das hat von Natur aus schon etwas Schambesetztes, etwas Zwielichtiges. Während sich Trolle früher ungehört in der Kanalisation aufhielten und man nur ihre Augen aus den Gullydeckeln blitzen sah, kriechen sie heute aus allen Ecken hervor und meinen, der Welt ihre Meinung schenken zu müssen. Mit den Social Media-Kanälen hat der deutsche Kleinbürger, der Kleingeistige, wieder eine Stimme, mit der er die sogenannte »Lügenpresse« übertönen kann. Aus den Mündern dieser Trolle kommt allerdings nichts als heiße Luft – und das auch noch mit schlechtem Atem. Am liebsten würde man den Trollen entgegnen: »Es ist ja schön, dass Sie hier Ihre Meinung hinausblasen, aber sie verpesten die Umwelt mit Ihrem Atem. Es gibt Listerine für frischen Atem. Dann werden vielleicht auch Ihre Aussagen besser!« Denkt man weiter darüber nach, kommt man zu dem Schluss, dass der Klimawandel eine ganz einfache Ursache haben könnte: Es sind die Trolle mit ihrem üblen Atem.

KOMMUNIKATION IST AUSTAUSCH, SPRACHENTGLEISUNG IST NARZISSMUS.

Trotz allem: Niemand würde sich ernsthaft in eine Welt ohne Internet zurückwünschen. Die Möglichkeiten der Kommunikation sind einfach viel größer geworden. Und Kommunikation an sich ist großartig. Gefährlich wird es, wenn Leute nicht mehr kommunizieren, nicht mehr in den Dialog gehen, sondern Bomben zünden. Wenn sie sich nur selbst auf offenem Feld in die Luft jagen würden, ohne anderen zu schaden, wäre viel gewonnen. Genauso ist es mit Trollen: Wenn sie sich nur selbst mit ihrem Geschwätz besudeln würden, wäre alles in Ordnung. Man stelle sich vor: ein Internet nur für Trolle. Wunderbar! Dort könnten sie sich den ganzen Tag »from nine to five« ungebremst gegenseitig mobben und dissen. Und der Rest der Welt könnte das Internet dazu nutzen, wozu es da sein sollte: zum Austausch von Ideen. Zur globalen Verständigung. Zur gegenseitigen Erheiterung. Zur Verbesserung der Welt. Kurz: zur grenzenlosen Kommunikation zwischen zivilisierten Leuten. Eine grandiose Vorstellung. Leider entspricht sie in keiner Weise der Realität. Man könnte dieses Internet für Trolle dann übrigens »Trollnet« nennen.

FÜHRT KOMMUNIKATIONSFREIHEIT AUTOMATISCH ZU ÜBERSTEIGERTER SELBSTDARSTELLUNG?

Man muss sich fragen, ob uns durch die neuen Kommunikationskanäle die Fähigkeit zum Dialog verlorengeht. Es scheint fast so zu sein: Hat man alle Freiheiten, dann nutzt man sie nicht nur zum Meinungsaustausch, sondern dazu, gegen andere das digitale Maul aufzureißen. Man will sich aufwerten, indem man den anderen abwertet. Ein Austausch, ein Dialog, ist das nicht. Leisetreter, die im wahren Leben nichts zu sagen haben, reißen plötzlich in der digitalen Welt die Klappe auf. Und fast immer in einer stümperhaften Sprache. Das ist ungefähr so, wie wenn man einem Schimpansen eine Hightech-Waffe mit Laserzieloptik an die Hand gibt und er sie dann als Baseballschläger einsetzt. Die Sprache wird von Trollen missbraucht, um dem eigenen Frust Luft zu machen. Aber es ist kein Wunder: Trolle denken nicht nach, sie blubbern dummes Zeug. Wer blubbert, denkt nicht.

Oft ist es kein gezieltes Gemecker, sondern einfach nur Gemecker aus Prinzip, was die digitalen Rumpelstilzchen da veranstalten – Meckern per Schrotflinte. Es wird schon einen treffen, es wird sich schon jemand darüber aufregen. Blöd nur, dass die Leute, die es treffen soll, es meist nicht lesen. Das ganze Gezeter dient also nur dazu, Zustimmung zu erheischen und die eigene Eitelkeit zu befriedigen.

Eine Therapie für Trolle wäre eine Woche Schweigen im Kloster. Ob das etwas bringen würde? Das beste Mittel gegen Trolle ist, sie zu ignorieren. Denn sie sind nicht für vernünftige, zivilisierte Kommunikation empfänglich. Sie sind digitale Rumpelstilzchen, die man nicht ruhigstellen kann. Was sie absondern, ist geistiger Dünnpfiff. Natürlich gibt es Menschen mit Sprechdurchfall auch im realen Leben – dort können sie sich jedoch meist nicht verstecken. Es gehört schon eine große Portion Selbstverliebtheit oder einfach nur Dummheit dazu, sich in der Öffentlichkeit als Troll zu outen. Aber wahrscheinlich hat jeder schon die Erfahrung gemacht, aus dem nichts heraus von jemandem zugetextet zu werden – zum Beispiel von einer fremden Person im Zugabteil, wenn man gerade in Ruhe ein Buch lesen will.

SOCIAL MEDIA – DIE NARZISSMUS-MASCHINE.

Die digitalen Möglichkeiten der Kommunikation scheinen wie Verstärker für die negativen Eigenschaften im Menschen zu wirken. Die Selbstverliebtheit und der Hass gegen andere scheinen sich zu potenzieren. Im Grunde ist der innere Antrieb von digitalen Rumpelstilzchen die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, die wir alle fühlen und welche die meisten von uns nicht wahrhaben wollen. Ein Ausweg scheint da das Phänomen zu sein, sich öffentlich nackt machen zu wollen. Eine Form des Exhibitionismus. In den 1980er Jahren konnte man das mit dem Aufkommen der Privatsender im Fernsehen schön verfolgen. Es galt die Maxime: Einmal ins Fernsehen, dann bin ich wer. Koste es, was es wolle. Mit dem Entstehen digitaler Kommunikationskanäle hat sich das Ganze noch einmal unfassbar gesteigert. YouTube zum Beispiel bietet geistigen Exhibitionisten eine fantastische Plattform, sich auszuleben. Influencer – der neue Traumberuf für viele Selbstdarsteller – produzieren sich ohne jede Schamgrenze. Und verdienen sich dumm und dämlich dabei. Die Vorstellung, dass man Einfluss hat, lässt den Adrenalinpegel in die Höhe schießen und der gleichzeitig steigende Kontostand beflügelt die Influencer umso mehr in ihrem sinnlosen Tun. Das Wissen um die eigene Bedeutungslosigkeit und die Ahnung vom eigenen Sterben werden davon wirkungsvoll überlagert.

Grundsätzlich neigt man ja dazu, die eigene Bedeutung in der Welt gnadenlos zu überschätzen. Selbst ein Donald Trump wird nach seinem Abtreten oder Ableben bereits zwei Wochen später keinerlei Bedeutung mehr haben. Vielleicht sogar schon zwei Stunden später nicht mehr. Das ist die Realität. So sieht’s aus. Wie tröstend, wenn Otto Normalbürger das Wissen um die eigene Bedeutungslosigkeit für kurze Zeit durch einen Tweet oder ein Posting in einem Forum ausblenden kann – und sei es auch nur im Forum »Mein schönstes Brautkleid« oder im Thread »Der beste Fischköder für Forellen«. Mit einem Posting kann man aus dem Sumpf des Lebens, der uns unweigerlich in die Tiefe zieht, herausschießen und sagen »Hallo, mich gibt es!«, bevor man wieder zurücksinkt bis zum nächsten Posting. Immer wieder windet man sich heraus aus dem Morast, unaufhaltsam sinkt man wieder hinab.

Sicher, man muss nicht alles so schwarzsehen. Zumindest nicht so schwarz, wie Jaron Lanier in seinem Buch »Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst«. Denn es gibt natürlich auch jede Menge Lichtblicke in der digitalen Welt. Die Trolle sind hier zwar am lautesten und fallen deshalb auf – auch durch ihr sprachliches Gestammel –, aber sie sind doch eher eine Randerscheinung, die man ausblenden muss. Ist es doch großartig, welche Möglichkeiten einem die digitalen Plattformen bieten: Man kann in Dialog mit anderen treten, in einen Austausch, oder einfach nur Informationen aufnehmen, an die man sonst niemals gekommen wäre. Man muss es wohl einfach akzeptieren, dass eine kommunikationsstiftende Sache wie das Internet auch kleine Nebenwirkungen hat: so etwas Profanes wie einen Handynacken oder so etwas Nerviges wie Sprachentgleisungen durch digitale Rumpelstilzchen. Was heißt das für die Nutzung von digitalem Marketing?

Verwenden Sie digitale Möglichkeiten, um eine echte Kommunikation mit Kunden aufzubauen. Stellen Sie einen Dialog mit Ihren Kunden her und bleiben Sie im Dialog mit Ihren Kunden. Wir helfen Ihnen dabei. Als moderne Digital-Agentur wissen wir, wie Sie erfolgreich mit Kunden interagieren und wie Sie in digitalen Kommunikationskanälen die neuesten Marketingtools optimal einsetzen. Profitieren Sie von unserer Expertise im Digital Marketing!

ÜBER RAINER RUPP.

Der Autor, Rainer Rupp, studierte Germanistik und Philosophie, bevor er 1995 in den Sog der Werbebranche geriet. Nach Lehr- und Wanderjahren in großen Agenturen ist er seit 2003 freier Texter in Heidelberg. Neben dem Erstellen von Dienstleistungstexten – seinem Brotberuf – begeistert sich der Autor auch für das Verfassen von literarischen Texten. Denn die digitale Welt kann trotz KI und anderem Schnickschnack auf eines nicht verzichten: auf das Gehirn mit seinem unnachahmlichen Neuronenfeuerwerk.

Artikel 46: Und Sie dachten, Sie kennen die Industrie?

 

DAS ENDE DER GEWOHNHEITEN – DIE CHANCE FÜR UNSERE INDUSTRIE?

Die Industrie: seit jeher der Kosmos, in dem Ideen zu greifbarer Wirklichkeit werden und Träume sich zu startfertigen Produkten zusammensetzen. Doch nun pocht die nächste Welle der Industriellen Revolution an die Fabriktüren und Lagerhallen – und sie lässt sich nicht ignorieren. Ihre schlagkräftige Begleitung im Schlepptau: das Industrial Internet of Things.

Die Mission: unser bisheriges Verständnis industrieller Welten mit leistungsstarken Technologien auf den Kopf zu stellen. Doch können wir bisherige Gewohnheiten im beruflichen Alltag wirklich hinter uns lassen? Sind wir offen genug für die volle Entfaltung ungekannter Möglichkeiten in der Industrie 4.0? Sind wir überhaupt bereit für neue Produktionsperspektiven? Es bleibt keine Zeit für Gedanken wie diese – denn das Internet of Things ist gekommen, um zu bleiben!

TORE AUF: DAS WEB KREMPELT DIE WELT UM.

Lange hat sich das Netz wie ein Mitarbeiter in den verzweigten Branchen der Industrie behandeln lassen. Damit ist nun Schluss. Seit den ersten Steuerungscomputern für maschinelle Vorgänge hat das Web seinen Platz und seine Einsatzbereiche in Fabriken, Produktionshallen, Förderungsanlagen und Transportbetrieben immer weiter ausgebaut. Kompromisslos entledigt es sich nun der starren Rahmen von Steuerungseinheiten und Bedienfeldern und übernimmt zuverlässig einen Großteil anfallender Prozesse – und ist dabei so kühn, selbst ablaufrelevante Entscheidungen auf die digitale Agenda zu setzen.

Grund zur Sorge? Entscheiden Sie selbst: In der Industrie der Zukunft sind noch immer die CEOs und Entscheider tonangebend, aber dem Internet of Things als Allesnetz der Dinge kommt dabei eine belangvolle Stellung zu. Es verbindet, vernetzt, eint und vereinfacht industrielle Abläufe. Vorgänge werden intuitiver und dabei trotzdem präziser. Produktionsschritte nähern sich durch invariante Kontrollmöglichkeiten der Perfektionierung, ganz ohne die unverzichtbare Flexibilität einzubüßen. Und die klaffende Lücke, durch die der kalte Wind einer Unvereinbarkeit von On- und Offline-Technologien wehte, wird mit dem Kittharz neuer Möglichkeiten endlich geschlossen.

Das Industrial Internet of Things (kurz: IIoT) optimalisiert nicht auf Kuschelkurs. Wer bei den wachsenden Ansprüchen an die Märkte der Zukunft mithalten möchte, öffnet besser nicht nur Tür, Tor und Fenster, sondern auch den eigenen Geist. Striktes Umdenken ist der Ausweis, um die Welt der Industrie 4.0 sicher betreten zu können. Denn mit dem IIoT entledigt sich das WWW seiner bislang bekannten Bahnen und tritt, als Möglichmacher in jedem Bereich entfesselt, allgegenwärtig auf: Ob via RFID, mit feinfühligen Sensoren,  digitalisierten Arbeitsmaschinen, als performante Beacons oder durchdachte Applikationen.

Das Netz unterstützt uns dabei, industrielle Abläufe genauer zu überwachen, zu steuern und zu revidieren. Dank der stringenten Entwicklung, die das Web und seine Devices auch in unseren Privatleben vollzogen hat, wissen wir intuitiv, wie wir die neuen Industrie- Technologien effizient nutzen, bedienen und abschöpfen. In aller Konsequenz bildet sich damit also eine richtungsweisende und umfassende Basis persistenter Neuausrichtung.

HAND IN HAND FÜR MEHR EFFIZIENZ.

Im Gegensatz zum klassischen IoT ist das Industrial Internet of Things sensibler, facettenreicher und leistungsstärker. Zwar werden Privatbereich und Industrie gleichermaßen vom IoT profitieren, sich in Details aber ganz individuell entwickeln. Während der Privatanwender mit dem Internet der Dinge seinen Alltag vereinfacht, setzt die Industrie 4.0 auf übergreifende Lösungen, die bisher komplexe Abläufe bündeln und überwachen. Grund zur Freude ist dabei für so manches Unternehmen eine neue Nutz- und Gewinncharge. Doch das IIoT fordert auch einen wachen Blick: welche durch die neuen Technologien freigelegten Ressourcen und Aufgabenbereiche sind wirklich viabel?

Während hier noch einige Entscheidungen mit Herz und Verstand getroffen werden müssen, stillt das IIoT den Bedarf einer umfassenden Möglichkeit, jeden Abschnitt eines aktiven Produktionsprozesses gezielt überwachen zu können. Die Vergangenheit brachte in Puncto Prozessüberwachung verschiedene Technologien und hohe Personalkosten mit sich. In Zukunft prüfen wir dank neuer Technologien dauerhaft jeden einzelnen Schritt in Echtzeit. So stellt das IIoT sicher, dass das Enderzeugnis eine uneingeschränkt hohe Qualität mitbringt – ganz ohne aufwändige, postproduktionelle Wertsicherung.

Die Sensorik der Maschinen und intelligenten Systeme in der Industrie 4.0 helfen den Produzenten oder Dienstleistungsanbietern zudem dabei, äußere Umstände im Blick zu behalten. Die Feinfühligkeit und Kommunikation der Geräte untereinander und mit uns (etwa passiv über Beacons oder ganz aktiv durch Chatbots und Künstliche Intelligenzen), sorgt in Rekordzeit für eine Umverteilung der Aufgaben.

So überwachen die Technologien des IoT auch Witterungsbedingungen, Raumtemperaturen und aktuelle Werte des Maschinenbetriebs oder bemessen die Arbeitsvoraussetzungen unter Extremsituationen, z.B. im Bereich von Cargo und Logistik. Und zwar so vorausschauend, dass Zeit- und Kostenverluste in effectu abnehmen. Eine Brauerei aus Amerika nutzt das IoT bereits, um Ihr Craft Beer via Satellitentechnologie auf dem Weg in den Verkauf oder Ausschank zu überwachen und quasi on the go zu kontrollieren: Leidet die Qualität des Bieres durch Luft- und Temperaturveränderungen, muss die Ware nicht erst vom Empfänger retourniert werden. Der Hersteller kann dank der intensiven Überwachung flexibler agieren und die Liefer- bzw. Transportwege fortlaufend – und minutenschnell – anpassen.

INFORMATIONSBESCHAFFUNG 4.0.

Schon früh hat der Mensch das Internetz zur Übermittlung von Informationengenutzt und dabei ganz neue Kommunikationswege geschaffen, die heute als klassisch gelten. Werden die E-Mail und ihr simples Prinzip sich auch im kommenden Jahrzehnt ihren Platz behaupten können? Davon ist auszugehen. Erste signifikante Veränderungen zielen auf den Bereich der Beschaffung von Informationen ab. Wo in komplexeren Sparten und besonders in der Industrie oft mühsame Vorgänge und viel Personal für die Ermittlung von Standorten, Werten oder Profiten im Einsatz waren, strukturiert und sublimiert das IIoT diese Vorgänge neu. Als Beispiel nehmen wir die rohstofffördernden Industrien unter die Lupe: In den Kindertagen der Erdölgewinnung war man hier etwa auf visuelle Anzeichen an der Erdoberfläche angewiesen, um Land auf ein etwaiges Vorkommen zu prüfen. Später setzten sich reflexionsseismische Verfahren durch, bei der die Erdoberfläche in Vibration gebracht und die dabei entstehende Schwingung ausgelesen wurde. Die Technologien des Internet of Things in der Industrie 4.0 schaffen hier nun eine ähnlich zeitsparende Präzision wie beim einfachen Versand einer E-Mail. Und auch, wenn man sich vielerorts noch gegen das Sammeln von Daten zu wehren versucht: Big Data ist bei der Suche nach neuen Ressourcen für die Ölförderung die

alternativlose Grundlage für den Einsatz raffinierter Technologien zur Visualisierung. Wie in einem gigantischen MRT ergeben sich so aus visuellen Aufnahmen und seismischen Daten kompakt und aufgeschlüsselt exakte Werte zur Kartierung künftiger Abbaugebiete, die schnell und einfach zur Weiterverarbeitung versendet werden.

NICHTS ENTGEHT UNS: VOLLE KONTROLLE IM IIOT.

Das Internet of Things in der Industrie 4.0 fordert neue Sichtweisen. Schließlich steht die Ziffer für die vierte industrielle Revolution, und eine solche kann nur bei grundlegender und nachhaltiger Umsetzung ihre Vorteile ausspielen. Grundlegend ist ein gutes Stichwort, denn das Web bildet mit dem IoT einen Nährboden für neue Zielsetzungen. So nimmt uns das Internet of Things mit den vielfältigen Optionen zur Überwachung und Kontrolle einzelner Arbeitsschritte ganze Tätigkeitsbereiche ab, damit wir den Blick auf neue Tätigkeitsfelder ausrichten können. Innovation und Kreativität werden somit in jedem Arbeitsbereich der Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Das IIoT dient uns dabei als entlastendes, rundum nutzbares Fundament, das Errungenschaften absichert und neue Ideen realisierbar macht. Investitionen in die Zukunft sind dabei womöglich erstmals in vollem Ausmaß möglich. Während z.B. in der Luftfahrt das IoT dabei hilft, Systeme und Teile eines Flugzeugs eingehend zu überwachen, deren technische Schwächen und einen etwaigen Reparaturbedarf rechtzeitig zu melden, nutzt man die dabei ausgelesenen Daten, um im nächsten Schritt neue Lösungen für wiederkehrende Probleme zu finden.

GEZIELTER ARBEITEN, BEWÄHRTES VERBESSERN.

Im Zeitalter des IIoT wird das Rad nicht ständig ganz neu erfunden: unter der Prämisse des Retrofittings erreichen auch ältere Anlagen oder Maschinen den neusten Stand und fügen sich reibungslos in die neuen Abläufe ein. Wer bestimmte Vorgänge, Werte oder Produktionsabläufe nicht gleich in allen Details umsetzten möchte, findet hier ein kleines Schlupfloch. Dadurch ist für Industriebetriebe aller Branchen und Größen der Schritt in die neue digitale Welt möglich und das Web

zeigt sich im IoT nicht als ewiger Verdrängungs- und Verwirrungsmechanismus. Seine Stellung als wichtiges Element, um zeitgemäß effizient und kundenorientiert auf dem Markt aufzutreten steht jedoch nicht zur Debatte. Die Schnittstellen zum Verbraucher finden sich dabei ebenfalls in ungeahnten Bereichen wieder. So gehen produzierende Betriebe in der Industrie 4.0 neue Wege,

um den Bedürfnissen ihrer Kunden zu entsprechen: Ein namhafter Chemiekonzern arbeitet beispielsweise bereits in einem Pilotprojekt an individuellen Pflegeprodukten wie Shampoos oder Duschgels. Hier kann der Kunde seinen ganz persönlichen Wunsch nach Konsistenz, Farbe, Inhaltsstoff oder Pflegenutzen in ein System eingeben. RFID-Tags steuern schließlich die maßgeschneiderte Zusammenstellung und Abfüllung.

STILLSTAND IST KEINE OPTION.

Das Internet der Dinge ersetzt den Computer als zentrale Anlaufstelle zur Nutzung webbasierter Anwendungen und haucht nahezu jedem vorstellbaren Gegenstand Leben (ergo: Webfähigkeit) ein. In der Industrie 4.0 maximieren sich die Möglichkeiten zu einem Kosmos höchster Produktivität und kreativer Zukunftsperspektiven. Dabei verabschieden wir uns auch von der Vorstellung, dass das Netz als Ungetüm auftritt, das Arbeitsplätze verschlingt, Traditionen verdrängt oder Abläufe noch komplizierter macht. Wer sich dem Prozess hin zu einem allumfassenden IoT öffnen kann, wird reich beschenkt werden. Doch wie bei jeder Veränderung gilt hier: es beginnt mit dem ersten mutigen Schritt.

In der Vergangenheit hat der Mensch die Industrie nicht nur erfunden – er hat sie geprägt, weiterentwickelt, gestärkt und verbessert. Immer mehr Lücken schließen sich auch im Zeitalter digitaler Entwicklungen: was früher undenkbar galt, ist zum Teil bereits umgesetzt oder über die Planungsphasen hinaus. Wir wissen also, dass eine Industrie 4.0 den Weg fortführt, den einzig und allein wir selbst erst geschaffen haben. Clever, wer diesen Fakt im Kopf behält und sich dem Web gegenüber nicht als wehrlos stilisiert. So, wie aus dem Trampelpfad erster industrieller Umdenkprozesse feste Wege effizienter Leistungen wurden, bauen wir mit jedem Schritt die Prozesse der Industrie weiter aus – proaktiv und iterativ. Das Netz der Zukunft beschleunigt dabei auf Höchstgeschwindigkeit. Das Web wird als Abdruck unserer selbst in sämtlichen Industriebereichen unsere Wünsche und Bedürfnisse widerspiegeln. Passt uns etwas nicht, sind wir direkt gefragt: wir haben fortan die Möglichkeit, mit Herstellern und Entwicklern direkt zu kommunizieren, Prozesse zu

optimieren und eigene Ideen einzubringen. Bringen wir es mit einem Ausspruch aus dem Zeitalter der Frühindustrialisierung auf den Punkt: »Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.« – Victor Hugo schlägt damit die Brücke in unsere Zeit, wo seine Worte unsere Entscheidung für eine Zukunft der Industrie fordern: Haben wir den Mut, mit dem Industrial Internet of Things eine neue Chance für Innovationen, Überraschungen und, letztlich, ein besseres Leben zu nutzen?

SPRECHEN SIE IIOT?

Sind Sie bereit für eine Industrie der unbegrenzten Möglichkeiten? Wollen Sie, dass der Fleiß, den Sie in Ihrem Unternehmen an den Tag legen, auch künftig mehr und mehr Früchte trägt? Dann laden wir Sie in unsere Fabrik der Ideen ein und freuen uns, Ihnen das Potenzial Ihrer eigenen Daten aufzuzeigen und Sie auf den Weg in ein Schlaraffenland der Digitalen Transformation zu bringen!

ÜBER TIMO HESS.

Unser Autor Timo Heß ist in seinem Leben schon so oft in Aufzügen stecken geblieben, dass er sogar in Frankfurter Bürotürmen die Treppenhäuser nutzt – selbst wenn der Kunde im 12. Stock sitzt. Dass mit dem Industrial Internet of Things auch Technologien Einzug halten, die Defekte an diesen Anlagen »vorhersagen« freut ihn also aus ganz persönlichen Gründen. Grundsätzlich gilt bei ihm: er kann nicht anders, als es anders zu machen. Der freie Autor, Texter und Hobby- Literaturwissenschaftler sprengt mit Leichtigkeit und Freude am Neuen die intellektuellen Grenzen jedweden Genres. Das Ergebnis sind Texte, die zum Frühjahrsputz der Sichtweisen herausfordern – am besten im gedanklichen Winter!

Und bei allem wissenschaftlichem Eifer dürfen auch die schönen Seiten unseres Alltags nie außer Acht gelassen werden. Für Timo Heß gilt: Mitten im Leben muss ein Texter stehen! Von da aus geht es mit der Lupe in der Hand in die Welt der neuesten Digitalisierungs-Trends.

Artikel 47: Volle Fahrt Hybrid

 

VOLLE FAHRT HYBRID.

Analog? Oder voll digital? Wie die neue Arbeitswelt aussehen wird – das fragen sich viele Menschen nach fast einem Jahr Pandemie. In Tagen, in denen sich viele Mitarbeiter in Unternehmen, die stark auf Home Office gesetzt haben, nichts sehnlicher wünschen, als beim Mittagessen endlich wieder den Kollegen beim Biss in das Salatblatt zu hören. Oder mit kreativem Funkenflug in Brainstormings einzutauchen, bei denen man eng an eng um einen Tisch sitzt. Doch das Arbeitsleben wird nach der Pandemie nicht mehr wie zuvor sein: Analog mit einem Schuss digital – vergleichbar mit einem Kir Royal, bei dem der Champagner mit ein wenig Cassis-Likör aufgepeppt wird. Nein. Die Mixtur wird völlig neu werden. Und Hybrid heißen.

Wie im Wechselspiel von Elektroantrieb und Benzin bei klimafreundlichen Autos werden viele Unternehmen hybrid arbeiten. In der Politik wird gerade leidenschaftlich darüber diskutiert, wie und ob Remote Work und Home Office-Modelle gesetzlich verankert werden sollen; große Unternehmen wie Allianz, Siemens und VW investieren massiv in digitales Arbeiten. Denn nach einem Jahr der Turbo-Digitalisierung haben zahlreiche Firmen Erfahrungen gemacht, die zwei Kernfragen beantworten: Wie viel digitales Arbeiten tut dem Team gut? Und welche Strukturen sind gut für die Arbeitsergebnisse?

Eines ist nach einem Jahr intensiven digitalen Arbeitens schon klar: in den meisten Bereichen funktioniert der rein digitale Workflow nicht.

CORE VALUE IN UNTERNEHMEN UND VERWALTUNG: HYBRIDE MODELLE SIND DIE ZUKUNFT.

»Die Entzauberung des Home Office ist während der Pandemie klar geworden, und das ist doch positiv, denn nun wissen wir wieder mehr, wie die Arbeitswelt in Zukunft eben nicht aussehen wird!«, sagt Britta Herbst, Geschäftsführerin des Pioneers Club in Bielefeld. »Ja, das Arbeiten ist im letzten Jahr deutlich digitaler geworden, aber der Wert analoger Kontakte ist größer denn je!«. Der von ihr gemanagte Coworking-Space mit Event-Plattform wird von rund 80 Firmen aus Ostwestfalen und Umgebung getragen – und ist besonders in der Pandemie eine Art Laboratorium für den Wechsel von analogem und digitalem Arbeiten geworden. Die Mitglieder des Innovationsnetzwerks sind eine bunte Mischung aus unterschiedlichen Branchen und bringen Unternehmen wie Schüco, Dr. Oetker, Wago und Dr. Wolff mit Startups und digitale Experten in der Bielefelder Altstadt zusammen. »Sie haben im letzten Jahr bewiesen, was digital geht, auch wenn sich viele nach echten Begegnungen sehnen. Mitarbeitende, die sich früher für das Home Office ausgesprochen haben, wünschen sich mittlerweile das Büro zurück. Am Küchentisch, neben dem Partner und der Familie arbeiten – bringt auch Nachteile mit sich«, sagt Britta Herbst. Sie schätzt, dass sich nach dem großen Digitalisierungs-Boost und Mentalitätswandel die Hybridmischung bei Zahlen um die 40:60 einpendeln wird. »Komplett digital können wir zwar produktiv sein, man beschränkt man sich auf das Wesentliche, aber Menschen sind eben soziale Wesen, die Interaktion und auch ungeplante Treffen brauchen. Das muss man ernst nehmen – oder besser noch: bewusst zu einer Core Value machen!«, rät sie.

HYBRIDES ARBEITEN BRAUCHT TRAINING.

Den neuen Wert des hybriden Arbeitens sollte in Unternehmen bewusst und geschmeidig trainiert werden, gerade in konservativeren Branchen, wo bis vor kurzem noch viel analog gearbeitet wurde. Denn Offenheit und Verständnis müssen organisch wachsen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Stadt Bielefeld mit ihrer öffentlichen Verwaltung. Sie hat ihr Digitalisierungsbüro seit April 2020 bewusst außerhalb der eigenen Dienstgebäude des Rathauses im Coworking Space angesiedelt, so nähern sich Start-up-Mentalität und klassisches Verwaltungsdenken immer weiter an. Umgekehrt beobachtet Britta Herbst bei Start-Ups – deren Teams in Europa verteilt komplett remote arbeiten -, dass es wichtig ist, dass sich die Mitglieder mindestens alle zwei Monate physisch zusammenfinden und einige Tage intensiv miteinander sprechen. »Das sind Trendsetter, von denen wir definitiv lernen können«, ist Herbst überzeugt.

HYBRIDE COMMUNITIES FÖRDERN INNOVATIONEN UND ARBEITSZUFRIEDENHEIT.

»Hybrides Arbeiten maßgeschneidert für das eigene Unternehmen anzupassen, das wird in Zukunft ein ganz wichtiges Thema sein«, sagt Britta Herbst. Sie gewann sogar Unternehmen in der Krise als Mitglieder neu hinzu, eben weil dem Management bewusst war, dass das Modell Coworking-Space ein wichtiges hybrides Element ist, das dem Work-Flow und der Arbeitszufriedenheit von Mitarbeitern entgegenkommt. »In der Pandemie haben Unternehmen gemerkt: ‚Wir haben so viele Büros angemietet, unsere Teams arbeiten aber zunehmend remote – wie strukturieren wir das neu?’«.

Beim hybriden Arbeiten sollten die Change Manager in Unternehmen daran denken, dass bei solch vernetzenden Modellen unbedingt der Community-Aspekt im Vordergrund stehen sollte. Oft geht es mehr als darum, dass manche Teammitglieder keinen festen analogen Büroarbeitsplatz im Headquarter brauchen: es geht um digitalen und analogen Austausch oder um eine Herauslösung von Abteilungen aus verkrusteten In-House-Strukturen, die Innovationen schier unmöglich machen. Britta Herbst ist sich sicher: »Die Zeit der großen repräsentativen Büros ist vorbei. Ganz ohne Büros geht es in vielen Firmen sicher nicht, aber die Flächen müssen nicht riesig sein.«

MUT ZU HYBRID: KEINE ANGST VOR DIGITALER FREIHEIT.

Neue Freiheiten wie Homeoffice oder auch das Arbeiten aus einem Coworking Space bedeuten für konservativ eingestellte Unternehmen auch einen Verlust von Kontrolle. Doch die etwaige Angst vor dem Abwerben der besten Leute auf offenen Flächen ist unbegründet.

Es geht – auch über Social-Media-Kontakte – in der neuen Arbeitswelt darum, Mitarbeiter für den eigenen Markenaufbau zu nutzen und sie Botschafter für das eigene Unternehmen werden zu lassen. »Je mehr Freiheit und Vertrauen man den Mitarbeitern gibt, umso stärker ist die Bindung. Wer mit seiner Rolle nicht glücklich ist, wird auf kurz oder lang sowieso gehen«, sagt Britta Herbst. Mit dem richtigen Mindset und einer passenden Unternehmenskultur ist es nicht nur leichter, die Mitarbeitenden an das Unternehmen zu binden, sondern auch digitale Talente zu gewinnen. Gute Coworking Spaces haben Verhaltensregeln, die das Zusammenkommen und Miteinander in der Community steuern und sind somit eine Bereicherung der Stadtbilder, die der Abwanderung von digitalem Talent entgegenwirken.

WELTWEIT HYBRID MIT APPS: WIE GROSSKONZERNE ARBEIT NEU ORGANISIEREN.

Auch ein großes Tanker-Unternehmen wie Siemens implementiert hybrides Arbeiten rasant: Für zwei bis drei Tage pro Woche wird mobiles Arbeiten weltweiter Standard, ein Kernelement der neuen Normalität – so beschloss es der Vorstand schon im Sommer 2020. Weltweite Umfragen der Siemens-Mitarbeiter hatten den Wunsch nach mehr Flexibilität und individuellen Lösungen beim Arbeitsort bestätigt.

Ein Projektteam aus Mitarbeitern der Strategie, Human Resources, IT, Siemens Real Estate und den Geschäftsvertretern hatte das »New Normal Working Model« erarbeitet. Das neue Arbeitskonzept betrifft mehr als 140.000 Mitarbeiter des Konzerns an über 125 Standorten in 43 Ländern. Eine zentrale IT-Plattform gibt Führungskräften und Mitarbeitern alle relevanten Informationen zum neuen Arbeitsmodell an die Hand. Spezifische Trainings für Führungskräfte unterstützen die Einführung der neuen Arbeitsweise. Dabei soll der Mitarbeiter – in Absprache mit der Führungskraft – denjenigen Arbeitsort wählen, an dem er am produktivsten ist. Das hybride Arbeitsmodell schließt daher explizit Arbeitsumgebungen wie etwa Co-Working-Büros mit ein. Präsenz-Zeiten im Büro sollen das mobile Arbeiten sinnvoll ergänzen. »Basis für dieses zukunftsweisende Arbeitsmodell ist eine Weiterentwicklung unserer Unternehmenskultur. Damit verbunden ist auch ein anderer Führungsstil, der sich an Ergebnissen orientiert, nicht an der Präsenz im Büro«, erläuterte Roland Busch, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Arbeitsdirektor der Siemens AG. Dank einer innovativen Cloud-basierten IT-Infrastruktur konnten die Firma ihre Dienste schnell und reibungslos skalieren und 300.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Lage versetzen, von zuhause aus zu arbeiten.

Dazu hat Siemens eine App entwickelt, die die Beschäftigten weltweit bei der sicheren Rückkehr an ihren Arbeitsplatz und bei der effektiven Umsetzung der neuen Arbeitsformen unterstützt.

AUCH GROSSE VERSICHERER WERDEN HYBRID: DAS ANALOG-DIGITAL-SPIELEN ZWISCHEN 40 BIS 100 PROZENT.

Der Versicherungskonzern Allianz hat aus dem neuen Home-Office-Boom während der Pandemie die Konsequenz gezogen, dass längerfristig bis zu 40 Prozent der Mitarbeiter von zu Hause arbeiten werden, wie Allianz-Vorstand Christof Mascher dem »Handelsblatt« sagte. Selbst in der Lebensversicherung habe man es geschafft, den in der Krise fehlenden persönlichen Kontakt zwischen Beratern und Kunden zu ersetzen. Ähnlich läuft es beim Mitbewerber Talanx. Der Finanzvorstand des Versicherungskonzern, Immo Querner, sagte im Interview mit der »Versicherungswirtschaft«, dass die Digitalisierungserwartungen der Kunden und Vertriebspartner stark gestiegen seien. »Hybride Kunden« – research online, purchase offline – bilden jetzt schon die größte Kundengruppe. Schnelle Reaktionszeiten, eine zügige Bearbeitung von Schadenfällen und einfache Onlineberatung würden zum k.o.-Kriterium im Wettbewerb. Zwischenzeitlich haben von den 23.000 Mitarbeitern der Talanx-Gruppe zeitweise mehr als 20.000 mobil gearbeitet, weltweit könnten mehr als 90 Prozent das reibungslos tun. »An einigen Standorten haben wir zeitweise sogar zu 100 Prozent mobil gearbeitet«, berichtet Immo Querner. »Das hat zum ganz überwiegenden Teil sehr schnell sehr gut funktioniert. Daraus dürften sich künftig für Konferenzen, Dienstreisen und die Organisation der persönlichen Arbeit nachhaltige Veränderungen ableiten.« Doch auch hier ist klar geworden: »Wir sehen auch, dass die Zusammenarbeit im Büro weiter wichtig ist. Sie ist der soziale Kitt und fördert Kreativität. Falsch wäre ein Entweder -Oder.«

HYBRIDES ARBEITEN IN DER KUNSTWELT: VIEL POTENTIAL.

Auch in der Welt des Kunsthandels ist hybrides Arbeiten dieser Tage Alltag. Katrin Stoll, Chefin des Münchner Auktionshauses Neumeister, hat in den vergangenen Monaten vor allem eins gelernt: Um den Ablauf in ihrem Unternehmen neu einzustellen, muss die Chefin – gleich einer Kapitänin – immer wieder verlässlich an Deck sein, also auch physisch vor Ort.

In ihrem traditionsreichen Familienunternehmen greifen ganz unterschiedliche Bereiche ineinander, bei denen analoges und digitales Arbeiten verwoben sind: Logistik, persönliche Kundenberatung, Live-Auktionen mit Telefonbietern und Online-Teilnehmern, dazu neue Instagram-Präsentationen von Sachverständigen und digitale Kataloge. Aktuell arbeitet ein Großteil der Mitarbeiter im Home Office, gleichzeitig sind Experten am Objekt in der Firma. »Das ist für die Leitungsebene eine mehrdimensionierte Herausforderung«, sagt sie.

Im neuen Gleichgewicht von analog und digital hat sich bei ihr bewährt, einmal in der Woche mit den Leitungspersonen online die laufenden Themen durchzugehen, dazu mit einzelnen Mitarbeitern aus den Fachabteilungen zu sprechen. Den Mehrwert des höheren Digitalanteils ihrer Mitarbeiter sieht Karin Stoll vor allem in den geringeren Pendelzeiten und der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Da Stoll ein gutes Firmenklima äußerst wichtig ist, kann sie kann sich vorstellen, das hybride Arbeiten in Zukunft auch nach Corona auszubauen. Wie genau sie die Mischung austarieren wird, bleibt abzuwarten. Denn auch sie sagt: »Was ich total vermisse, ist der Austausch, der menschlicher Dialog, der gerade im Bereich der Kunst und Kunstgeschichte wichtig ist.« Das Team muss gemeinsam vor Objekten stehen, um Entscheidungen zu treffen, neue Formate zu gestalten. »Es ist etwas genuin Kreatives, wenn jeder einzelne Experte sein Wissen über Skulpturen, Gemälde, Möbel, Schmuck oder Silber einbringt, und wenn man überlegt, wie man das unter einem besonderen Thema marktgängig macht, fällt das digital schwerer. Wir müssen ja Räume erschaffen, emotional gestalten!«.

VORREITER IM DIGITALEN.

Das Auktionshaus arbeitet jedoch schon seit Jahrzehnten mit der Vorstufe des digitalen Handels: Bieter sitzen am Telefon – und mehr und mehr nationale und internationale Kunden verfolgten die Auktionen auch vor Corona schon online, zuletzt bis 30 Prozent. Allein im vergangenen Jahr hat sich der digitale Anteil bei Neumeister um 40 Prozent erhöht. Seit der Pandemie gab es einen weiteren Shift, denn ehemalige Saal- und Telefonbieter steigern seitdem auch digital. Für die Kunsthändlerin hat die Digitalisierung große Vorteile: »Durch das Internet ist der Handel mit Objekten aus allen Kulturräumen per Klick weltumspannend geworden, ich bekomme als Münchner Unternehmen etwa einen Tag, nachdem der Katalog online ist, eine Anfrage aus Australien, von Leuten, die den Namen Neumeister gar nicht kennen, sondern eben ein bestimmtes Objekt suchen.« So hat sich für sie durch die Digitalisierung der Käuferkreis multipliziert.

»Betriebswirtschaftlich ist die Digitalisierung die große Chance, denn man gewinnt mehr Käufer und sieht über Tellerrand des Direkt-Marketing hinaus.« Auf der anderen Seite sieht sie auch in ihrem Bereich eine Form des Hybrid-Marketings als essentiell, um die Aura des Kunsterwerbs am Leben zu halten – und damit ein wichtiges Stück Kultur.

DIE GRENZEN DES DIGITALEN: EMOTIONALE WELTEN SIND ANALOG.

Immer wenn es um Emotionen geht, hat das Digitale seine Grenzen. Nicht nur in der Kunstbranche, aber besonders hier. »Gerade im Konsumentenverhalten sieht man zwar, dass wir alle daran gewöhnt sind, digital zu kaufen – aber wenn es um emotionale Entscheidungen wie den Kauf von Kunst geht, die in Farbigkeit und Format in echt oft anders wirkt, dann kann ich das nicht 100 Prozent durch digitales Arbeiten ersetzen«, sagt Karin Stoll. Nicht umsonst inszenieren nach wie vor manche angelsächsischen Auktionshäuser ihre Verkäufe wie einen Opernabend – mit über dem Saal schwebenden Galerien, in denen den Super-VIPs Champagner und Canapées gereicht werden. Auf der anderen Seite nehmen die neuen Social-Media-Formate wie das persönliche Sich-Vorstellen der hauseigenen Experten und Anleitungen zum Fotografieren von Kunstobjekten vielen potentiellen Einlieferern und Kunden die Schwellenangst.

Neu ist die intensive Nutzung von Instagram: hier postet nicht nur die Chefin persönliche Impressionen, sondern auch Einladungen von Experten zur Einlieferung von Kunstobjekten laufen hier, gleich mit praktischen Tipps, wie Skulpturen am besten mit dem Smartphone fotografiert werden sollen, damit die Experten eine erste Einschätzung machen. Der Appell an Kunden: »Wir freuen uns auf Ihre Kunstwerke!« zeigt Wirkung.

Für Katrin Stoll ist zur Zeit eine komplette Digitalisierung der Auktionen, wie sie von anderen Häusern schon gemacht wurde, jedoch schwer vorstellbar, da sie ihr Geschäft nicht entemotionalisieren möchte. Zu wichtig sind ihr die dramaturgische Moment, der Kontakt zu Kunden und Pressevertretern im Saal, die Aura.

WIE HYBRID ARBEITEN – PROFESSIONELLE BERATUNG.

Ob Öffentliche Verwaltung, Kunstwelt, Versicherung oder Banken: Wie die individuelle Hybrid-Mischung in den Strukturen in Zukunft optimal aussehen kann – dazu arbeiten zunehmend Fachleute aus Unternehmensberatungen und Digitalisierungsagenturen, die maßgeschneiderte Konzepte planen und helfen, sie stetig anzupassen. Denn technologische Fortschritte, neue Management-Methoden und eine sich ändernde Gesetzgebung machen das hybride Arbeiten zu einem völlig neuen Bereich, der alle Abteilungen von Unternehmen betrifft. Und ob der neue Arbeitscocktail ein Verhältnis von 40:60 oder von 70:30 haben wird – das eigene Rezept muss jede Geschäftsleitung individuell finden.

Wie in der Spitzenküche gilt: ausprobieren!

ÜBER STEFANIE VON WIETERSHEIM.

Die Kulturjournalistin Stefanie von Wietersheim liebt ihr analoges Leben in Paris und Niedersachsen – mit Papierbüchern, Designstreichhölzern, Blumenstecken und dem Schreiben von echten Briefen. Ab und zu ist sie als leidenschaftlicher iPhone-Junkie wegen Sehnenscheidenentzündung allerdings arbeitsunfähig, da sie Social Media für die beste Erfindung des Jahrhunderts hält. Über ihre wöchentliche Bildschirmzeit schweigt sie beharrlich. Die heute 49-Jährige studierte in Passau und Tours »Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien«. Nach ihrem Zeitungsvolontariat  bei der »Passauer Neuen Presse« arbeitete sie für Tageszeitungen, Filmproduktion und Hochglanzmagazine. Ihre Bildbände »Frauen & ihre Refugien«, »Vom Glück mit Büchern zu leben«, und »Mütter & Töchter« (Callwey-Verlag) wurden zu Bestsellern ihres Genres. In ihrem Buch »Grand Paris – Savoir-vivre für Insider und solche, die es werden wollen« schreibt sie über ihre Wahlheimat Frankreich. Stefanie von Wietersheim geht als Autorin der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« regelmäßig auf Reportage und schreibt die FAS-Kolumne »Der Wohn-Knigge«. Mit dem in Passau lehrenden Professor Christoph Barmeyer veröffentlichte sie das Buch »Business Know-How Frankreich« (Redline Verlag). Wenn sie nicht gerade schreibt oder chattet, singt sie oder dirigiert ihren Kammerchor.

Artikel 48: Sehnsucht nach dem Analogen

 

BITTE ANFASSEN! ANALOGE ERLEBNISSEHNSUCHT IN DIGITALEN ZEITEN.

Mitten im zweiten Lockdown konstatiert Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn: »Je virtueller unsere Welt wird, umso mehr wächst die Sehnsucht nach analogen Erlebnissen.« Von wegen virtuell…! Das fundamentalste analoge Erlebnis passiert gerade hier und jetzt. Es nennt sich Corona und erzählt die wenig amüsante Geschichte von der normativen Kraft des Faktischen. Und die unserer eigenen Analogizität. Das normale, analoge Leben wird nämlich gerade weitgehend suspendiert und ins Internet verlagert – und scheint uns abhanden zu kommen. Wir spüren deutlicher denn je, dass Content nicht glücklich macht.

DAS DIGITALE TREIBT UNS VOR SICH HER. UND UNS GEHT DIE PUSTE AUS.

Dass die zunehmende Digitalisierung des Alltags Stress verursacht, war auch schon lange vor Corona Thema. Egal, ob wir nachts um elf noch Mails beantworten müssen oder rund um die Uhr damit beschäftigt sind, unser Social Media Profil zu schärfen – das digitale Always-On stresst und macht müde. Die digitalen Möglichkeiten geben die Pace vor, und wir User hecheln hinterher, um daraus Wirklichkeit zu machen. So dass das Bild, das man auf Insta von sich malt, auch den realitycheck besteht. Das Digitale ist der Treiber für den Lauf der analogen Welt. Aber jetzt geht uns die Puste aus.

SCHÖNE NEUE WELT WAR GESTERN. HEUTE IST CORONA.

Schon 2017 schreibt der Autor und New Work Experte Markus Albers: »Die Hoffnung vieler Menschen, dass Technologie uns ein besseres Leben ermöglichen kann, weicht zusehends der Ernüchterung. (…) Gemeint ist sowohl die konkrete, individuelle Erschöpfung, die das Always-On des Digitalen in uns Menschen auslöst. Aber ebenso die abstrakte, begriffliche eines sich erschöpfendenden Heilsversprechens.« Die Party hat ein Hängerchen. Allerdings stellte die digitale Ermattung bis vor Kurzem nur für einen Teil der Gesellschaft ein unausweichliches Problem dar. Jetzt, im Jahr 1 nach Corona, sind wir mehr oder weniger alle »digital overdosed« – von Homeschooling und Homeoffice, Kurzarbeit und Netflix, Lieferando und Zalando. Denn in Wirklichkeit, so merken wir gerade, ist auch das Digitale analog. Ohne seine Emanationen in der realen Welt macht das Digitale keinen Sinn. Die Twitterei von Donald Trump wurde deshalb relevant, weil sie zum sehr analogen, sehr körperlichen «Sturm auf den Kongress« geführt hat.

DAS ANALOGE IST DER KERN VON KULTUR. DAS IST UNSER WESEN.

Im Jahr 1 nach Corona stößt die digitale Welt an ihre Grenzen. Je mehr wir in virtuelle Welten gezwungen werden, desto größer wird das Ungenügen. Weil Leben mehr als Content ist. Wir sind und bleiben analoge Wesen: »Das Analoge ist der Kern von Kultur. (…) Das kulturelle Wesen Mensch lässt sich nicht in binäre Rechenprozesse übersetzen. Es wird nicht zum Algorithmus, die Leitlinien menschlichen Handelns sind und bleiben durch seine, vom biologischen Stoffwechsel geführte, analoge Existenz definiert.« Der suspendierte Stoffwechsel und die mangelnde Spontanität, die das Interagieren in der 3D-Wirklichkeit ausmachen, sind auch die Gründe, warum so viele Digitalangebote letztlich scheitern: Sie bleiben auf der Contentebene stecken. Ein Online-Rundgang durchs Museum kann zwar lehrreich sein, einen Besuch im Louvre kann er nicht ersetzen. Weil wir die Wirklichkeit spüren müssen, mit allen fünf Sinnen. Und das funktioniert nur analog, im Hier und Jetzt und Gegenüber. Oder?

ODER DOCH: EIN FETTER FEHLER IM SYSTEM?

Ist auf die vermeintlich stoffliche Realität gar kein Verlass? Alles ein unendliches Vexierspiel, das uns Wirklichkeit nur vorgaukelt? Wenn wir wie Elon Musk und andere Anhänger von Nick Bostroms Simulationstheorie glauben, wir lebten in einer Simulation, dann muss das Programm gerade einen fetten Bug haben. Zur Beruhigung: Das eine wie folglich auch das andere ist mehr als unwahrscheinlich. Das belegt die aktuelle Studie von Alexandre Bibeau-Delisle und Gilles Brassard, die untersucht, ob und wie Denkprozesse und Interaktionen simuliert werden können: »Unsere gesamte Physik allein mit klassischen Ressourcen nachbilden zu wollen, erscheint kaum machbar.« Nicht zuletzt da Aufwand und Rechenleistung exponentiell in unerreichbare Höhen schießen, je komplexer die zu simulierenden Vorgänge werden – wie etwa bei der der Simulation von Interaktionen simulierter Wesen in einer simulierten Umwelt. Uff, gerade nochmal Glück gehabt.

DAS DIGITALE BERÜHRT UNS NICHT. ABER ES BEWEGT UNS.

In einem Beitrag des Zukunftsinstituts konstatiert Janine Seitz: »Nach der Corona-Krise wird Technologie noch stärker als Hebel für menschliche Begegnungen verstanden werden.« Nähe ist ein Grundbedürfnis, das die digitale Welt nicht bedienen kann. Wie ein Scharnier kann sie Nähe herstellen, aber nicht geben. Das Digitale berührt uns nicht, aber es kann uns bewegen. Zu Interaktionen mit der analogen Welt. Zu Interaktionen in der analogen Welt. Und dazu, die Sehnsucht danach zu schüren.

ÜBER ALEX DANKERT.

Unsere Autorin Alex Dankert war nach ihrem Freischwimmer, der Schule, dem Studium und anschließender Dramaturgie- und Regieassistenzzeit am Staatsheater Darmstadt von 1998 als Juniortexter bis 2009 in Dialog und klassischen Fullservice Werbeagenturen tätig.

Seit 2009 ist sie als freiberuflicher Copywriter, Konzeptioner und CD Text on demand am Start.

 

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