Sehnsucht nach dem Analogen

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Mitten im zweiten Lockdown konstatiert Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn: »Je virtueller unsere Welt wird, umso mehr wächst die Sehnsucht nach analogen Erlebnissen.« Von wegen virtuell…! Das fundamentalste analoge Erlebnis passiert gerade hier und jetzt. Es nennt sich Corona und erzählt die wenig amüsante Geschichte von der normativen Kraft des Faktischen. Und die unserer eigenen Analogizität. Das normale, analoge Leben wird nämlich gerade weitgehend suspendiert und ins Internet verlagert – und scheint uns abhanden zu kommen. Wir spüren deutlicher denn je, dass Content nicht glücklich macht.

Artikel 48: Sehnsucht nach dem Analogen

DAS DIGITALE TREIBT UNS VOR SICH HER. UND UNS GEHT DIE PUSTE AUS.

Dass die zunehmende Digitalisierung des Alltags Stress verursacht, war auch schon lange vor Corona Thema. Egal, ob wir nachts um elf noch Mails beantworten müssen oder rund um die Uhr damit beschäftigt sind, unser Social Media Profil zu schärfen – das digitale Always-On stresst und macht müde. Die digitalen Möglichkeiten geben die Pace vor, und wir User hecheln hinterher, um daraus Wirklichkeit zu machen. So dass das Bild, das man auf Insta von sich malt, auch den realitycheck besteht. Das Digitale ist der Treiber für den Lauf der analogen Welt. Aber jetzt geht uns die Puste aus.

SCHÖNE NEUE WELT WAR GESTERN. HEUTE IST CORONA.

Schon 2017 schreibt der Autor und New Work Experte Markus Albers: »Die Hoffnung vieler Menschen, dass Technologie uns ein besseres Leben ermöglichen kann, weicht zusehends der Ernüchterung. (…) Gemeint ist sowohl die konkrete, individuelle Erschöpfung, die das Always-On des Digitalen in uns Menschen auslöst. Aber ebenso die abstrakte, begriffliche eines sich erschöpfendenden Heilsversprechens.« Die Party hat ein Hängerchen. Allerdings stellte die digitale Ermattung bis vor Kurzem nur für einen Teil der Gesellschaft ein unausweichliches Problem dar. Jetzt, im Jahr 1 nach Corona, sind wir mehr oder weniger alle »digital overdosed« – von Homeschooling und Homeoffice, Kurzarbeit und Netflix, Lieferando und Zalando. Denn in Wirklichkeit, so merken wir gerade, ist auch das Digitale analog. Ohne seine Emanationen in der realen Welt macht das Digitale keinen Sinn. Die Twitterei von Donald Trump wurde deshalb relevant, weil sie zum sehr analogen, sehr körperlichen «Sturm auf den Kongress« geführt hat.

DAS ANALOGE IST DER KERN VON KULTUR. DAS IST UNSER WESEN.

Im Jahr 1 nach Corona stößt die digitale Welt an ihre Grenzen. Je mehr wir in virtuelle Welten gezwungen werden, desto größer wird das Ungenügen. Weil Leben mehr als Content ist. Wir sind und bleiben analoge Wesen: »Das Analoge ist der Kern von Kultur. (…) Das kulturelle Wesen Mensch lässt sich nicht in binäre Rechenprozesse übersetzen. Es wird nicht zum Algorithmus, die Leitlinien menschlichen Handelns sind und bleiben durch seine, vom biologischen Stoffwechsel geführte, analoge Existenz definiert.« Der suspendierte Stoffwechsel und die mangelnde Spontanität, die das Interagieren in der 3D-Wirklichkeit ausmachen, sind auch die Gründe, warum so viele Digitalangebote letztlich scheitern: Sie bleiben auf der Contentebene stecken. Ein Online-Rundgang durchs Museum kann zwar lehrreich sein, einen Besuch im Louvre kann er nicht ersetzen. Weil wir die Wirklichkeit spüren müssen, mit allen fünf Sinnen. Und das funktioniert nur analog, im Hier und Jetzt und Gegenüber. Oder?

ODER DOCH: EIN FETTER FEHLER IM SYSTEM?

Ist auf die vermeintlich stoffliche Realität gar kein Verlass? Alles ein unendliches Vexierspiel, das uns Wirklichkeit nur vorgaukelt? Wenn wir wie Elon Musk und andere Anhänger von Nick Bostroms Simulationstheorie glauben, wir lebten in einer Simulation, dann muss das Programm gerade einen fetten Bug haben. Zur Beruhigung: Das eine wie folglich auch das andere ist mehr als unwahrscheinlich. Das belegt die aktuelle Studie von Alexandre Bibeau-Delisle und Gilles Brassard, die untersucht, ob und wie Denkprozesse und Interaktionen simuliert werden können: »Unsere gesamte Physik allein mit klassischen Ressourcen nachbilden zu wollen, erscheint kaum machbar.« Nicht zuletzt da Aufwand und Rechenleistung exponentiell in unerreichbare Höhen schießen, je komplexer die zu simulierenden Vorgänge werden – wie etwa bei der der Simulation von Interaktionen simulierter Wesen in einer simulierten Umwelt. Uff, gerade nochmal Glück gehabt.

DAS DIGITALE BERÜHRT UNS NICHT. ABER ES BEWEGT UNS.

In einem Beitrag des Zukunftsinstituts konstatiert Janine Seitz: »Nach der Corona-Krise wird Technologie noch stärker als Hebel für menschliche Begegnungen verstanden werden.« Nähe ist ein Grundbedürfnis, das die digitale Welt nicht bedienen kann. Wie ein Scharnier kann sie Nähe herstellen, aber nicht geben. Das Digitale berührt uns nicht, aber es kann uns bewegen. Zu Interaktionen mit der analogen Welt. Zu Interaktionen in der analogen Welt. Und dazu, die Sehnsucht danach zu schüren.

ÜBER ALEX DANKERT.

Unsere Autorin Alex Dankert war nach ihrem Freischwimmer, der Schule, dem Studium und anschließender Dramaturgie- und Regieassistenzzeit am Staatsheater Darmstadt von 1998 als Juniortexter bis 2009 in Dialog und klassischen Fullservice Werbeagenturen tätig.

Seit 2009 ist sie als freiberuflicher Copywriter, Konzeptioner und CD Text on demand am Start.

Dieser Artikel wurde uns von PERFORMANCE ONE zur Verfügung gestellt:
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Christian Land
Chief Experience Officer
christian.land@performance.one

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