Interview: Was steckt hinter dem neuen Cloud-Angebot der Schwarz-Gruppe?

Gartner-Analyst Rene Büst: Schwarz-Gruppe wird die lokale Karte spielen als deutsches Unternehmen für den deutschen Mittelstand.

Die Ankündigung der Schwarz-Gruppe, die eigene Cloud „Stackit“ für andere Unternehmen zu öffnen, hat einen Medienwirbel ausgelöst. Warum? Ist das Interesse nur so groß, weil unter anderem Lidl und Kaufland zur Schwarz-Gruppe gehören und wenige wissen, dass es die Schwarz-IT mit rund 4.000 Mitarbeiter*innen gibt?
Rene Büst: 
Ich kann das Interesse insofern verstehen, dass die Wenigsten wissen, dass hinter Lidl und Kaufland auch ein großes IT-Unternehmen steckt. Vielleicht denken manche Journalisten auch, dass dort ein Unternehmen entsteht, das mit AWS vergleichbar ist. Das würde ich aber grundsätzlich bezweifeln. Dies wurde von der Schwarz-Gruppe auch nicht behauptet, denn man weiß dort sehr genau, dass das eigene Angebot nicht mit AWS, Microsoft Azure oder Google Cloud konkurrieren kann.

Aber könnte es ein Anfang sein?
Im Grunde geht es bei der Schwarz-Cloud „Stackit“ im Wesentlichen um Infrastructure as a Service – also Server, Storage, Network. Damit sind die Hyperscaler zwar auch groß geworden, haben viel Geld verdient und dieses Geschäft ist auch immer noch wichtig. Aber man darf nicht vergessen, dass gerade AWS heute besonders durch Plattformservices und Zusatzlösungen wie künstliche Intelligenz oder IoT punkten.

Stackit bietet aber auch Plattform-Services an?
Die aber nicht vergleichbar sind mit dem Angebot der Hyperscaler. Woraus die Schwarz-Gruppe auch keinen Hehl macht und sogar sagt, dass sie diesbezüglich kein konkurrenzfähiges Angebot haben. Es gibt aber erste Services wie MySQL oder MongoDB sowie eine Kubernetes Engine. Vielleicht kommt noch mehr dazu. Auch wenn also das Angebot von Stackit noch überschaubar ist, kann es für gewisse Workloads schon attraktiv sein.

Die Strategie von Schwarz habe ich aber noch nicht ganz verstanden. Will man vielleicht vorhandene, nicht genutzte Kapazität ausfüllen?
Ich glaube eher, dass Schwarz den vorhandenen Bedarf auf dem deutschen Markt sieht. Sie adressiert die mittelständischen Unternehmen in Deutschland, die nicht zu einem nicht deutschen Anbieter gehen wollen. Und im Mittelstand gibt es immer noch ausreichend Marktpotenzial, Kunden zu gewinnen, auch wenn schon viele Unternehmen in der Cloud sind.

Was macht das Cloud-Angebot der Schwarz-Gruppe dann aus?
Wir wissen von allen großen Cloud-Anbietern, dass sie nach wie vor Schwierigkeiten haben, in den Mittelstand reinzukommen. Das fängt damit an, dass kein Vertrauen vorhanden ist, Daten dort hinzugeben. Dazu kommt häufig die konservative Einstellung des deutschen mittelständischen Geschäftsführers. Das darf man niemals unterschätzen. Ich gehe daher davon aus, dass sie die lokale Karte spielen werden, als deutsches Unternehmen für den deutschen Mittelstand, mit Services, die aus Deutschland heraus erbracht werden. Wir kennen euch. Wir wissen, wie ihr tickt. Wir wissen, wie eure Geschäfte funktionieren. Plus der Tatsache, dass Schwarz eine riesige IT-Infrastruktur für Lidl und Kaufland betreibt. In diesem Punkt ist die Story mit der von Amazon zu vergleichen.

Aber braucht nicht gerade der Mittelstand mehr als reine Infrastruktur, da es oft an eigenem Know-how durch Mangel an Fachkräften fehlt?
Große Unternehmen und Startups gehen zu einer AWS, da sie Know-how in den eigenen Reihen haben. Der Mittelstand arbeitet eher mit Partnern, die den Betrieb übernehmen. Die Stackit muss daher das Partnernetzwerk konsequent mit Service Providern ausbauen und den Kunden anbieten, dass diese Partner helfen, sie in die Cloud zu bringen und neben der reinen Infrastruktur zusätzliche Services anbieten.

Könnte die Schwarz-IT nicht selbst solche Services anbieten?
Es besteht schon ein Unterschied, ob ich die IT von internen Kunden oder die von externen Kunden bediene. Und es stellt sich die Frage, ob die Schwarz-IT die Kapazität hat, Mitarbeiter für externe Kunden abzustellen. Die Idee wäre sicherlich nicht verkehrt, hängt aber sehr von den Delivery-Kapazitäten ab, sich auch als externer IT-Service-Provider aufzustellen.

Es werden auch bewusst Co-Location-Service angeboten. Gibt es dafür noch einen Markt?
Wir sehen, dass der Co-Location-Markt abnimmt. Riesiges Wachstum ist dort nicht mehr zu erwarten. Dennoch sind Unternehmen vorsichtiger geworden. Zu wem sie mit ihren Applikationen und Daten gehen. Einige wollen nach wie vor gewisse Sachen selbst betreiben. Und es gibt immer noch Co-Location-Anbieter, die damit gutes Geld verdienen. Ich denke daher, dass bei Schwarz der Fokus verstärkt auf dem Cloud-Angebot liegen wird, aber man Kunden die Möglichkeit zu hybriden Lösungen bieten will.

In der Pressemitteilung der Schwarz-Gruppe heißt es: „Mit STACKIT wird erstmals eine Cloud-Lösung verfügbar, die zu 100 Prozent ‚Made in Germany‘ ist und sich an den hohen Anforderungen sowie am Sicherheitsbedarf der Unternehmen und Verwaltungen orientiert.“ Erstmals ist doch nicht ganz korrekt. Es gibt doch längst andere Anbieter, die das Kriterium Deutschland und EU erfüllen?
Die Open Telekom Cloud hat Rechenzentren in Deutschland, Niederlande und in der Schweiz. Ionos hat in Karlsruhe Rechenzentren. Dazu kommen einige kleinere Anbieter. Es gibt zahlreiche Cloud-Anbieter, die schon lange auf dem deutschen Markt sind. Daher sehe ich diese Behauptung von Schwarz als reines Marketing. Man könnte sagen, dass man sich damit sehr weit aus dem Fenster lehnt.

Wie sieht es mit dem Thema Preise und Wettbewerbsfähigkeit aus. Kann ein kleinerer Anbieter wie Stackit mit den Preisen von Google Cloud oder AWS mithalten und tatsächlich wettbewerbsfähig sein in diesem Markt?
Die Hyperscaler profitieren von den Economies of Scales, also insbesondere von ihrer Größe und somit von ganz anderen Einkaufspreisen sowie der Menge an Kunden, die sie bedienen. Da kann Schwarz eigentlich nicht mithalten. Aber die Preise sind sehr schwer vergleichbar, da manche Anbieter inzwischen im Sekundentakt abrechnen und die Ausstattung der virtuellen Maschinen unterschiedlich sind. Daher wird wahrscheinlich das Thema deutsche Cloud in deutschen Rechenzentren das wesentliche Argument sein.

Wie bewerten Sie dann die Marktchancen für Stackit?
Die Wettbewerber sind nicht die Hyperscaler. Es geht also nicht um die 1. Liga, sondern um die 2. Bundesliga. Der Wettbewerb besteht im eigenen Land. Und da gibt es andere Cloud-Anbieter, deren Angebote umfangreicher sind. Andererseits steigt der Bedarf an Cloud-Kapazitäten enorm an, und das Marktpotenzial neue Kunden zu gewinnen, ist weiterhin ungebrochen.

 

Rene Büst, Gartner Analyst mit dem Fokus auf Cloud IT Services

René Büst ist Gartner Analyst mit dem Fokus auf Cloud IT Services. Zuvor war er Director of Technology Research bei der arago GmbH, Senior Analyst und Cloud Practice Lead bei der Crisp Research AG sowie Principal Analyst bei New Age Disruption und Mitglied des weltweiten Gigaom Research Analyst Network. René Büst gilt als Top Cloud Computing Analyst in Deutschland und gehört weltweit zu den Top Analysten in diesem Bereich. Darüber hinaus zählt er zu den weltweiten Top Cloud Computing Influencers und den Top 100 Cloud Computing Experten auf Twitter und Google+. Seit Mitte der 90er Jahre Jahren konzentriert sich René Büst auf den strategischen Einsatz der Informationstechnologie in Unternehmen und setzt sich mit dem IT-Einfluss auf unsere Gesellschaft sowie disruptiven Technologien auseinander.

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