Citizen Developer sagen dem IT-Fachkräftemangel den Kampf an

Sind technisch versierte Mitarbeiter ohne Software-Entwicklungskompetenz eine Antwort auf den leergefegten IT-Arbeitsmarkt, fragt Larissa Wissmann von der Haufe Group.

Kein Unternehmen kommt mehr um die Digitalisierung von Prozessen und Geschäftsmodellen herum. Die Folge: Bei immer knapperen IT-Personalkapazitäten sehen wir einen wachsenden Digitalisierungsbedarf. Eine Lösung, die diese Lücke zu schließen vermag, ist Citizen Development. Die Auslagerung von Entwicklungsaufgaben an IT-fremde Mitarbeitende stellt eine gute Möglichkeit dar, um besonders kleinere, speziellere Anwenderthemen schnell umzusetzen.

Hier sind keine ausgebildeten Informatiker am Werk, sondern technisch versierte Mitarbeiter. Diese entwickeln selbstständig Lösungen, die tägliche Routine-Aufgaben und Prozesse automatisieren und damit deutlich optimieren. Das Einzige, was sie dafür benötigen, sind geeignete Tools, die ihnen mit vorgefertigten Bausteinen dazu verhelfen, eine Anwendung zu erstellen. Da die Citizen Developer Programmierer:innen und Anwender:innen zugleich sind, kennen sie wiederkehrende lästige Tätigkeiten aus erster Hand und wissen daher besser als jede:r Entwickler:in, worauf es bei dem entsprechenden Prozess ankommt und was genau die neue Anwendung leisten muss. Mit den so entstehenden neuen Lösungen werden Fachanforderungen demnach direkt umgesetzt.

Welche Tools nutzt ein Citizen Developer?

Die Basis, die den Citizen Developern dazu verhilft, ihre Anwendungen trotz fehlender Entwicklungskompetenz zu programmieren sind „Low-Code-“ und „No-Code-Plattforms“. Statt klassischer Programmiersprachen bieten diese standardisierten Werkzeuge grafische Bausteine, Vorlagen und vordefinierte Widgets, mit denen die Citizen Developer per Drag & Drop ihre gewünschten Anwendungen schnell, kostengünstig und intuitiv selbst realisieren können.

Bei „Low-Code-Platforms“ ist das Schreiben eines traditionellen Codes nach wie vor Teil des Entwicklungsprozesses, dieser wird jedoch durch visuelle und grafische Methoden reduziert bzw. vereinfacht und hält somit den Programmieraufwand klein. „Low-Code-Platforms“ kommen vor allem bei komplexeren Anwendungen zum Einsatz, die unternehmenskritische Prozesse ausführen oder Teil der Kernsysteme einer Organisation sind. Eine „Low-Code“ Lösung bietet beispielsweise die von der Haufe Group genutzte „Microsoft Power Platform“. „No-Code“ geht noch einen Schritt weiter und ermöglicht auch technisch noch weniger versierten Anwender:innen, Apps zu entwickeln, ohne auch nur eine einzige Zeile Code schreiben zu müssen.

Wie lässt sich Citizen Development im Unternehmen etablieren?

Möchte man das Thema Citizen Development im Unternehmen verankern und verfügt über Mitarbeiter, die an der Umsetzung  interessiert sind, bietet sich ein Kick-Off-Workshop an, wie wir ihn auch in der Haufe Group durchgeführt haben. Hier wurden mögliche Ideen für Anwendungen gesammelt und ein erster grober Projektplan entwickelt. Die Nachfrage war enorm und der Workshop ein großer Erfolg.

Befindet sich das Projekt in der Umsetzung, gilt es, einen guten Balanceakt zwischen Kontrolle und Freiheit zu schaffen: wo es auf der eine Seite eine zentrale Instanz geben muss, um redundante Projekte zu vermeiden, muss gleichzeitig darauf geachtet werden, dass die Kreativität und Motivation der Citizen Developer gewahrt bleibt. Zudem müssen die zukünftigen Programmierer für das, was sie tun, sensibilisiert werden – wichtig sind hier besonders Themen wie Datenschutz und Sicherheit. Auch folgende Fragen sollten vor Beginn geklärt werden: Wie umfangreich wird die entwickelte Software getestet? Wie sicher sind die Anwendungen und wer verfügt über die Rechte? Wer ist für die Wartung und die Pflege der entwickelten Software zuständig und wer ist der oder die Ansprechpartner:in bei auftretenden Problemen? Diese Leitplanken sind erfolgskritisch für die Anwendungen der Citizen Developer.

Ist eine neue Software einsatzbereit, gilt es nur noch, diese in die Abteilungen des Unternehmens zu integrieren. Bei umfangreicheren Anwendungen kann hier noch die Hilfe der IT-Abteilung von Nöten sein, während kleinere Lösungen auch problemlos direkt genutzt werden können. Ist eine Entwicklung unternehmensweit von Relevanz und bringt einen erheblichen Mehrwert, bietet sich sogar die Investition in eine Lizenz an.

Herausforderungen des Talentmangels direkt angehen

Heute ist eigentlich jedes Unternehmen ein Softwareunternehmen und benötigt immer mehr Anwendungen, um die betriebliche Effizienz zu verbessern, Innovationen voranzutreiben und Umsätze zu generieren. Unternehmen, die ein Citizen Development Programm starten, gehen die Herausforderungen des Talentmangels direkt an, indem sie ihre Mitarbeitenden dazu befähigen, selbst Anwendungen zu entwickeln, die ihre unmittelbaren Probleme lösen. Die Tatsache, dass Nicht-Entwickler:innen mit einer technischen Hilfestellung zu Citizen Developern werden können, entlastet nicht nur die IT, sondern erhöht die Entwicklungsressourcen und spart auch Zeit und damit Kosten.

Statt die Anforderungen der IT-Abteilung zu erklären und dann womöglich in langwierigen Abstimmungsschleifen zur Umsetzung zu bringen, helfen sich die Fachbereiche mit einer nutzerfreundlichen Baukastenlösung selbst. Die „Low-Code“ und „No-Code“ Entwicklungen fördern damit die Zufriedenheit und sorgen für eine höhere Mitarbeiter-Motivation. Zudem erweitern Unternehmen durch die Implementierung massiv die Anzahl der Personen, die bei der digitalen Transformation helfen und aktiv unterstützen können.

 

Larissa Wissmann

verantwortet seit November 2021 als Head of Digitalization das Vorantreiben der Digitalen Transformation der Haufe Group. In dieser Rolle beschäftigt sie sich vor allem mit Performance-Themen, die Potenziale innerhalb des Unternehmens freilegen sollen und hat sich dem Thema Citizen Developer verschrieben.