Mohit Joshi

ist President Head, Banking, Financial Services & Insurance (BFSI), Healthcare and Life Sciences Head, Infosys Brazil and Infosys Mexico.

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Ost oder West: Innovation dominiert das Bankenwesen und Finanzdienstleistungen

Finanzdienstleister und das Bankenwesen waren unter den ersten, die auf digitale Innovationen setzten – angetrieben von Kundenanforderungen, den starken Wettbewerb durch FinTech-Unternehmen und Regulierungsmandate.

Innovative Produkte und Services, die auf neuen Technologien und Geschäftsmodellen basieren und von jungen Finanz-Startups auf den Markt gebracht wurden, zeigen, dass gängige Ansätze wie Fusionen und Übernahmen sowie neue Produktkombinationen oder die Erschließung neuer Märkte nicht mehr zukunftsweisend sind – die Banken- und Finanzdienstleistungsbranche sollte vielmehr nach Wachstumsmöglichkeiten suchen, die auf Technologien und Kooperationen fußen.

Weltweit gibt es dazu wegweisende Beispiele. In China und Indien stammen zahlreiche Innovationen von nicht-traditionellen Unternehmen, sie haben aber auch einen großen Kundenstamm, der zwar neue Services und Erlebnisse fordert, aber gleichzeitig zurückhaltend bei der Nutzung neuer Apps ist.

China – Eine Nation mit Lust auf Innovation

Drei der weltweiten Top 5 FinTech-Unternehmen – Ant Financial, JD Finance und Baidu – haben ihren Hauptsitz in China. Dabei unterstützt Ant Financial den Technologie-Riesen Alibaba und wird weltweit mit 150 Milliarden US-Dollar am besten bewertet. Alle führenden Banken in China kooperieren entweder mit Technologieunternehmen oder investieren in neue Technologien.

Das Jahr 2019 verzeichnete 840 Millionen Internetnutzer in China. 2018 hatten fast 58 Prozent der Chinesen Zugang zum mobilen Internet und fast 70 Prozent der Smartphone-Besitzer nutzen Online-Shopping. 2022 sollen die Olympischen Spiele in China stattfinden. Aufgrund dessen arbeitet das Land aktuell mit Hochdruck an der Einführung und dem Ausbau von des neuen Mobilfunkstandards 5G. Gleichzeitig steigt die Nachfrage der technologieaffinen Verbraucher nach innovativen mobilen Apps wie IP-basierte Anwendungen und Technologien für kontaktloses, mobiles Bezahlen.

Digitales Bezahlen ist in China bereits weit fortgeschritten und verbreitet. UnionPay, Teil der Central Bank in China, ist der größte Anbieter der Global Card Networks – gefolgt von Visa und MasterCard. Mehr als 50 Prozent der Zahlungen in China werden über Alipay getätigt. Die Plattform WeChat Pay ist die aktuell am schnellsten wachsende Zahlungsmethode und bietet darüber hinaus Möglichkeiten zur geschäftlichen Kollaboration, Social Networking und den Handel.

Die Regierung investiert verstärkt in Technologien (Gesichtserkennung), um digitale Ausweise für die chinesischen Bürger einzuführen. Dabei werden bereits neue Synergien genutzt, unter anderem können lassen sich existierende mobile und Zahlungs-Apps als Ersatz für den nationalen Personalweis nutzen. Alibaba führte in drei Städten in China digitale Personalausweise ein, die von der Regierung zertifiziert sind.
Eine fehlende physikalische Infrastruktur sowie die die Weiterentwicklung der Chinesischen Regulierungen – weg von investitions- und hin zu verbrauchsorientiert – sowie die Etablierung der politischen Rahmenbedingungen zur Regulierung und Unterstützung des Internets sowie der FinTech-Branche, hat dazu geführt, dass China weltweit am schnellsten digital in der Finanzbranche wächst.

Indien – Eine Nation junger Unternehmer und FinTech-Unternehmen

Indien ist seinem Nachbarn China als aufstrebender Markt dicht auf den Fersen. Anstatt Alipay, gibt es in Indien Paytm. Im Jahr 2010 war Paytm noch eine Webseite, über die Nutzer das Guthaben für ihre Mobiltelefone wieder aufladen können. Mittlerweile hat sich Paytm zu Indiens größtem digitalen Finanzdienstleistern entwickelt und wird von Alibaba aus China, Softbank Vision aus Japan und Berkshire Hathaway von Warren Buffett unterstützt. Jede dritte mobile Banktransaktion wird in Indien von der Paytm Zahlungsbank durchgeführt. Doch der Wettbewerb wird schärfer: Mittlerweile muss sich Paytm gegen lokale Wettbewerber wie PhonePe, aber auch gegen globale Player wie Google Pay und Amazon Pay behaupten.

Laut Statistiken gab es in Indien in 2018 mehr als 480 Millionen Internet-Nutzer. Der Global Fin Tech Adoption Index 2019 zeigt, dass sowohl in China als auch in Indien 87 Prozent der digital aktiven Bevölkerung eine Art von FinTech nutzen. Laut Nielson Holdings ist Indien eines der Top-Länder für den Online-Verkauf von Gebrauchs- und Verbrauchsgütern wie Mode, Reisen, Schönheits- und Körperpflege, Haushaltswaren und verpackten Lebensmitteln.

Indiens hochentwickeltes Identifizierungssystem Aadhaar ist das größte biometrische ID-System der Welt, das eine große Menge an Bevölkerungsdaten effektiv in einer Datenbank digitalisiert hat. Unternehmen integrieren diese Datenbank in ihre Dienstleistungen – die indischen Verbraucher können damit von ihren digitalen Geräten aus Bank- und andere Finanz- und Regierungstransaktionen durchführen.
Die indische Regierung engagiert sich verstärkt für die finanzielle Eingliederung und Digitalisierung des Landes durch Programme wie India Stack (größte Zahl offener APIs, die Unternehmern und der Regierung einen technologischen Rahmen bieten), Startup India Program, Jan Dhan Yojna (das die Einrichtung von Bankkonten für Unterprivilegierte erleichtert) und die Initiativen des National Payments Council of India (zur Einführung von Innovationen in den Zahlungssystemen).

Das jahrhundertealte Bankgewerbe im Westen sucht jetzt nach neuen Ideen

Das Bankwesen und die Finanzdienstleister existieren als Branche im Westen seit über hundert Jahren. Sie sind nun aber an einen Punkt angekommen, an dem veraltete Infrastrukturen, traditionelle Prozesse und steife Arbeitskulturen den Fortschritt verhindern. Die Branche hat es versäumt, mithilfe digitaler Möglichkeiten zu innovieren – ähnlich wie ihre Pendants in den östlichen Märkten. Technologieunternehmen konzentrieren sich jedoch auf Finanzprodukte, wenn auch nicht unbedingt für Banken.

Apple und Goldman Sachs haben die Apple Kreditkarte angekündigt. Amazon und Airbnb planen gemeinsam mit JP Morgan die Markteinführung eines E-Wallet für Zahlungsabwicklungen. Auch die App Libra von Facebook ist ein weiteres Beispiel. Citi ventures, Teil der Citigroup, investiert in Startups, um die Implementierung von Technologien für Citi und seine Kunden zu voranzutreiben.

In Europa gibt es ebenfalls zahlreiche Innovationsgeschichten, unter anderem die Kooperation mit dem Namen „Barclays Accelerator“ zwischen Barclays Bank und dem Startup Techstars. Das gemeinsame Programm entwickelt gezielt Innovationen mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI), Big Data und Kryptowährungen. Die Deutsche Bank betreibt in Europa, Asien und Nordamerika Innovation Labs. Diese arbeiten mit Startups zusammen, um Herausforderungen von Banken zu adressieren und Technologien in realen Bankenszenarien zu testen.

Im Januar 2019 wurde The Global Financial Innovation Network (GFIN) von 50 internationalen Finanzaufsichtsbehörden und verwandten Organisationen gegründet, um weltweit Finanzinnovationen voranzutreiben. Zuvor veröffentlichte die European Banking Authority (EBA) ihre FinTech-Roadmap mit Prioritäten in Sachen Finanzinnovationen und rief den FinTech Knowledge Hub ins Leben. Ziel des Hubs ist es, um Finanzinnovation zu überwachen, den Wissensaustausch zu erleichtern und die technologische Neutralität von Regulierungsansätzen zu fördern.

Es ist offensichtlich, dass Banken und Finanzdienstleister in allen Ländern „FinTech as a Service“ in Betracht ziehen, um mit neuen Marktteilnehmern zu konkurrieren und gleichzeitig den digitalen Wandel vom Kern mit einer umfassenderen Strategie weiter voranzutreiben.