Mohit Joshi

ist President Head, Banking, Financial Services & Insurance (BFSI), Healthcare and Life Sciences Head, Infosys Brazil and Infosys Mexico.

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Super Apps dominieren künftig den Zahlungsverkehr

China nahm in der Evolution des Geldes bereits in der Vergangenheit eine Art Pionierrolle ein und ebnete der Welt den Weg: Von der antiken Nutzung von Kaurimuscheln als Warengeld, der Standardisierung von Bronzemünzen um 1000 v. Chr., ledergemachten Schuldscheinen während der Han-Dynastie oder der Einführung von Papiergeld im siebten Jahrhundert. Auch heute sind die Chinesen mithilfe sogenannter Super Apps in Sachen Finanzen auf Innovationskurs.

WeChat und Alipay, Teil von Tencent und Ant Financial, haben die Art und Weise, wie Händler mithilfe der Plattformen Verbraucher ansprechen und Zahlungen abwickeln, neu erfunden. Die Plattformen bieten Händlern und Unternehmen die notwendigen Tools, um einen Anwenderpool zu abonnieren, nach Kunden zu suchen, diese anzusprechen und mit ihnen zu interagieren sowie Transaktionen mit potenziellen und bestehenden Kunden durchzuführen.
Beide Anwendungen starteten ursprünglich als Chat- und Networking-Service – damit konnten sie einen Kundenstamm von 1,151 Milliarden bzw. über 900 Millionen Anwendern aufbauen – seitdem entwickelten sie sich zu unentbehrlichen Begleitern für chinesische Anwender. Die Plattformen umfassen inzwischen ein komplettes Ökosystem von Dienstleistungen, die von alltäglichen Verbraucherbedürfnissen, Online-Diensten und -Einkäufen, verschiedenen Anwendungsfällen wie Nachrichtendiensten, Suche nach Haushaltshilfen, Buchung von Arztterminen, Spenden für wohltätige Zwecke, Investitionen und sogar bis hin zu Spielen und Unterhaltung reichen.

Mehrwert aus den Super Apps ziehen

WeChat-Nutzer verbringen im Durchschnitt pro Tag 66 Minuten mit App – zählt man Kommunikation, Shopping oder Entertainment über die Plattform hinzu, kommen Nutzer sogar auf bis zu vier Stunden täglich. Möglich wird dies durch sogenannte Mini Apps, die leicht zu entdecken, schnell zu laden und zu verwenden sind: Sie bieten sofortige Lösungen für eine bestimmte Anwendung. Anwender greifen auf den gewünschten Dienst über die Super App selbst zu, und sobald sie ausgeliefert ist, verschwindet die Mini App, bis sie beim nächsten Mal wieder benötigt wird.

Dies steht im Gegensatz zum derzeitigen Ansatz traditioneller Apps, die unabhängig voneinander arbeiten, um Aufmerksamkeit und Umsatz konkurrieren sowie Händler und Nutzer direkt miteinander vernetzen. Diese Funnelling-Fähigkeit ermöglicht es den Super Apps, als virtuelle Marktplätze zu agieren, und basiert auf dem Volumen der verfügbaren Mini Apps innerhalb der Plattform. WeChat verfügte Anfang 2019 über 2,3 Millionen Mini Apps, während AliPay sich im Januar 2019 mit über 120.000 rühmte – verglichen mit 1,84 Millionen Apps auf iOS und 2,57 Millionen Android-Apps im vierten Quartal 2019.

Super Apps sind nicht nur für Kunden attraktiv und komfortabel. Ein offizielles WeChat-Konto ermöglicht es Unternehmen, direkt mit den Verbrauchern in Kontakt zu treten, die ihnen folgen. Die Kommunikation zwischen den Händlern ist im Prinzip so einfach wie die Frage, wo sich eine Dienstleistung finden lässt (z.B. eine Ladestation für ein Elektroauto) oder so komplex wie das Zusammenführen von Kunden, um Gruppenrabatte zu ermöglichen.

Vorteile von Super Apps vs. traditionelle Zahlungsmethoden

Basierend auf der starken Beziehung zwischen Verbrauchern und Händlern stellen Super Apps das traditionelle Zahlungsmodell komplett auf den Kopf. Besonders aufgrund des generierten Volumens und des zugrunde liegenden Technologie-Stacks liegen die Händlergebühren bei gerade einmal 0,55-0,6 Prozent – und damit die Gebühren der Banken für Kredit- und Debitkarten um mindestens 40 Prozent unterbieten.

Der Vorteil, den die Super Apps gegenüber traditionellen Geschäftsmodellen haben, ist ein Beinahe-Monopol auf Verbraucherdaten, etwa, wo Verbraucher Waren kaufen, wie sie einkaufen, wie viel sie ausgeben und welche Dienstleistungen sie in Anspruch nehmen. Marketing basiert dann auf den Echtzeit-Bedürfnissen, Interessen und dem Verhalten der Kunden.

Händler können so verschiedene Analysen durchführen, darunter die Anzahl der Produkteinführungen, die Anzahl der Aktien, den Vergleich der App-Nutzung in verschiedenen Zeiträumen, die aktive Anwenderbindung, die durchschnittliche Besuchsdauer oder die Demografie. Die leistungsstarke Kombination aus Social Media-Marketing- sowie Zahlungsplattformen, Kommunikationssystemen und Online-Shops generiert signifikante Wettbewerbsvorteile.

Die Zukunft der Online-Transaktionen

Die große Frage für den Rest der Welt lautet nun: Kann dieses Modell auch für andere Märkte übernommen werden? Zahlreiche New Age-Unternehmen arbeiten bereits an entsprechenden Strategien. Die in Singapur ansässige Firma Grab und die indonesische Firma Gojek eifern beispielsweise WeChat und AliPay mit einem wachsenden Angebot an Dienstleistungen nach. In ähnlicher Weise fügt Line – der japanische Nachrichtendienst – Lebensmittelzustellungs-, Taxi- und Zahlungsdienste hinzu. iFood aus Brasilien und Rappi aus Kolumbien treten in die Fußstapfen von WeChat.
Auch Facebook replizierte das Super App-Zahlungsmodell. Mit 2,5 Milliarden Nutzern weltweit und einem Portfolio, das aus der Facebook-App, Messenger, WhatsApp und Instagram besteht, ist das Unternehmen gut positioniert. Das Facebook-eigene WhatsApp testet bereits P2P-Zahlungen in Indien – seinem größten Markt mit 400 Millionen Nutzer. Darüber hinaus führte Facebook Libra, seine Kryptowährungsplattform, zusammen mit der digitalen Brieftasche Calibra für Kryptowährungen ein.

Zunächst soll Calibra Geld speichern und schnelle Transaktionen zu geringen Kosten über Facebook Messenger und WhatsApp ermöglichen. Darüber hinaus sind bereits erste Marken wie Spotify, Uber, Lyft, Mastercard und eBay dem Zahlungsverkehrs-Ökosystem beigetreten – weitere folgen in Kürze. Natürlich sollte man an dieser Stelle nicht vergessen, dass die US-Amerikaner bereits seit längerer Zeit großflächig Kredit- und Debitkarten nutzen – dies verschafft Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil, die innovative digitale Zahlungsmethoden anbieten. Aber die Kundenloyalität gegenüber Marken kann sich über Nacht ändern, wenn eine bessere, einfachere, intuitivere oder günstigere Option auftaucht. Verbraucher fordern personalisierte Einkaufserlebnisse und spezifische Produktangebote. Sie wollen mit standortbezogenen Rabatt- und Belohnungsprogrammen umworben werden, die durch Plattform-Ökosysteme leicht möglich sind.

Weltweit wurden Verbraucher durch unkomplizierte und komfortable E-Commerce-Plattformen auf den Wandel um Zahlungsverkehr vorbereitet – dies wiederum führte zu signifikanten Veränderungen im Verhalten der Verbraucher. Neue Zahlungsmethoden, die von Technikgiganten wie Google, Apple und Amazon eingeführt wurden, haben das Verbrauchererlebnis verändert und dazu geführt, dass die Kunden vermehrt zu Super Apps greifen. Auch die demographische Entwicklung spielt hier eine Schlüsselrolle, da die nächste Generation von sogenannten digital-native Verbrauchern Zahlungen über den Omnichannel abwickelt.

Sollte der Schritt von Facebook in den Bereich des Zahlungsverkehrs gelingen, wird das Unternehmen weitere solcher Super Apps auf den Markt bringen und damit das derzeitige Paradigma des Zahlungsverkehrs – und darüber hinaus – verändern, indem es Händlern eine zentrale Anlaufstelle für Werbung, Kommunikation, Analyse und Transaktionen mit Kunden bietet. Es könnte sogar über den Zahlungsverkehr hinausgehen und die Zukunft unserer Online-Transaktionen sein.

Mohit Joshi ist President von Infosys Ltd und leitet die Bereiche Banking, Financial Services & Insurance (BFSI), Healthcare und Life Sciences. Darüber hinaus fallen die unternehmensweiten Sales Operations und Reporting-Prozesse in seinen Verantwortungsbereich sowie das Management von Großprojekten und der Ausbau der wichtigsten Kunden des Unternehmens. Mohit Joshi hat in seiner Zeit bei Infosys unter anderem in den USA, Indien, Mexiko und Europa gearbeitet. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit den Schnittstellen von Financial Services und Technologie und wurde darüber hinaus bei dem World Economic Forum 2019 in Davos als Young Global Leader (YGL) ausgezeichnet.