Microsoft unternimmt hastige Multimedia-Klimmzüge

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Auf vielen Gebieten ist der Software-Konzern aus Redmond führend oder gar der einzige Anbieter. Nicht so bei Multimedia-Anwendungen. Mit zwei Initiativen versucht Microsoft nun, das zu ändern.

Microsoft hat seine Anstrengungen im Multimedia-Sektor noch einmal verstärkt. Zum einen wird mit dem neuen ‘Office 2003’ auch ein Web-Conferencing-Dienst angeboten, zum anderen überrascht der Software-Multi mit einem ungewöhnlichen Schachzug: Dem Standardisierungsgremium ‘Society of Motion Picture Television Engineers’ (SMPTE) wurde die Technologie rund um Windows Media 9 als Standard vorgeschlagen. Bisher konnte sich Microsoft nicht gegen Real Networks durchsetzen, auch weil der Konzern eigentlich zu spät auf dem Markt gekommen war.
Gemeinsam mit Office 2003 bietet Microsoft nun zunächst ‘Live Meeting’ an. Mit dem Collaboration-Dienst soll es möglich sein, alle Vorgänge eines gewöhnlichen Meetings online abzubilden: Präsentationen können gemeinsam verfolgt werden, Zwischenfragen sollen über ein Chat-Tool eingebunden werden. Außerdem können die Teilnehmer gemeinsam und parallel an Dokumenten arbeiten. Damit werde Office von der Software-Suite schrittweise zu einem “Konzept” umgebaut und erweitert, heißt es bei Microsoft.

Dabei wächst der Umfang der Suite gar nicht. Denn alle Anwendungen, die dafür nötig sind, sollen vollständig auf Microsoft-Servern liegen. Auf dem Client wird lediglich der Browser als Zugangs-Tool verwendet. Damit verändert sich allerdings auch das Geschäftsmodell. Für Live Meeting wird es keine eigene Lizenz geben. Entweder man nutzt den Service über seine Office-Lizenz oder aber man zahlt wie für ein Telefongespräch. Live Meeting werde nicht der einzige Office-Dienst bleiben, kündigte Microsoft bereits an.

Schon allein wegen der in vielen Unternehmen knapperen Reisebudgets rechnet sich Microsoft Wachstumschancen in diesem Markt aus. Allerdings ist die Zahl der Konkurrenten schon jetzt groß. Die Dienstleister unterbieten sich bereits in einem scharfen Preiskampf. Von rund 640 Millionen Dollar im laufenden Jahr soll sich der Gesamtumsatz mit solchen Collaboration-Diensten bis zum Jahr 2008 um den Faktor 3,5 steigern, rechnet Microsoft selbst vor. Zwei Drittel der Umsätze fahren heute allerdings noch klassische TK-Anbieter ein, die sich nach Kräften gegen die branchenfremde Konkurrenz wehren.

Die Ankündigungen von Microsoft lassen nun aber auch erahnen, in welche Richtung das Gemeinschaftprojekt mit Hewlett-Packard gehen soll. Der ‘Athens’ genannte Business-PC nämlich werde Messaging-Dienste aller Art besser unterstützen, als Standard-Clients das heute können: Voice-over-IP genauso wie Videokonferenzen. Mit Live Meeting sei es schließlich möglich, eine Webkonferenz für bis zu 250.000 Teilnehmer aufzusetzen, heißt es nun – entsprechende Hardware und Bandbreite vorausgesetzt.

Längerfristig ist dagegen der Vorschlag angelegt, Windows Media 9 zum Standard für die Übertragung von Streaming Video zu machen. Technisch ist die Microsoft-Technik dem heute am weitesten verbreiteten MPEG 4 weit überlegen. Mit dem halben Datenvolumen lässt sich damit gleiche Qualität erzielen.

Analysten wie Richard Doherty von der Envisioneering Group werfen aber schon ein, dass Microsoft keinesfalls altruistische Motive treiben. Klar sei, so der Analyst, dass Microsoft auf Basis eines Standards weitere proprietäre Software verkaufen möchte. Beispielsweise für Digital Rights Management, Sicherheitslösungen oder der Verknüpfung mit Windows-Anwendungen ließen sich Lizenzen verkaufen, sagt Doherty voraus.