Der Markt für Content Management wird neu erfunden

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Spätestens seit der Übernahme-Orgie von letzten Monat steht fest, dass der Markt für Content Management, so wie er bisher definiert war, obsolet ist.

Warum eigentlich sollte eine Storage-Firma einen Anbieter von Produkten für das Content-Management (CM) kaufen? Immerhin plagen dieses Marktsegment seit einiger Zeit schwindende Margen. Doch EMC hat es getan und schluckte Documentum. Hewlett-Packard will den jetzigen Partner Persist übernehmen. Das zwingt etablierte CM-Player wie Vignette, Plumtree, Stellnet und Filenet sich neu zu orientieren.
Kein Zweifel: Der CM-Markt ist in Bewegung. Am 14. Oktober dieses Jahres kündigte EMC, Marktführer im Storage-Markt, die Übernahme von Documentum an. Am 21. Oktober stellte die kanadische Firma Opentext die Akquisition von Ixos Software in Aussicht. Ixos selbst hatte erst im Januar Obtree Technologies und die Powerwork AG übernommen. Das Baseler Softwarehaus Obtree stellt Technik her, die Content Management in Echtzeit erlaubt, während Powerwork aus Kempten ein Spezialist in Sachen Prozess-Management ist. Außerdem war Ixos bereits der zweite Zukauf aus Deutschland. Einen Tag zuvor hatte Opentext die Übernahme von Gauss Interprise, tätig in Sachen Web-Anwendungen, abgeschlossen.

Spätestens nach dieser Übernahme-Orgie steht fest, dass der Markt für Content Management, so wie er bisher definiert war, obsolet ist. Die Ausrichtung der neuen und alten Schwergewichte lässt erkennen, in welche Teile der CM-Markt zerfällt. Die Marktforscher von Gartner sehen auf der einen Seite Firmen wie EMC und HP, die Infrastrukturkomponenten für Content Management, also ‘Application Plattform Services’ (APS), anbieten. Diese wiederum bilden das Fundament für die Content-Applikationen für Partner-, Mitarbeiter- und Kundennetze. In diesem Markt sind die etablierten CM-Größen wie Vignette, Plumtree oder Filenet zu finden, die mit Web Content Management groß geworden sind.

<b>Vorreiter einer neuen Produktgattung</b>

Mit dem Begriff ‘Content Management’ wollen freilich weder HP noch EMC nicht viel zu tun haben. Beide sehen als Inhalt ihrer Aktivitäten das Information Lifecycle Management (ILM). Mit einem Produktangebot, das bis zur Dokumentenarchivierung reicht, will der Anbieter auf Probleme reagieren, die damit zusammenhängen, dass sich Wert und Status von Informationen mit der Zeit ändert. Genau in diese Richtung zielten auch die von ihnen übernommenen Firmen. Laut Gartner habe EMC mit 1,2 Milliarden Dollar zwar einen stolzen Preis für Documentum bezahlt, doch sei dieser durchaus als nächster Schritt einer konsequenten ILM-Ausrichtung zu rechtfertigen.

Denn dieser Akquisition sind bereits andere vorausgegangen. Im August 2000 übernahm der Speicherspezialist die Avalon Consulting Group, die Produkte zur Verwaltung von Multimedia-Inhalten offerierte. Im April 2001 kaufte EMC die belgische Firma File-Pool, die auf die Speicherung, Abfrage und Verteilung von Daten spezialisiert war, und in diesem Jahr die auf Backup-Software fokussierte Firma Legato. Documentum kommt aus dem Bereich Dokumenten-Management und hatte das Produktangebot auf Enterprise Content Managment (ECM) ausgeweitet. Insofern stellt sich der Zukauf als sinnvolle Ergänzung des bisherigen Produktspektrums dar, vorausgesetzt, dass Content und Applikationen den Verkauf von Infrastruktur antreiben.

Unter dieser Schlüsselprämisse finden auch die Marktbeobachter von IDC starke Argumente, die den Sinn dieser Fusion für EMC und die Anwender bestätigen:
* EMC ist nun in der Lage, eine komplette integrierte Lösung für Backup, Replikation, Versionskontrolle und Sicherheit sowohl für Daten als auch für Content anzubieten.
* Documentum und die Legato-Akquisition ergeben eine starke Content-Software-Suite.
* Der Zukauf ermöglicht es EMC, schneller und glaubwürdiger mit einer CM-Lösung auf dem Markt zu sein als mit einer Eigenentwicklung.
* Es ergibt sich die Möglichkeit, Consulting und Schulungen in den Bereichen ILM und CM anzubieten.
* Für den Hersteller wird es leichter, seine Storage-Produkte mit Content-Managment in Verbindung zu bringen.

Doch die IDC-Analysten finden auch ein paar Haare in der Suppe:
* Sowohl im Storage- als auch im CM-Bereich schränkt sich nun die Partnerschaft mit anderen Herstellern ein.
* Der hohe Preis, den EMC für Documentum gezahlt hat, muss sich bezahlt machen. Das Unternehmen steht unter erhöhtem Druck.
* Die bisherige Documentum-Kundschaft könnte verunsichert sein, zumal noch unklar ist, welche Produktbestandteile überleben werden.
* EMC gewinnt IBM als direkten Konkurrenten; denn Big Blue integriert bereits Content- und Datenbanktechnik in einer einzigen Informationsarchitektur, die zudem noch mehr Komponenten abdeckt.

<b>Gibt es eine ‘sichere’ Seite?</b>

Leif Pedersen, Vice President of Worldwide Marketing and Market Strategy bei Vignette, greift vor allem das zuletzt genannte Risiko gerne auf: “Seit dem Aufkauf von Documentum durch EMC haben wir einen Wettbewerber weniger”, sagte Pedersen im Interview mit silicon.de EMC aber stehe nun mit einer ganz anderen Liga in Konkurrenz: Oracle, HP und IBM. Doch während EMC sich auf den Part des erweiterten Infrastrukturlieferanten beschränken muss, kann IBM auch die Applikationsseite abdecken.

Trotz der Gefahren, die Marktbeobachter von Gartner, IDC, Ovum oder der Yankee Group für EMC und Opentext sehen, sind unzweifelhaft zwei sehr starke CM-Anbieter entstanden, was nach Prognosen der Marktauguren den Verdrängungswettbewerb noch verstärken wird. Gefährdet seien hiervon vor allem Firmen wie Filenet, Stellnet, Plumtree oder Vignette, die sie in einer zweiten Liga ansiedeln.

Leif Pedersen von Vignette sieht sein eigenes Unternehmen, aber auch Mitbewerber wie Plumtree, dagegen auf der sicheren Seite der Applikationsanbieter – Gartner nennt diese CM-Richtung ‘Smart Enterprise Suite’ (SES). Vignette bewege sich auf einer höheren Ebene, die sich um das Schmutzwasser darunter nicht kümmere, das sei Sache der Infrastrukturanbieter. Bei Web-Applikationen gehe es vielmehr darum, Anwendungen schnell und einfach umzusetzen, aber auch zusammenzufassen und zu vereinheitlichen. Als Beleg für Einfachheit und Schnelligkeit erwähnt Pedersen die Erstellung eines Portlets, die mit Hilfe von Vignette-Funktionen in weniger als fünf Minuten abgeschlossen sein kann, während eine Codierung in Java für ein Websphere-Portal von IBM etwa zwei bis drei Wochen in Anspruch nehmen würde.

<b>Massenweise Überschneidungen</b>

Trotz der verbal scharfen Trennung der Applikations- von den Infrastruktur-Spezialisten im CM-Markt gibt es eine Menge Überschneidungen. Bleiben wir beim Beispiel Vignette: Auch Vignette-Produkte übernehmen Integrationsaufgaben, wenn etwa Applikationen aus verschiedenen Portalen zusammengefasst werden. So ist nur in etwa der Hälfte der Fälle, in denen Vignette-Produkte zum Einsatz kommen, ein hauseigenes Portal im Einsatz. Zu mehr als 60 Prozent setzen die Kunden mehr als ein Dokumenten-Managementsystem ein, zu mehr als 95 Prozent mindestens zwei Datenbanken.

Und Vignette marschiert munter weiter in Richtung Integration: Als nächstes soll ein Applications Framework entstehen, das unter anderem schon jetzt sämtliche SAP-Schnittstellen (die so genannten ‘Bapis’) enthalte, aber auch die ebXML-Semantik und Schnittstellen zu anderen Applikations- und CM-Anbietern. Dabei stammt nur der Web-Content-Management-Part und seit kurzem die kontextabhängige Suche direkt aus den Vignette-Labors. Das Portal kommt von Epicentric. Den Hersteller hatte Vignette im vergangenen Jahr übernommen. Die Collaboration-Tools hat der Anbieter jüngst mit der Firma Intraspect zugekauft.