Open Source Anwendungen kommen in Nadelstreifen

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Auch im Open-Source-Bereich genügt es nicht, eine gute Idee zu haben und sie ins Netz zu stellen. Das Geschäftsmodell entscheidet auch hier das Überleben.

Linux und Geschäftsanwendungen auf Basis von Open-Source-Software waren die Gewinner des Jahres 2004. Jedes sechste Unternehmen in Deutschland vertraut inzwischen der quelloffenen Unix-Variante. “Bei den Geschäftsanwendungen steht diese Entwicklung noch bevor, der Marktanteil dürfte bei zwei bis drei Prozent liegen, Tendenz aber stark steigend”, schätzt Frank Naujoks, Analyst der Hewson Group. Über die angepassten Betriebssysteme hinaus gibt es damit Anwendungen, die die Softwarelandschaft gründlich umkrempeln. Ihnen gehört den Kennern zufolge die Zukunft der Softwarebranche.
Open Source (OS) ist schon lange in Unternehmensumgebungen im Einsatz, erste Konzerne und Regierungsstellen setzen die Lösungen ein. Sie sparen sich eigenen Angaben zufolge einen Großteil der Softwareausgaben, insbesondere die Lizenzgebühren. Beim Open-Source-Modell werden nur die Supportdienste um die Software herum abgerechnet, die Basisfunktionalität der Software ist in der Regel kostenlos, noch dazu offen und beliebig veränderbar.

Zwar kann noch nicht jedes Geschäftsproblem per Open Source gelöst werden, aber zwei grundlegende Business-Funktionen – Datenbank und Applikationsserver – sind bereits gewissermaßen aus den Turnschuhen geschlüpft. Unternehmen wie JBoss oder MySQL haben tragfähige Geschäftsmodelle für sich entwickelt und ihr Angebot, das primär auf Dienstleistung setzt, kommt bei den Kunden gut an.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie Expertise, Werkzeuge, Extensions, Support, Update-Service, Security-Grundlagen und greifbare Ansprechpartner haben. Und in beiden Fällen zahlen die Kunden – wenn sie die bezahlten Dienste in Anspruch nehmen – nicht wie sonst üblich für die lange vor dem Einsatz hinzugefügte Arbeit in Form von Lizenzkosten. Sie zahlen vielmehr für Anpassungen und Dienstleistungen. Das heißt, die Software wird in den meisten Fällen erst vom oder für den Kunden als Service angepasst.

Die (nicht zuletzt dank Linux) immer heterogener werdenden IT-Umgebungen sehen Firmen wie JBoss als Chance für die eigenen Produkte. “Wir bauen die Open-Source-Architektur der Zukunft”, sagt vollmundig Sacha Labourey, General Manager für Europa bei JBoss. Der Hersteller ist auf Applikationsserver-Software spezialisiert, die eben verschiedene Anwendungen unter einen Hut bringt.

Das eigene Mantra heißt “Professional Open Source” und beschreibt einen stark projektorientierten Ansatz. JBoss verteilt die von mehr als 70 Festangestellten aus der ganzen Welt angepasste Software unter der General Public License (GPL) an unabhängige Softwarehäuser oder direkt an Anwenderunternehmen. Die Partner – darunter Iona und Webmethods – versorgen die “rohe Software” mit den Konnektoren und vertreiben sie dann unter eigener Flagge. Das hat offenbar sogar Siemens-Abteilungen überzeugt, die nun zu ihren Anwendern zählen und ihre SAP-Arbeiten mit Appservern von JBoss vornehmen.

Labourey versteht JBoss deshalb als eine Firma, die einen echten Bedarf bedient. “Es gibt Firmen, die hypnotisierend vor den Kunden sitzen und ihnen stundenlang einreden, dass sie ein Portal brauchen – solange, bis es klappt; wir versuchen dagegen, Geschäftsprobleme zu lösen, deshalb kommen viel mehr Kunden zu uns als umgekehrt.” Dafür genügt ihnen ein Viertel der Manpower im Consulting-Geschäft, der Rest der Mitarbeiter setzt sein Wissen für die Entwicklung ein.

Professionell unter die Arme greifen

Das Konzept funktioniert, auch wenn nicht jeder Kunde die Dienstleistungen von JBoss braucht. Der Finanzmarktdienstleister Bloomberg, der für seine 30.000 Kunden Daten in Echtzeit aufbereitet, hat genügend eigenes Know-how. Die etwa 30 IT-Profis beispielsweise, die in einem Datenzentrum in New York arbeiten, versuchen die Anpassungen selbst vorzunehmen. Allerdings habe es in den ersten drei Monaten Probleme gegeben, als die Profis sich allein an komplexen Anpassungen versucht hatten. Nun nimmt Bloomberg am Programm ‘Customer Advisory Board’ teil und nutzt die Vorteile der direkten Kommunikation mit den Programmierern.

Die OS-Firma kennt das Problem, die Administration in großen und verschachtelten Applikationsumgebungen wird auch hier als “verbesserungsbedürftig” beschrieben. JBoss arbeitet aber eigenen Angaben zufolge an Management-Tools dafür. Mittlerweile schätzen die Bloomberg-Experten die OS-Software dank der neuen Unterstützung im Kundenprogramm so hoch ein, dass sie diese als Teil ihrer kritischen IT-Infrastruktur haben wollen.