Exzellenz!

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Offener Brief an den Bischof von St. Pölten

Es erfüllt unsere Herzen mit Freude, dass Sie Ihre Diözese wieder auf den rechten Weg zurückgeführt haben. Mit gerechtem Zorn erinnern wir uns daran, was die lästerliche Presse noch vor zwei Jahren über den St. Pöltener Sprengel schrieb.

Die von Ihrem Vorgänger im Amte so väterlich-nachsichtig als “Bubendummheiten” charakterisierten Vorgänge bezeichnete etwa der libertinäre Stern als “Sex-Skandal”. Priesterseminaristen sollen das Gebot der christlichen Nächstenliebe allzu umfassend interpretiert haben. Sie hätten sich dazu sogar von Bildern aus dem Internet anregen lassen, die Menschen zeigen, wie Gott sie schuf.

Zwar ist die Welt heute so ein Sodom und Gomorrha, dass derartiges akzeptiert wird. Aber es sollen sich unter jenen Bildern auch solche von sehr jungen Menschen befunden haben.

Sie haben daraufhin die PCs im Seminar durch biometrische Zugangskontrollen sichern lassen, berichtet Newsbyte. Und jetzt wenden Sie sich wieder dem sündigen Treiben in der Welt zu, um jenem Einhalt zu gebieten. Das ist wohlgetan!

Sie wollen “das Wort Gottes zu den Menschen bringen”, zitiert Sie Der Standard. Und um die englischen Heerscharen, deren Job das ansonsten ist, nicht über Gebühr zu beanspruchen, wollen sie jenes auf die Bierdeckel in niederösterreichischen Gasthäusern drucken lassen.

Das ist ein gar trefflicher Gedanke, Exzellenz. Der Bierdeckel ist ein mächtiges und zugleich sehr kontemplatives Medium. Wie erbaulich muss es doch sein, bei einer gut eingeschenkten Halben etwa über Kapitel 6, Vers 10 des Korintherbriefs nachzudenken. “Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben”, heißt es dort. Die ersten beiden Optionen geben unsereinem ja fast wieder eine eschatologische Perspektive. Da bestellt man sich doch gleich noch eine Halbe.

Auch andere große Geister wollten sich schon des Bierdeckels bedienen. Friedrich Merz hätte darauf gerne seine Steuern erklärt, auf dass dies so einfach werde wie in der Heiligen Schrift: “So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!” (Matthäus Kapitel 22, Vers 21). Leider wurde der Gute dann von der Merkel abgesägt. Übrigens: Die ist natürlich lutherisch.

Auf jeden Fall ist, das Wort mit dem Bierdeckel zu verbreiten, eine wahrhaft göttliche Eingebung. Mit Sorge hingegen betrachten wir Euer Vorhaben, das auch per SMS zu tun. Und wir rufen Euch zu: Lasst ab davon! Die SMS ist denkbar ungeeignet für Gottes Wort.

Nehmen wir nur einmal das Hohelied Salomos. – Wir bitten um Vergebung, dass auch wir im Zusammenhang mit St. Pölten immer gleich auf die einschlägigen Stellen kommen. Wir sind halt ebenfalls nicht gefeit vor dem verderblichen Einfluss der Lästermäuler, “die ihre Zunge schärfen wie ein Schwert, mit ihren giftigen Worten zielen wie mit Pfeilen, dass sie heimlich schießen auf den Frommen” (Psalter, Kapitel 64, Vers 4 und 5).

Im hohen Lied der Fleischeslust in der Heiligen Schrift nun heißt es über eine Schöne Namens Sulamith: “Die Rundung deiner Hüfte ist wie ein Halsgeschmeide, das des Meisters Hand gemacht hat. Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt… Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen… Das Haar auf deinem Haupt ist wie Purpur” (Das Hohelied Salomos, Kapitel 7, Vers 2 bis 6).

Wie sieht denn das aus, wenn man das als SMS verschickt? Haben Sie sich darüber schon mal Gedanken gemacht, Exzellenz?

So sieht das aus: (_|_) = wie Halskette, vom Meister gemacht, >- = wie Becher, rund + immer voll, 2 (.)(.) = wie junge Zwillingsgazellen, =:-) = wie Purpur (Hol 7,2-6) ;-) Mehr geht in eine SMS nicht rein. – Sowas kann man doch nicht machen!

So hätte König Salomo sicherlich nie die schöne Sulamith beschrieben. Der Mann hat wahrscheinlich gebebt vor Begierde, als er das Hohelied dichtete. Wenn der da eine derartige SMS bekommen hätte, das hätte ihn wohl ganz schön abgetörnt.

Lassen Sie’s also bleiben, Exzellenz. Versimsen Sie keine schönen Bibelworte an Christenmenschen, die vielleicht gerade freudig das Gebot der Nächstenliebe befolgen wollen.

Und wenn es nun wirklich sein muss, dann schicken Sie halt gelegentlich mal Ihren Seminaristen so eine SMS. Möglicher Weise kühlt’s ja sogar die ab.

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